Christliche Themen für jede Altersgruppe

Koscher leben ist schwierig

Speisevorschriften sind für Juden sehr wichtig. Die Regeln sagen ganz genau, was gegessen werden darf und wie zum Beispiel die Tiere geschlachtet worden sein müssen. Wie lässt sich das in Deutschland umsetzen? Ein Besuch in einem koscheren Lebensmittelladen in München.

Bild: Die Auswahl in dem kleinen Lebensmittelladen kann sich sehen lassen. (Foto: Michael McKee)

Zwei Öfen kochen in ihrer Küche. Zu Freunden bringen sie ihr eigenes Essen mit. Julia und Josef Vilensky sind Juden und leben die strengen Speisegesetze ihrer Religion auch in Deutschland. Für ihren Einkauf kommt in ganz München nur ein Geschäft in Frage.

Ohne Eile und mit viel Sorgfalt schneidet Jutta Pietsch hinter einer kleinen Wursttheke Scheibe für Scheibe von einer dicken Salami. „Die ist natürlich vom Rind, und unter strenger Aufsicht hergestellt“, sagt die Verkäuferin. Josef Vilensky nickt. Etwas anderes käme ihm auch nicht in die Tüte. Gemeinsam mit seiner Frau Julia nutzt der Unternehmensberater seine Mittagspause, um Lebensmittel einzukaufen. In welches Geschäft das Ehepaar dafür geht, darüber gab es keine Diskussion.

„Danel ist in München der einzige Laden, der ausschließlich koschere Waren hat“, erklärt die 22-jährige Julia. Wie ihr Mann stammt sie aus einer jüdischen Familie; das koschere Leben haben beide aber erst vor einigen Jahren für sich entdeckt. Seither halten sie sich streng an die Kaschrut, die jüdischen Speisegesetze. Sie regeln, welche Produkte „koscher“ sind, also „rein“ oder „geeignet“, und welche nicht („treife“). Ihren Ursprung haben die meisten dieser Vorschriften in der Tora, und zusammen bilden sie eine Säule der Halacha, der jüdischen Religionsgesetze.

Während sich orthodoxe Juden sehr streng an die Kaschrut halten, achten viele liberale Juden keine oder nur manche dieser Regeln. „Wir fanden es schade, wenn die Weitergabe unserer Traditionen nach so vielen Jahrhunderten ausgerechnet bei uns abbricht“, erklärt Julia ihre anfängliche Motivation zum koscheren Leben. Je länger sich das Paar mit den uralten Bräuchen auseinandersetzte, umso mehr kamen auch religiöse Überzeugungen dazu.

Koscherer Bierschinken

Eine der wichtigsten Kaschrut-Regeln unterscheidet zwischen dem Fleisch von erlaubten und nicht-erlaubten Tieren. Die Auswahl in der Wursttheke des koscheren Lebensmittelladens in München-Giesing ist dennoch beachtlich: Kabanossi, weiße Bratwurst, Rinderlende, Kalbshals, Wiener Würstchen, Bierschinken. Der 25-jährige Josef rümpft die Nase: „Bei Bierschinken denke ich sofort an Schwein“, sagt er.

Verkäuferin Pietsch schüttelt energisch den Kopf: „Nein, nein. Unsere Wurst ist natürlich vom Rind oder Huhn.“ Denn laut Kaschrut sind nur die Säugetiere zum Verzehr geeignet, die sowohl Wiederkäuer sind als auch zweigespaltene Hufe haben.

Rinder und Schafe dürfen also gegessen werden, Schweine und Hasen nicht. Auch Hühner gelten als koscher, ebenso wie alle Wassertiere, die Flossen und Schuppen haben. Eine Begründung gibt es nicht. „Diese Bedingungen stehen so in der Tora“, erklärt Josef. Die ist für ihn ein Gesetz-, und kein Geschichtsbuch. „Weil wir unserem Schöpfer vertrauen, vertrauen wir darauf, dass er auch beim Essen nur das Beste für uns will.“ Zwei Packungen Hähnchenbrustfilets kann Julia also bedenkenlos in ihren Korb legen.

Blut darf nicht verzehrt werden

Doch nur, weil ein Stück Fleisch von einem Rind stammt, ist es noch lange nicht koscher. Denn eine weitere Kaschrut-Regel verbietet den Verzehr von Blut. Wenn ein Tier geschlachtet wird, muss ihm der rote Lebenssaft daher möglichst vollständig entzogen werden. Das geschieht beim sogenannten Schächten: Das Tier wird mit einem Schnitt durch die Kehle getötet, ohne vorher betäubt zu werden. Denn eine Betäubung behindert die Ausblutung. Aus tierschutzrechtlichen Gründen ist das Schächten von Wirbeltieren in Deutschland verboten. „Juden bekommen aber eine Sondergenehmigung“, erklärt Rabbiner Elias Dray, der in der jüdischen Gemeinde in München die Einhaltung der Speisegesetze überwacht. Aus Kostengründen werde das Fleisch in München dennoch meistens importiert, sagt der Kaschrut-Experte.

Große Auswahl

Zwar gibt es in ganz München nur ein Geschäft für koschere Lebensmittel. Doch die Auswahl, die Julia und Josef Vilensky bei ihrem Einkauf dort vorfinden, kann sich sehen lassen. Wer koscher kaufen will, muss immer genau hinschauen: Nur wenn alle Bestandteile den jüdischen Speisegesetzen entsprechen, erhält ein Produkt ein Koscher-Zertifikat. „Manche sagen ja, wenn wir die Tiere schächten, sei das Tierquälerei“, meldet sich ein älterer Herr zu Wort, der das Gespräch mit angehört hat. Er erzählt von seinen Besuchen bei koscheren und nichtkoscheren Schlachthöfen und Hühnerfarmen. „Nach diesen Erfahrungen kann ich darüber nur lachen“, sagt er: „Wie es auf euren Höfen teilweise zugeht – das ist Tierquälerei!“

Damit beim Schlachten und der Verarbeitung alles regelgemäß vonstatten geht, gibt es an jeder Station spezielle Aufpasser, die Maschgiachs. Nur wenn sie in Absprache mit dem Oberrabbinat ihr Okay geben, bekommt die Ware ein Koscher-Zertifikat. Diese vielfachen und aufwendigen Kontrollen sind ein Grund, weshalb koschere Ware deutlich teurer ist. Selbst wenn ein Rind dann ordnungsgemäß geschächtet und zerteilt wurde, ist sein Steak noch immer nicht koscher. Um es auch vom letzten Rest Blut zu befreien, muss es speziell gesalzen und gewässert werden. Erst dann ist es wirklich zum Verzehr geeignet.

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