Christliche Themen für jede Altersgruppe

Nette Erwachsene wollen nachts helfen


FREUDENSTADT – Nachtwanderer sind keine Ordnungshüter oder ­Sozialarbeiter, doch sie gehören mittlerweile zum Straßenbild. Es sind Bürger, die nachts durch die Straßen laufen, hinschauen und da sind, vor allem für Jugendliche.  

Sie sind die Paten der Nachtwanderer: Renate Braun-Schmid (links) vom Diakonischen Werk, Hans-Martin Haist von der Kinderwerkstatt „Eigen-Sinn“ (2. von links) und Wolfgang Günther von der Erlacher Höhe (rechts). Mit den Schaufensterpuppen machen sie in Verwaltungen und Institutionen auf dieses Ehrenamt aufmerksam. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

„Wenn Sie mit uns wollen, dann müssen Sie die Jacke anziehen“. Winfried Kosuch, Teamleiter dieser Nacht, reicht mir eine blaue Fleecejacke. Nicht aufdringlich, aber gut sichtbar, steht hinten drauf: Nachtwanderer. „Wir treten stets als Gruppe auf und mit diesen Jacken sind wir erkennbar“, sagt Kosuch. Es ist eine laue Sommernacht, eigentlich zu warm für diese Jacken. Ich will jedoch eintauchen in das Freudenstädter Nachtleben, in die dunklen Gassen und Ecken gehen, dort wo Bierflaschen oder Joints die Runden drehen, das Pflaster rund um den Bahnhof erkunden, an den diversen Kneipen vorbeigehen, wo manch einer versumpft.

Die Klagen aus der Bevölkerung waren laut. An den Wochenenden gehe es in den einschlägigen Passagen oftmals sehr heftig zu. In der Zeitung immer wieder zu lesen: Randale, Zerstörungswut, Gewalt, Jugendliche, die total betrunken ins Krankenhaus eingeliefert werden. Im Stadtrat schlugen die Wellen hoch: Mehr Polizei, forderten die einen. Privater Sicherheitsdienst riefen die anderen. Mehr Streetworker und Jugendarbeit die nächsten.

Und dann kam da die ganz andere Idee auf. Nach dem Vorbild aus Städten in Skandinavien und Norddeutschland wurde im Herbst 2009 die Initiative der Freudenstädter Nachtwanderer ins Leben gerufen. Als Paten fungieren Profis aus der lokalen Sozialarbeit: Renate Braun-Schmid vom Diakonischen Werk, Wolfgang Günther von der Erlacher Höhe und Hans-Martin Haist von der Kinderwerkstatt „Eigen-Sinn“. Diese drei Institutionen sind auch von der Stadt Freudenstadt mit dem Streetworker-Konzept in der aufsuchenden Sozialarbeit betraut. Diese Profis haben nun um sich eine ehrenamtliche Helferschar von rund 50 Bürgern aus Freudenstadt geschart, sie den Winter über in Erste-Hilfe-Kursen und Deeskalations-Lehrgängen, die in Konfliktsituationen helfen sollen, geschult. Den Sommer über, in Gruppen von vier bis fünf Personen, gehen sie im Wechsel freitagnachts von 22 Uhr bis 1 Uhr auf eine Nachtwanderung durch die Stadt.

Mir ist etwas mulmig zumute, aber die Jacke und die Gruppe selbst, die klaren Anweisungen des Gruppenleiters: „Keiner verlässt die Gruppe. Wir gefährden uns nicht“ vermitteln Sicherheit. Dann geht es los, vorbei an der Stadtkirche durch den schönen Park mitten in der Stadt. Auf der Treppe sitzen plaudernd und scherzend viele Jugendliche. Sie genießen den lauen Abend, hier und da eine Bierflasche, ansonsten alkoholfreie Getränke. „Guten Abend“ sagt Kristin Schrägle, die als Diplompädagogin mit Jugendlichen von Berufswegen arbeitet, hier aber ehrenamtlich mitläuft, ganz entspannt und ohne erhobenen Zeigefinger.

Es geht vorbei in Richtung Bahnhof. Die Kneipen sind voll, doch davor am Busbahnhof sind nur wenige. Zwei 14-Jährige stoßen sich. „Das ist Spiel“, sagt Andreas Hummel, Sozialarbeiter, aber ebenfalls bei den Nachtwanderern ehrenamtlich tätig. Er schaut von weitem zu, blickt genauer hin, weil in das Gerangel ein Mädchen einbezogen wird. „Harmlos“, murmelt er. Wir ziehen weiter nun hinter den Bahnhof zu einem etwas versteckt gelegenen Platz. Dort stehen die Jugendlichen mit ihren Autos, die Bierflasche macht ihre Runde. Aber alles friedlich. Mit einem freundlichem „Hallo“ laufen die Nachtwanderer vorbei.

Die Nachtwanderer sind keine Kontrolleure, keine Spitzel der Polizei oder des Ordnungsamtes, sie sind auch nicht die Heilsarmee, die bekehren möchte. „Wir spazieren einfach durch Freudenstadt, und wenn jemand mit uns sprechen möchte, dann kann er das, und wenn jemand sich hilfesuchend an uns wendet, dann sind wir auch da, und wenn wir merken, da braucht jemand Hilfe, dann werden wir auch aktiv“, sagt Kosuch.

Die nächtliche Stadt verliert für mich mehr und mehr ihren Schrecken. Es liest sich alles viel dramatischer in der Zeitung, doch wenn man selbst nachts durchläuft, ist alles eigentlich wie am Tag, nur dass nicht die Sonne, sondern der Mond am Himmel steht. Die in den Erzählungen schon fast monsterhaft dargestellten Jugendliche entpuppen sich, zumindest an diesem Abend, als ganz normale Jugendliche, so wie man sie in der Schule erlebt. Mein erwartetes Abenteuer wird zum harmlosen Stadtspaziergang bei Nacht.

„Genau das ist es auch“ lacht Kosuch. „Ich mache hier mit, weil ich sonst den Abend doch nur vor dem Fernseher verbringen würde. Hier laufe ich doch immerhin drei Stunden. Das tut meiner Gesundheit gut, ich lerne durch die immer wieder neue Zusammenstellung der Gruppe neue Menschen kennen.“

Dass man dabei Einblicke in die Aufenthaltsräume der Jugendliche erhält und über deren Lebensweise mehr erfährt, sind die Motivation für Siegfried Rapp, er ist Rentner und hat ansonsten wenig Kontakt zu jungen Menschen. Die Nachtwanderer merken schnell, dass alles nicht so schlimm ist, wie es dargestellt wird, aber, auch das sagt Kosuch, es gibt einzelne gravierende schlimme Fälle.

Beispielsweise eine 15-Jährige, total betrunken auf der Bank. Jugendliche im Vollrausch, die keine Grenzen mehr kennen. Dunkle Ecken, in denen Rauschgift den Besitzer wechselt. In solchen Situationen informieren die Nachtwanderer die Polizei, rufen den Notarzt oder versuchen einen Streit durch ihr Dasein, ihre Ansprache zu entschärfen.

„Entschuldigung, dürfen wir Sie mal was fragen?“ Drei Jugendliche nähern sich den Nachtwanderern. „Bekommen Sie Geld dafür, dass Sie hier rumlaufen?“. Die Nachtwanderer erzählen von sich, die Jugendlichen sind beeindruckt: „Und ihr macht das tatsächlich ehrenamtlich für uns““?Es gefällt ihnen, dass sie nicht kritisiert oder ermahnt werden.

Die Nachtwanderer gehören zu der Gruppe der „netten Erwachsenen“, die mal nicht so nerven, wie Lehrer oder Eltern und irgendwie ist es auch ein gutes Gefühl, dass da Leute sind, die sich tatsächlich für sie, die Jugendlichen interessieren, die abends stehen bleiben, obwohl man eine Fahne hat und Zeit haben zum Sprechen. „Ich finde es echt stark, was ihr hier macht“, sagt der Halbstarke und trollt sich wieder weg. Laut hört man ihn aber dann nach einem Mädchen rufen: „Hey, ich will Sex mit Dir.“

Mit Lampe durch den Park

Die Nachtwanderer gehen weiter durch die Stadt zum Park Courbevoie. Hier gibt es keine Beleuchtung. Kosuch knipst seine Taschenlampe an und führt durch den Park, durch den ich alleine nicht gehen würde. Zwischen den Bäumen auf dem Bänkle hocken wieder Jugendliche. Alles friedlich. Die Jungs im Anzug und weißem Hemd und die Mädchen im Cocktailkleid. „Was ist denn heute los?“ fragt Kosuch erstaunt: „Wir kommen gerade vom Abschlussball der Realschule“, lautet die Antwort und das ist die Erklärung für die wenigen „Fälle“ an diesem Abend, zumal zahlreiche Jugendliche auch noch bei der Feier schwofen.

Es ist 1 Uhr. Ich gebe die Jacke wieder ab. Es war ein friedlicher Abend und ein angenehmer Spaziergang durch eine Kleinstadt, die nicht nur am Tage, sondern auch abends und nachts schön ist. Mit der Erkenntnis, dass Schlaglichter und Schlagzeilen zum Glück nicht immer der Wahrheit entsprechen. Und dem Erstaunen darüber, dass Bürger selbst ihren Teil zur Sicherheit beitragen können, indem sie nur nicht wegschauen, sondern hinschauen, nicht wegschleichen, sondern hinstehen.

Diese Menschen brauchen dabei gar keine Helden zu sein, denn sie sind nicht allein, sondern im Schutz der Gruppe unterwegs. Und wie bei fast allen ehrenamtlichen Tätigkeiten bringt einem das Nachtwandern selbst auch etwas, und wenn es auch nur die Erkenntnis ist, ich kann auch am Abend getrost durch Freudenstadt spazieren.

Information

Die Nachtwanderer können gut weiter Nachwuchs gebrauchen: Wer mitmachen möchte ist willkommen. Je mehr Hingucker und Nachtläufer es gibt, umso weniger „Arbeit“ gibt es für den Einzelnen. Vielleicht, so der Wunsch aller, kann dann der Dienst am Nächsten auch noch auf den Samstag ausgedehnt werden. Informationen gibt es bei der Diakonische Bezirksstelle Telefon: 07441-884012 und unter: www.freudenstadt.de/nachtwanderer .

Das Projekt gibt es übrigens auch in Herrenberg.

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