Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wie eine Ehe lebendig bleibt

Ehe – das heißt: Zwei Menschen sind einander zugewiesen. Was sie verbindet, ist körperlich, seelisch, geistig und religiös. Die Ehe ist eine gute Gabe Gottes, aber eine, die von Gott her als Unterwegssein gemeint ist. Ehe ist Werden, Bewegung, Übung. So buchstabiert sich Lebendigkeit.  

Die Ehe ist zweifellos eine der köstlichsten Unternehmungen, auf die wir uns einlassen können. Sie bietet unvergleichliche Möglichkeiten, Erfüllung und Beheimatung zu finden, zu wachsen und zu reifen. Zwei Menschen sind einander zugewiesen, und sie können sich dabei gegenseitig anregen, ergänzen, herausfordern, korrigieren. Körperlich, seelisch, geistig, religiös. Fürwahr eine gute Gabe Gottes.


Freilich: Die Ehe ist auch eines der schwierigsten Unternehmungen, auf die wir uns einlassen können. Ständig ist sie infrage gestellt und gefährdet. Von Leid und von Scheitern, von Müdigkeit und Erstarrung, von Auszehrung und toter Routine.

Das Brautpaar vor dem Standesamt oder vor dem Altar sollte wissen, dass es viel Aufmerksamkeit und viel Arbeit bedarf, wenn eine Ehe gelingen soll. Die entscheidende Frage dabei heißt: Schaffen wir es, unsere Ehe, unsere Beziehung lebendig zu halten? Das ist die große Herausforderung.

Am Anfang steht oft das Gefühl, ein Herz und eine Seele zu sein. Am Anfang steht das Bedürfnis, ineinander aufzugehen und miteinander zu verschmelzen. Am Anfang haben wir Schmetterlinge im Bauch und fühlen uns im siebten Himmel. Das alles gehört zum Zauber des Anfangs, und es soll seine Zeit und seinen Raum haben. Aber – es hat auch seine Grenze. Eine erfahrene Ehetherapeutin formuliert es sehr pointiert: „Das Verliebtsein, das Gefühl vom Himmel auf Erden, das ist ein rein hormonelles Geschehen. Nach einem halben Jahr, nach einem Jahr ist damit Schluss. Der Rest ist Ernüchterungsarbeit!“

Die Ernüchterungsarbeit besteht vor allem darin, aus der Verzauberung herauszufinden und langsam im Alltag anzukommen. Dazu wollen zwei Bedürfnisse angenommen werden, die gleichermaßen legitim sind: der Wunsch nach Bindung und der Wunsch nach Eigenständigkeit. Zwei Bedürfnisse, die immer wieder in eine gute Balance gebracht werden wollen.

Von „Lieben und Ehren“ spricht die kirchliche Trauung. Dem anderen in Zuneigung verbunden bleiben und ihn oder sie doch als eigene Person wahrnehmen und achten. Als eine einzigartige und unverwechselbare Persönlichkeit wertschätzen. Mit den ganz eigenen Begabungen und Grenzen, dem eigenen Stil und der eigenen Farbe. „Wir waren bis zur Unkenntlichkeit verheiratet“, berichtet ein Bekannter im Rückblick auf seine gescheiterte Partnerschaft und fährt fort: „Jetzt erst weiß ich, dass es in der Ehe besser ist, nicht eins zu werden, sondern zwei zu bleiben.“

Ob eine Ehe lebendig bleibt, hängt davon ab, ob jeder der beiden lebendig bleibt. Lebendige Paare suchen deshalb immer wieder den Ausgleich zwischen den eigenen und den gemeinsamen Anliegen. Sich auf Dauer ganz für den anderen aufzugeben, nur für den anderen da zu sein – das kann nicht gutgehen, und das geht nicht gut. Es lässt eine Beziehung erstarren.

Lebendige Paare wissen, dass Liebe in Freiheit und in Vertrauen gründet und nicht in Argwohn und Misstrauen. Natürlich, jede Ehe lebt von der Sicherheit und Vertrautheit und Alltäglichkeit des Miteinanders. Aber sie lebt auch von der Distanz und dem Abstand zueinander. Erst sie wecken die Neugier auf den anderen. Sie sorgen dafür, dass er attraktiv und faszinierend bleibt. Das Geheimnis von Liebe heißt Freiheit, es heißt nicht Kontrolle. Hans Jellouschek, einer der großen Eheberater unserer Zeit, bringt es auf den Punkt: „Paare, die den autonomen Freiraum der Partner sehr großzügig bemessen, tun im Allgemeinen mehr für die Stabilität ihrer Ehe als Paare, die sich gegenseitig ängstlich überwachen und aneinander kleben.“

Es wirkt immer deprimierend, wenn sich eine Beziehung erschöpft hat, wenn nur noch Erstarrung und Abnutzung bleiben. Ab und zu vielleicht eine Aufgeregtheit, aber sonst nichts. Frei nach Kurt Tucholsky: „Die Ehe war zum größten Teile verbrühte Milch und Langeweile.“

Trostlos vor allem, wenn sich die Partner gegenseitig blockieren und dabei nur noch verletzten. Der folgende kurze Austausch ist das schon klassische Beispiel dafür: „Sie: ‚Wenn du mir mehr zuhören würdest, hätte ich mehr Lust, mit dir zu schlafen.‘ Er: ‚Wenn du häufiger mit mir schlafen würdest, würde ich dir mehr zuhören.‘“ Nichts geht mehr. Eine Beziehung, die sich selbst blockiert.

Der Paartherapeut Jürg Willi hat dafür die anschauliche Formel von einer „Kollusion oder Ko-Evolution“ gefunden. In der Kollusion (lateinisch „Zusammenspiel“) wirken beide Partner zusammen und blockieren sich dabei wechselseitig („Ich bin nur so, weil du so bist“). Das Ergebnis ist ein ausgetrocknetes Nebeneinander. Die Alternative dazu heißt Bewegung und Wachstum. In der „Ko-Evolution“ entwickeln sich zwei Menschen und unterstützen und ermutigen sich dabei. Sie erschaffen sich immer wieder ihre neue Welt. Durch alle Krisen und Wechselfälle hindurch. Etwas Schöpferisches liegt darin.

Theologisch hat vor allem die Mystik sehr schön von diesem Schöpfungsakt geredet: „Unser Name ist, dass wir geboren werden sollen“, sagt Meister Eckhardt, „und Gottes Name ist: gebären.“ Das Leben als ein immer neues Geborenwerden, eine nie endende Geburt. Martin Luther nimmt diesen Gedanken auf: „Das christliche Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht Sein, sondern ein Werden, nicht Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber der Weg. Es glühet und glänzt noch nicht alles, es bessert sich aber alles.“

Ehe als Werden, als Bewegung, als Übung, als Unterwegssein. So ist es von Gott her gemeint. So buchstabiert sich Lebendigkeit.

Der dritte und vielleicht wichtigste Punkt: Wie lebendig oder wie tot die Beziehung zwischen zwei Menschen ist, wird vor allem darin deutlich, wie gut sie miteinander im Gespräch sind. Eine Partnerschaft kann unendlich viel aushalten. Kränkungen kann sie aushalten, Verletzungen, Missachtungen, Seitensprünge, Übergriffe, Beleidigungen, Krisensituationen aller Art. Was sie nicht aushalten kann, ist das Verstummen. Andersherum gesagt: Die Qualität einer Ehe wird nicht von den Kindern her bestimmt, nicht von der Sexualität her, nicht von der Arbeit, der Freizeit, der Wohnsituation oder Ähnlichem her, so wichtig dies alles ist; die Güte einer Ehe wird vor allem vom Gespräch her bestimmt. Wenn das Gespräch fehlt, dann stirbt eine Beziehung.

Wenn Menschen etwas für das Gelingen ihrer Partnerschaft tun wollen, dann heißt das vor allem: sich einüben in das persönliche, offene, direkte Gespräch. Sich zeigen. Sich mitteilen. Miteinander reden. Anteil nehmen und Anteil geben. Dabei muss es nicht immer erotisch knistern. Oft geht es um Alltägliches, um die Verteilung der Hausarbeit, um den Kontakt mit Ämtern und Behörden. Aber immer geht es darum, über sich und die eigenen Gefühle zu reden, geht es darum, zu verstehen und verstanden zu werden, zu hören und gehört zu werden, zu sehen und gesehen zu werden.

Miteinander reden: Das ist wohl auch deswegen so wichtig, weil unser ganzes Leben darauf hin angelegt ist. Wir sind angeredet, von Gott her angeredet. So bekennen wir es im Glauben. Am Anfang ist das Wort, das uns anredet, und in der Mitte ist das Wort, das uns anredet und versichert, dass wir gemocht und geliebt sind. Und auch am Ende, darauf vertrauen wir, wird dieses liebevolle Wort stehen. Das Wort unseres Gottes, das uns ins Leben ruft und im Leben hält und im Leben bewahrt.

Zum Schluss noch eine Anmerkung: Natürlich, die Scheidungsziffern in unserem Land sind heute beängstigend hoch. Von daher schleicht sich oft ein weinerlicher Ton in unser Reden ein. Alles scheint den Bach herunterzugehen. Demgegenüber gilt es festzuhalten: Die große Mehrheit der Ehen ist stabil und dauerhaft, das vergessen wir manchmal.

Unendlich viele Menschen wollen miteinander alt werden und vertrauen darauf, dass ihre Partnerschaft sich vertieft und wächst. Sie freuen sich an dem, was sie miteinander erfahren und erlebt haben, und vertrauen darauf, dass es ihnen auch weiterhin gut miteinander gehen wird. Unendlich viele sehen Meinungsverschiedenheiten und gelegentliche Konflikte als selbstverständlich an und nähern sich ihnen mit der Gewissheit: Wir schaffen das, wir halten zusammen, wir tragen das miteinander. Kein Wunder, dass sich auch die Mehrheit der jungen Menschen nach wie vor nach solchen dauerhaften Beziehungen sehnt. Beziehungen, die einem einen Ort und eine Heimat geben.

Nein, den Jammerton brauchen wir nicht. „Nicht den Geist der Verzagtheit“, wie es im 2. Timotheusbrief heißt, „sondern den Geist der Liebe und der Kraft und der Besonnenheit“ (1,7). Vor allem für die grundlegende Herausforderung einer lebendigen Ehe brauchen wir diese Tugenden: Liebe und Kraft und Besonnenheit.


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