Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erinnerung an Casablanca

Macht die digitale Welt dement, wie der Hirnforscher Nanfred Spitzer behauptet? Im Seniorenheim ­offenbar nicht. Im Gegenteil. Das Friedrichshafener Gustav-Werner-Stift macht gute Erfahrungen mit „Memocare“ – einem Computerprogramm speziell für Menschen mit Demenz.


Der Umgang mit dem Computer ist gar nicht so schwer: Die Bewohnerinnen Elisabeth Langel und Brigitte Richert zusammen mit Betreuungsassistentin Janina Hessok. (Foto: Brigitte Geiselhart)


„Casablanca“ – Diesen Hollywood-Klassiker hat wohl jeder schon mal gesehen. Aber welcher Schauspieler gab eigentlich den legendären Satz „Ich schau Dir in die Augen, Kleines“ von sich und schaute dabei die hübsche Ingrid Bergman so schmachtend an? War das Cary Grant, Clark Gable, Charlton Heston oder Humphrey Bogart? Jetzt ist Filmwissen gefordert: Jeder darf fleißig mit raten und ist mit Eifer bei der Sache. Und warum sollte man als älterer Mensch nicht auch am Computer spielen, dabei sogar etwas lernen und vielleicht längst vergessene Fähigkeiten wieder entdecken – zumal wenn keine komplizierte Bedienung erforderlich ist.

Vor wenigen Monaten sind die 94-jährige Elisabeth Langel und die 83-jährige Brigitte Richert ins Seniorenheim Gustav-Werner-Stift in Friedrichshafen eingezogen. „Wir haben uns hier kennengelernt“, sagen die beiden Damen gut gelaunt. Zusammen mit Betreuungsassistentin Janina Hessok sitzen sie an diesem Vormittag an einem PC mit so genanntem „Touchscreen“ – also einem Bildschirm, den man nur antippen und nicht einmal eine Tastatur bedienen muss.

Die anfängliche Skepsis und Scheu im Umgang mit der bisher weitgehend unbekannten digitalen Welt haben sie jedenfalls schnell verloren. Eine kleine Berührung der jeweiligen Symbole oder Antworten und schon kann es weitergehen. „Humphrey Bogart“ – die Lösung der oben genannten Frage fiel jedenfalls gar nicht so schwer. „Ja, gerade Rätsel gefallen den Leuten sehr gut, auch kleinere Rechenaufgaben sind sehr beliebt“, weiß Janina Hessok.

Jetzt zum „virtuellen“ Einkaufen im Supermarkt. Preise vergleichen, verschiedene Lebensmittel in den Einkaufswagen legen, und wenn es dann zur Kasse geht vorher im Kopf  die Zahlen überschlagen – welche Hausfrau kennt das nicht. Aber wer kommt der Gesamtsumme am nächsten? Das wird ganz schön knifflig. Toll, dass man in der Gruppe der Mitmachenden auch seine ganz individuellen Stärken ausspielen kann. Dass die Zeit dabei wie im Fluge vorbeigeht, ist ohnehin klar.

Jahreszeiten, Farben, Tiere, Wald, Musik, Berufe, Reise oder Film –  das sind doch Themen, die uns im Grunde alle interessieren? In diesem speziellen Fall geht es um „Memocare“ – eine Hard- und Software, die eigens für die Beschäftigung in der Altenpflege entwickelt wurde und die seit einigen Monaten den Bewohnern des Gustav-Werner-Stifts die Möglichkeit gibt, am PC und im Internet aktiv zu sein.

„Wenn wir das Wort Internet hören, denken die meisten nicht an die Altersgruppe der Senioren, sondern eher an die jüngeren Generationen. Aber auch für die Bewohner eines Pflegeheims kann das Internet sehr viele interessante Möglichkeiten bieten. Voraussetzung ist natürlich ein Zugang, der speziell auf die Bedürfnisse älterer Men-schen zugeschnitten ist“, erklärt Pflegedienstleiter Tobias Günther.

 „Das Programm bietet professionelle Übungen an, die von Experten erstellt wurden, um zu aktivieren und zu stimulieren. Grundgedanke ist natürlich, dass Senioren relativ schnell damit umgehen können. Ziel hierbei ist, das Gedächtnis von Menschen mit Demenz zu fördern. Und jede Menge Spaß macht das Ganze sowieso.

Das kann auch Betreuungsassistentin Eva Maria Pyzik bestätigen. „Die Übungen bauen auf den Erinnerungen unserer Bewohner auf und beziehen ihre Erfahrungswelt mit ein. Es gibt weder Über- noch Unterforderungen. Alle bleiben gerne dabei.“

Mode? Warum nicht. Welcher Bekleidungsstil kam eigentlich in den 80er-Jahren ganz groß raus? Waren damals nicht die breiten Schulterpolster „in“? Daran denkt man sicher gerne zu-rück. Wieder stehen vier Fotos zur Auswahl. Also nichts wie getippt und sein Glück versucht.  

Zentrales Element von  Memocare sind großformatige Bilder, die eine angenehme Atmosphäre schaffen. Nicht nur das Lösen von Aufgaben, auch das wertschätzende Gespräch soll genügend Raum erhalten. Aber Memocare bietet noch mehr. Die „Tagesschau von gestern“ kommt sehr gut an, das Lesen von verschiedenen Tageszeitungen direkt im Internet, auch „Weltreisen“ mit Google Maps. Orte besuchen, die man gerne noch einmal sehen möchte? „In dieser Straße in Berlin habe ich mal gewohnt“ – wenn da keine heimatlichen Gefühle aufkommen.

Und wie spannend kann ein Telefonat mit den Enkeln sein, die womöglich in der Welt verstreut und doch via Skype ganz nah sind. Selbst das ­Schreiben einer E-Mail ist prinzipiell über eine Sprachfunktion möglich und kann bei Unterstützung durch das Personal ohne Probleme in Angriff genommen werden. Und auch ein Foto kann über die am PC installierte Kamera aufgenommen und an seine Lieben verschickt werden. „Es gibt wirklich sehr viele Möglichkeiten, gerade die visuelle Komponente wird von vielen Bewohnern besonders geschätzt. Wir wollen aber keine Reizüberflutung, deshalb bieten wir dieses Programm in der Regel zweimal pro Woche an“, betont Janina Hessok.

Elisabeth Langel und Brigitte Richert sind an diesem Vormittag jedenfalls begeistert. Und sie haben Lust auf mehr bekommen, wie viele andere Mitbewohner, die mit Internet und PC bisher wenig am Hut hatten.

„Wir sind sehr erfreut, diese Möglichkeit unseren Bewohnern zur Verfügung stellen zu können“, sagt auch Tobias Günther. Er ist mit der Akzeptanz zufrieden. Bisher verfügt das Gustav-Werner-Stift über einen Memocare-PC, der mobil in jedem Zimmer einsetzbar ist. Dass der Bedarf für mehrere Geräte vorhanden ist, davon ist man in der Pflegedienstleitung überzeugt. „Natürlich wäre auch ein Memocare-Tablet toll, etwa für Bettlägerige“, sagt Günther und wirbt damit um potenzielle Sponsoren. Der Blick der Altenpfleger geht in jedem Fall in die Zukunft, in der die digitale Welt auch in Seniorenzentren verstärkt Einzug halten wird. „Wir denken in den Häusern der Bruderhaus-Diakonie nach vorne“, betont der Pflegedienstleiter des Friedrichshafener Gustav-Werner-Stifts. „Bald werden unsere Bewohner nicht mehr nach einem Telefonanschluss, sondern nach WLAN fragen. Darauf müssen wir uns einstellen.“ 


Information
„Memocare“ ist ein Programm, das  für die  Beschäftigung in der Altenpflege entwickelt wurde. Der Grundgedanke ist, dass Senioren relativ schnell damit umgehen können und ihnen ein einfacher Zugang in die digitale Welt ermöglicht wird. Professionelle Übungen sollen aktivieren, stimulieren und das Gedächtnis von Menschen mit Demenz fördern. Zentrales Element der Memocare-Übungen und -Programme sind großformatige Bilder, die eine angenehme Atmosphäre schaffen. Weitere Informationen zum „Memocare“-Programm im Seniorenzentrum Gustav-Werner-Stift, Konstantin-Schmäh-Straße 30, 88045 Friedrichshafen, Telefon 07541-92260, E-Mail: szgws.fn@bruderhausdiakonie.de


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