Christliche Themen für jede Altersgruppe

Glücklich nur mit Kindern?

Moderne Menschen suchen unentwegt nach Glück. Ob sie es dabei finden, ist eine ganz andere Frage. Auch Kinder sind keine Garantie für ein erfülltes Dasein. Doch die Wahrscheinlichkeit, ein glückliches Leben zu führen, nimmt zu, wenn man Kinder hat, behauptet zumindest der Soziologe Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. 

Kinder vergrößern den Erfahrungsschatz des Lebens auf einem elementar-wichtigen Gebiet. (Foto: epd-bild/Gemeindeblatt)

Es sind gleich mehrere Statistiken, die Martin Bujard zu der Kirchentagsveranstaltung „Bin ich meines Glückes eigener Schmied? Lebensformen mit und ohne Kinder“ mitgebracht hat. Die eine zeigt, dass die Zahl der „dauerhaft kinderlosen“ Frauen inzwischen bei 18 Prozent liegt. Bei den Akademikerinnen in Großstädten sind sogar schon fast 50 Prozent ohne eigenen Nachwuchs. Eine andere besagt, dass Menschen auf der Suche nach Glück in hohem Maße eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie anstreben. Allein: Es lässt sich ganz offenbar nicht so vereinbaren, wie sich das viele wünschen.

Deshalb sieht Bujard in der „Entzerrung der Rushour des Lebens“ eine der großen Herausforderungen der Zukunft. Will heißen: Weil wir alle heute länger leben und arbeiten, darf nicht alles Wichtige in das Jahrzehnt zwichen dem 30. und 40. Lebensjahr hineingestopft werden. Karriere, Familie, Kinder – wer das alles auf einmal erledigen muss, kann nicht wirklich glücklich werden. Sein Appell an die Wirtschaft: Gebt den Leuten Gelegenheit zu einer Auszeit für die Familie, ohne dass es sie die Karriere kostet. „Auf lange Sicht ist das doch nur ein kleiner Teil des Arbeitslebens, das für viele in unserer Generation bis 67 dauert“.

Was Martin Bujard Sorgen macht, ist eine ständig weiter zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft zwischen denen, die Kinder haben und jenen, die ohne Kinder leben. Beide fühlen sich dabei zuweilen in die Ecke gedrängt oder benachteiligt, haben wechselseitig den Eindruck, der Dumme zu sein und etwas vom Leben vorenthalten zu bekommen.

Deshalb ist der Soziologe auch sehr vorsichtig, wenn er sich zum Thema Glück und Kinder äußert. Bloß keine Stigmatisierung der Kinderlosen, keine Vorwürfe und einseitigen Urteile, keine pauschalen Aussagen, die etwa in die Richtung gehen: Nur wer Kinder hat, kann wirklich glücklich sein. „Für manche Paare“, sagt Bujard, „sind Kinder tatsächlich nicht das richtige. Da fängt das Unglück damit an, dass sie welche bekommen.“

Dennoch wagt der Bevölkerungswissenschaftler bei seinem Vortrag in der Schwabenlandhalle in Fellbach die These, „dass die Wahrscheinlichkeit ein glückliches Leben zu führen, tatsächlich größer ist, wenn man Kinder hat.“ Das hat etwas mit der Anzahl der Faktoren zu tun, die Glücksgefühle begründen.

Da gibt es den glücklichen Moment, den man in der Freizeit oder im Beruf erlebt. Genießen und auskosten, heißt hier die Devise! Dann das Gefühl von Verbundenheit und Nähe. „Wenn Sie unglücklich sein wollen“, sagt Martin Bujard, „dann brechen sie einfach den Kontakt zu anderen Menschen ab.“ Beziehungen machen zwar nicht automatisch glücklich, aber das Fehlen derselben führt auf jeden Fall ins Unglück. Auch eine persönliche Entwicklung, das Erwerben von Fähigkeiten und das Erreichen von Zielen kann Glücksfaktoren beinhalten. Ebenso wie das Gefühl, etwas Bleibendes geschaffen zu haben.

Vor allem letzteres ist es, das nach Bujards Meinung Menschen mit Kindern leichter fällt: Glücklich zu sein, weil sie das Gefühl haben, etwas geschaffen zu haben, das bleibt, auch wenn sie einmal nicht mehr da sind. Auch die Glücksmomente, die man mit Kindern erlebt, können für Eltern einzigartig sein. Ganz zu schweigen von der großen Nähe und tiefen Verbundenheit, die in der Beziehung zu Kindern liegen.

„Kinder“, sagt Martin Bujard, „vergrößern einfach den Erfahrungsschatz auf einem elementar-wichtigen Gebiet des eigenen Lebens.“ Man könnte auch sagen: Wer keine Kinder hat, weiß nicht, wie es ist, mit Kindern zu leben. Wer hingegen Kinder hat, muss auf die Erfahrung ohne Kinder nicht verzichten, weil selbst Eltern nicht ihr ganzes Leben lang mit der Erziehung von Kindern beschäftig sind.

Unabhängig davon ist das Thema Glück ohnehin zu komplex, als dass man es auf die Kinder-Frage reduzieren könnte. Das zeigten auch andere Redebeiträge bei der von Pfarrerin Christiane Kohler-Weiß moderierten Kirchentagsveranstaltung.

So kritisierte der katholische Theologe und Sozialethiker Dietmar Mieth die weitverbreitete Haltung, das Glück immer von der Erfüllung bestimmter Wunschvorstellungen abhängig zu machen. Frei nach dem Motto, wenn – dann: Wenn ich erst erwachsen bin und eigenes Geld verdiene, wenn ich erst einen Partner habe und verheiratet bin, wenn dann mit den Kindern das Leben endlich komplett und erfüllt sein wird. „Wer immer in der Zukunft lebt“, sagt Mieth, „der verpasst die Gegenwart“.

Es gehört ohnehin zu den größten Zivilisationsproblemen, immerzu nach Glück zu streben. Hollywood macht’s vor und die Werbung tut ihr Übriges. Weil wir heute so viele Möglichkeiten haben und theoretisch im Leben alles erreichen können, leiden wir unter der Vorstellung, ständig etwas zu verpassen.

„Das Glück liegt nicht darin, immer nach dem Glück zu suchen“, sagt auch die evangelische Theologin Isolde Karle aus Bochum. Das Dilemma moderner Menschen sei, dass sie pausenlos Lebensentscheidungen zu treffen hätten. Nichts sei mehr vorgegegeben, alles individuell planbar, „und das gilt auch für Schwangerschaften“. Versagt man, schafft man es nicht, „so ist es immer das eigene Versagen“ und nicht wie früher eine autoritäre Gesellschaftsordnung, in der die Lebensläufe vorgezeichnet sind.“

Ein höheres Maß an Gelassenheit und Gottvertrauen im Umgang mit dem eigenen Leben mahnt deshalb auch Martin Bujard an. „Der Perfektionismus ist kontraproduktiv“, und das gelte auch für das Leben in den Familien.

Bujard wünscht sich, das sich junge Menschen etwas weniger den Kopf zerbrechen und einfach „Mut zu Kindern“ haben. Die Aufgabe der Gesellschaft wiederum sei es, eben denen zu helfen, die wirklich Kinder wollen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die, die einen Kinderwunsch haben, ihn sich auch wirklich erfüllen.

Andererseits gehe es aber auch darum, zu akzeptieren, wenn sich Paare gegen Kinder entscheiden. Weg von der Polarisierung, der Intoleranz gegenüber der jeweils anderen Lebensform, hin zu einem entspannteren Umgang mit der Frage, wer nun warum Kinder bekommt oder eben nicht.

Eine Garantie für einen glücklichen Verlauf der Ehe sind Kinder laut Martin Bujard ohnehin nicht. Die Soziologen haben auch hier sämtliche Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen untersucht. Das Ergebnis ihrer Analyse: Am ehesten halten statisisch betrachtet die Ehen, in denen es gemeinsamen Immobilienbesitz gibt.





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