Christliche Themen für jede Altersgruppe

Verstecke suchen an echten Orten

Wie bringt man ein Dutzend 20-Jährige dazu, sich auf die Stufen ihrer Kirche zu setzen? Antwort: Die Kirche ist eine Arena in Pokémon Go. Ein virtuelles Spiel in der wirklichen Welt.

Schon in den 90er-Jahren gab es die Pokémons. Darauf baut das Spiel heute auf. (Foto: epd-bild)

Ob es einem gefällt oder nicht: Es ist das nächste ganz große Ding in der digitalen Welt. Innerhalb von nur einer Woche nach Veröffentlichung in den englischsprachigen App-Stores haben über 65 Millionen Menschen Pokémon Go auf ihre smarten Mobiltelefone geladen. Die Zahl der Twitter-Nutzer in den USA hat das Spiel damit bereits überflügelt. Seit ein paar Tagen ist das Spiel auch über die deutschen Plattformen erhältlich. Es bricht auch hier Rekorde.

Um was geht es? Das Erfolgsrezept heißt „Augmented Reality“. Gemeint ist die Verbindung von realer und virtueller Welt. Das Spiel versteckt an echten Orten auf der ganzen Welt die kleinen Pokémon-Figuren. Daneben gibt es so genannte PokéStops und Arenen. Zu finden ist alles jedoch nur mit der App.

Wer das Spiel startet, die Ortung seines Geräts durch GPS zulässt und die Kamera einschaltet, entdeckt mit etwas Glück eines der rund 100 Pokémon-Monster in seiner Umgebung. Einsammeln lassen sich solche wilden Pokémons, wenn man sie mit Bällen bewirft. Die wiederum gibt es an den PokéStops. Spieler können ihre Pokémons anschließend trainieren, in Arenen gegeneinander kämpfen lassen oder tauschen.

Die Gründe für den rauschartigen Erfolg von Pokémon Go dürften nicht allein in der eher simplen Spielidee liegen. Eher haben sie vermutlich mit nostalgischen Gefühlen und einem gut bereiteten Boden zu tun. Über die Welt kamen die japanischen Taschenmonster nämlich schon im Jahr des Herrn 1996. Pokémons – das Wort steht für „Poketto Monsuta“, also die japanische Aussprache von „Pocket Monsters“ – gab es zuerst in Videospielen und einer Fernsehserie. Unzählige Merchandising-Artikel und inzwischen 17 Kinofilme kamen dazu.

Und natürlich die Sammelkarten. Um die Jahrtausendwende dürfte kaum ein Kind in der westlichen Hemisphäre der Begegnung mit Pikachu, Taubsi & Co. entkommen sein, oft zur Verzweiflung der Eltern. Seltene Pokémon-Karten werden von Sammlern noch heute mit bis zu fünfstelligen Beträgen gehandelt.

Die Generation der Kinder von damals nennt man heute Millennials. Sie sind um die 20, ein bisschen darüber, ein bisschen darunter. Sie alle haben Smartphones.

Zum Erfolg trägt noch etwas bei: Das Spiel zwingt hinaus ins Freie. Man muss sich bewegen, um erfolgreich zu spielen. In den USA ist allerdings auch schon ein Mädchen während der Jagd nach Pokémons an einem Flussufer über eine Männerleiche gestolpert. Und immer öfter kommt es zu Unfällen, weil Pokémon-Go-Spieler im Jagdfieber nur noch auf den Smartphone-Bildschirm stieren und nicht auf den Verkehr um sie herum achten oder sogar am Steuer ihres Autos weiter spielen.

Fälle wie dieser dürften allerdings weniger werden, je mehr sich die Pokémon-Hysterie herumspricht: In Rheinland-Pfalz lösten zwei nächtliche Spieler einen Polizeieinsatz aus, weil Anwohner sie mit Einbrechern verwechselten. Nach kurzer Monsterkontrolle durch die Beamten durfte das Pärchen weiterjagen.

Weniger lustig ist, dass Kriminelle das Spiel aber offenbar tatsächlich gezielt für Verbrechen nutzen. Vier junge Männer zwischen 16 und 18 Jahren wurden im US-Bundesstaat Missouri festgenommen, nachdem sie Spieler zu einem PokéStop gelockt und mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt hatten. Als hilfreich für die Gauner erwies sich dabei die Möglichkeit, im Spiel gegen kleines Geld für eine halbe Stunde besonders viele Monster an einen Punkt zu locken – und damit auch andere Spieler. Medienexperten freuen sich zwar darüber, dass sich die Jugend bewegt, mal endlich raus geht und die ein oder andere Entdeckung in der wahren Welt macht. Sie heben aber – wenig überraschend – auch den Zeigefinger wegen der genannten und weiterer Gefahren.

Dabei geht es nicht nur um die Frage des Datenschutzes. Zum Preis für das zunächst kostenlose Spiel gehört, dass die Millionen Spieler innerhalb einer Woche eine der größten Datensammlungen mit individuellen Bewegungsprofilen erzeugt und einem Unternehmen geschenkt haben, das nun damit quasi alles machen kann, was es will. Der Weg zur Arbeit oder zur Schule, zu Lieblingsplätzen, Lieblingsläden: Sollte die Nintendo-Tochter Niantic demnächst auf Werbung als Geschäftsmodell setzen, dürften sich viele wundern, wie gut die Werbetreibenden sie kennen. Aber wer liest schon das Kleingedruckte?

Es machen auch Bilder die Runde wie jenes, das einen Rattfratz-Pokémon im NS-Vernichtungslager Auschwitz zeigt. Nach der Gedenkstätte Au­schwitz haben auch die bayerischen KZ-Gedenkstätten die Entwickler des Spiels aufgefordert, ehemalige Konzentrationslager wie Dachau oder Flossenbürg als mögliche Spielorte zu entfernen.

Ganz anders äußert sich dagegen der christliche Blogger Aaron Earls aus Tennessee, der für LifeWay arbeitet. LifeWay ist das Medien- und Verlagshaus der Southern Baptist Church mit über 4000 Angestellten und 186 Läden überall in den USA.

Er erinnert an Paulus, der den Juden ein Jude und den Schwachen ein Schwacher sein wollte, um sie für Jesus zu gewinnen. Und fordert die Gemeinden auf, die Chancen, die der Hype bietet, mit vollen Händen zu ergreifen: „Prüfen Sie, ob Ihre Kirche oder Ihr Gemeindehaus im Spiel vorkommen. Selbst wenn man das Spiel nie spielt, kann man dennoch sehen, welche Orte PokéStops oder Arenen sind.“ Vor allem Arenen sind interessant: Es könnte sein, dass hier künftig mehr Menschen unterwegs sind als üblich und zum Spielen verweilen.

„Bringen Sie Willkommens-Schilder an der Kirchentür an“, empfiehlt Earls. „Warum nicht die Kirche öffnen und die Spieler im Inneren spielen lassen? Gerade an heißen Sommertagen dürfte sich das als gern angenommenes Angebot erweisen.“

Genau so sieht das inzwischen auch das Pfarrerpaar Doris Schirmer-Henzler und Christof Henzler aus dem oberfränkischen Tröstau. Vor kurzem wurden sie von grinsenden Konfirmanden darauf gestoßen: „Wussten Sie eigentlich, dass die Tröstauer Pokémon-Kampfarena mitten in unserer Kirche ist?“ Die beiden Theologen fanden das zunächst „ziemlich dreist und nicht ganz sachgemäß“ von den Programmierern. Sind nicht Kirchen eigentlich Zufluchtsorte, Orte der Versöhnung und des Friedens?

Doch jetzt hängen ein Pokémon-T-Shirt und ein Zettel am Schwarzen Brett der Kirche: „Kommt herein, schaut euch die Kirche mal an“, steht darauf, „besonders den segnenden, versöhnenden Christus vorne. Sprecht ein Gebet für alle verfolgten Menschen auf der Welt und eines für alle Menschen, mit denen ihr Streit habt.“

Darunter folgt der faire Hinweis, dass natürlich keiner in die Christuskirche hinein muss zum Spielen, weil das auch auf dem Kirchplatz funktioniert. Und: „Wenn ihr anschließend noch eine Runde Kicker spielen wollt, klingelt einfach am Pfarrhaus und fragt nach dem Schlüssel für den Jugendraum.“

Weitere Informationen im Internet  unter: www.holyapostlesnyc.org

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