Christliche Themen für jede Altersgruppe

Helfer mit langem Atem

SCHRAMBERG (Dekanat Sulz) – Es waren die Massenentlassungen in der Uhrenindustrie in den 80er-Jahren, die Schramberger Christen zusammenrücken ließen. Bis heute helfen die beiden Kirchen dort Arbeitslosen weiter – selbst wenn die Situation auf dem Arbeitsmarkt heute nicht mehr so dramatisch ist wie damals.  Von Bärbel Altendorf-Jehle


Bernd Zabel (links) und Pfarrer Michael Jonas bieten Hilfe in der BAZ-Beratungsstelle in Schramberg (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Die BAZ (Bildung, Arbeit, Zukunft) ist die einzige Arbeitsloseninitiative deutschlandweit, die in der Hand von Kirchengemeinden liegt, und sie wird ökumenisch geführt. Die ursprüngliche Idee zur Gründung der Arbeitsloseninitiative hatten die Protestanten, als die Krise der Uhrenindustrie in Schramberg zu einer Arbeitslosenquote von 8,4 Prozent führte. Unter den 1306 erfassten Arbeitslosen waren 695 Frauen, 102 Jugendliche unter 20 Jahren und 251 ausländische Mitarbeiter, die keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz hatten.

Dieser Einschnitt in der kleinen Stadt, der plötzlich allen vor Augen führte, wie schnell und unverschuldet jeder arbeitslos werden kann, machte betroffen, und die Idee der evangelischen Kirchengemeinde, hier aktiv zu werden fiel auf fruchtbaren Boden. Es gab ein breites Bündnis mit der katholischen Kirche, den Gewerkschaften, der Arbeiterwohlfahrt, dem Gemeinderat, den Schulen, dem Landkreis sowie der Stadt und Teilen der Industrie.

Heute ist die große Krise vorbei, aber die evangelische und die katholische Kirche halten an der Einrichtung, die im katholischen Gemeindehaus untergebracht ist, fest. Es sind jetzt eher Einzelfälle, die Hilfe brauchen. Menschen, die, durch welche Lebensumstände auch immer, durch das Netz gefallen sind: Langzeitarbeitslose, die keine Perspektive mehr sehen oder Menschen mit Handicaps, die schwieriger zu vermitten sind. Das ist und bleibt eine große Aufgabe.

Bernd Zabel vom BAZ sieht in Schramberg und in Freudenstadt seine Hauptaufgabe darin, für diese Menschen ein Netzwerk aufzubauen: zu Firmen, Behörden, Volkshochschulen, Krankenkassen und Vereinen. Er will Vertrauen schaffen. Dazu gehört, dass er ihre Aussagen vertraulich behandelt, ihnen ehrlich sagt, wo ihre Defizite sind und woran sie arbeiten müssen. Das Vertrauen in sich selbst und ihre Fähigkeiten sollen sie zurückgewinnen. Zum anderen möchte er Vertrauen bei den Arbeitgebern aufbauen. Die sollen wissen, dass sie eine kompetente Arbeitskraft bekommen.

Das ist auch für Pfarrer Michael Jonas von der evangelischen Kirchengemeinde Schramberg wichtig. Er sieht den Auftrag der Kirche darin, den Menschen in Notsituationen beiseite zu stehen und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. „Diese Menschen zu coachen, sie fit oder wieder fit zu machen für die Anforderungen der Arbeitswelt, darin sehe ich die Aufgabe der BAZ.“ Wenn das geschafft ist, sei auch die Bereitschaft der Arbeitgeber größer, die Menschen einzustellen.

Pfarrer Jonas erzählt von Schulabgängern, die nicht wissen, wie eine Bewerbung auszusehen hat, die ein Leben nach dem Motto führen: Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Er berichtet von Langzeitarbeitslosen, die es verlernt haben, ihr Leben zu organisieren, und an neuen Arbeitsstellen meist durch Fehlzeiten glänzten. Wenn Jonas das sagt, dann geschieht das nicht vorwurfsvoll und abfällig. Er beschreibt eine Tatsache, mit dem Ziel, es zu ändern und zu helfen, statt nur zu bedauern und zu trösten.

Die Welle der Betroffenheit, die es in den 80er-Jahren gab, ist vorbei. Arbeitslosigkeit ist kein öffentliches Thema mehr. Die BAZ verfolgt ihre Arbeit noch immer mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Genauigkeit wie damals. Zabel geht es auch nicht um Werbung für BAZ, sondern um Erfolge für Arbeitssuchende, denen er im christlichen Sinne helfen möchte, um wieder einen Arbeitsplatz zu finden.

„Ich habe einen herrlichen Job“, sagt Zabel und strahlt über das ganze Gesicht, wenn er erzählt, wie niedergeschlagen die Menschen meist sein Büro betreten und wie zuversichtlich, mit einem Lächeln auf dem Lippen, sie es dann wieder verlassen.

Es sind manchmal die kleinen Tipps und Hilfestellung, die Großes bewirken können. Beispielsweise wenn Zabel einem Mann, der kein Auto hat, Möglichkeiten aufzeigt, bei welchen Firmen er sich dennoch bewerben kann, weil er dort mit Bus und Bahn bequem hinkommt. Da gibt er den Tipp, wo ein Computer benutzt werden kann, um die Bewerbungen zu schreiben. Da ist es vielleicht sinnvoll, jemanden in der Zeit der Arbeitslosigkeit zur Rückenschule zu schicken, damit er wieder fit wird für die schweren Tätigkeiten, die sein Beruf mit sich bringt.

Zabel erwartet aber auch Eigeninitiative. Wenn er sieht, es ist kein Wille da, dann gibt es auch keine Hilfe. 13 Jahre lang hat Bernd Zabel in Amerika gelebt. Dort sei es üblich, erst einmal bei der Familie, den Freunden den Nachbarn nachzufragen, ob die nicht wissen, wo man sich bewerben kann. Selbstverständlich bespricht man mit ihnen die Bewerbungsunterlagen, nimmt deren Ratschläge an. Arbeitslosigkeit ist dort kein Tabuthema.

Diese Einstellung will Zabel auch hier in Deutschland vermitteln: Seid aktiv, meldet euch, fragt nach. Nicht auf dem Sofa träge und hoffnungslos sitzen bleiben, vielmehr in der Arbeitslosigkeit auch eine Chance sehen und die plötzlich sich daraus ergebende Zeit auch nutzen, um sich in der Familie verstärkt einzubringen, sich um die Kinder zu kümmern, sich durchaus auch ehrenamtlich zu engagieren. Daraus ergeben sich vielleicht später einmal neue Perspektiven.

Sich sportlich betätigen, um gesund und fit zu bleiben, sich weiterbilden, um auf dem Laufenden zu bleiben, das ist nach Ansicht Zabels wichtig, um am Ball zu bleiben und nicht in Trägheit zu verfallen. Zabel: „Schon der Weg, auf den sich ein Arbeitsloser macht, um wieder eine Arbeit zu bekommen, ist eine wertvolle Erfahrung, die ihn weiterbringt.“

BAZ Schramberg, Telefon 07422-9542477, Internet: www.baz-gmbh.de

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