Christliche Themen für jede Altersgruppe

Auf leisen Sohlen

Jesaja 42,1–4 Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

Impuls zum Predigttext für den 1. Sonntag nach Epiphanias: Jesaja 42,1–4.  Von Johannes Eißler

Johannes Eißler ist Pfarrer in Eningen unter Achalm im Kirchenbezirk Reutlingen.

„… einen gesunden Leib, den Frieden, den Segen und den Heiligen Geist“, so lautet ein alter Neujahrswunsch. Da ist eigentlich alles drin, sollte man meinen. 2014 – 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs – werden wir uns neu bewusst, was es heißt, im Frieden leben zu können. Wenn obendrein noch der Segen und der Heilige Geist dazu kommen – was will man mehr?
Das erste der vier so genannten Gottesknechtslieder in Jesaja 49 legt noch einen anderen Schwerpunkt. Drei Mal findet sich hier das Stichwort „Recht“. Darum geht es Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, also ganz wesentlich, dass das Recht bei den Menschen bekannt wird.
In unserer Frömmigkeitstradition sind Glaube, Liebe, Hoffnung stärker im Fokus. In lutherischer Tradition betonen wir die Bedeutung der Bibel als des Wortes Gottes. In pietistischer Tradition halten wir darüber hinaus das Gebet, die Gemeinschaft, das soziale Handeln und die Mission hoch.
Vielleicht sind uns die Zehn Gebote zu selbstverständlich. Vielleicht waren es kritische Sätze von Martin Luther zum Umgang mit dem Mose-Gesetz, die uns in Distanz zum Begriff „Recht“ gebracht haben.
Mit „Recht“ ist all das umschrieben, was zu Gottes guter Lebensordnung gehört. Was ist das Gegenteil von Recht? Was gewinnt an Macht, wenn es keine Rechtsordnung und keine Rechtsnormen mehr gibt? Mit wenigen Stichworten ist die Hölle skizziert: Korruption, Willkür, sexueller Missbrauch, Ausbeutung, Gewalttat, Missachtung Gottes und seiner Weisungen.
Für Gott ist das Recht kein zweitrangiges Ziel. Ohne eine Rechtsordnung, wie sie im Alten Testament angelegt ist und bei Jesus in der Bergpredigt zugespitzt wurde, ist kein friedliches Zusammenleben denkbar. Recht muss gepflegt werden. Vieles, was Eingang gefunden hat in unser Bürgerliches Gesetzbuch und unsere Rechtsprechung, hat seinen Ursprung in den göttlichen, in der Bibel aufgeschriebenen Weisungen. So bin ich dankbar für alle, die in unserem Land für Recht und Ordnung sorgen: Richterinnen, Schöffen, Rechtsanwälte, Polizistinnen, Gewerkschaften, Mitarbeitervertretungen. Und wir tun gut daran, wenn wir uns bei der Weiterentwicklung unserer Rechtsordnung immer wieder auf die Grundordnungen der Bibel besinnen.
Gott betraut seinen Knecht also mit der vornehmsten Aufgabe, nämlich dem Recht zum Recht zu verhelfen. Er soll es nicht machen wie die meisten Könige und Herrscher, die ihr Recht notfalls mit Militärgewalt durchsetzen. Nicht wie Diktatoren, die mit Hilfe von Propagandaministern „auf den Gassen“ die Massen mobilisieren. Der Knecht Gottes kommt auf leisen Sohlen.
Jemand hat einmal gesagt: „Wenn du schreist, hör‘ ich dich, wenn du redest, versteh‘ ich dich.“ Gott möchte keine Untertanen, er möchte Menschen, die sein Recht verstehen und danach handeln. Wenn in einer großen Firma der Chef oder die Chefin wechselt, dann wird oft mit eisernem Besen gekehrt. Köpfe rollen und Positionen werden neu besetzt. Nicht so beim Gottesknecht. Das bereits abgeknickte Rohr wird er nicht vollends zerbrechen. Den glimmenden Docht wird er nicht ganz auslöschen.
Ich denke an Jesus, der mit der Frau am Brunnen spricht. Ich denke an den Heiland, der die Aussätzigen heilt. Ich denke an den Auferstandenen, der den Verräter Petrus wieder aufrichtet und in Dienst nimmt. Jesus ist der „Knecht Gottes“ – das ist eine für uns Christen zumindest naheliegende Deutung.
Jochen Klepper dichtete: „Dem alle Engel dienen, / wird nun ein Kind und Knecht. / Gott selber ist erschienen / zur Sühne für sein Recht. / Wer schuldig ist auf Erden, / verhüll nicht mehr sein Haupt. / Er soll errettet werden, / wenn er dem Kinde glaubt.“

Gebet
Gott, wenn ich dem Unrecht Tor und Tür öffne,
wenn ich deine Worte verdrehe,
um mich zu schonen,
dann, Gott, schaffe dir Recht, auch gegen mich.
Wenn andere mich für ihre Zwecke gebrauchen,
wenn sie mich nicht achten, sondern nur sich,
dann verschaffe mir Recht aus deinem Heiligen Recht.
Wenn ich aufstehe und deine Rechte
für alle deine Geschöpfe einfordere,
wenn ich dies mit Zittern und Zagen versuche,
dann, Gott, soll deine Rechte mich halten.

Hannes-Dietrich Kastner. In: Gottesdienstpraxis Serie A, VI/3,
Gütersloher Verlagshaus 1996.

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THEMA - Die Bergpredigt

Ausgabe 3/2017

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