Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bibel neu verstehen lernen

Die Neutestamentlerin Luise Schottroff war eine Wegbereiterin der Feministischen Theologie. Sie starb bereits im Februar im Alter von 80 Jahren. Unter anderem war sie Herausgeberin und Übersetzerin der „Bibel in gerechter Sprache“. Die frühere Bischöfin der Nordelbischen Kirche, Bärbel Wartenberg-Potter, erinnert an die Theologin, die einer breiten Öffentlichkeit vor allem von den Kirchentagen her bekannt ist.


Luise Schottroff beim Kirchentag 2007 in Köln. (Foto: epd-bild)

Luise Schottroff war eine genaue „Bibelforscherin“: neugierig, unprätentiös, gewissenhaft und leidenschaftlich. Sie wurde, trotz oder wegen vieler Widerstände, eine der bedeutendsten Neutestamentlerinnen und Neutestamentler unserer Zeit. Sie hat einen wirklichen Paradigmenwechsel in die Exegese eingeführt.

Ihr war keine Mühe zu groß, in den biblischen Texten jedes Jota umzuwenden, um den tiefen Schriftsinn herauszufinden. Sie hatte mit ihrem Mann, Willy Schottroff, gelernt, aus den Grabinschriften und Dokumenten der antiken Welt das reale Leben der Menschen herauszukratzen und so die sozialgeschichtliche Bibelauslegung zu festigen. Die beiden haben das wirkliche Leben in biblischer Zeit neu entdeckt.

Mit ihrem Buch „Jesus von Nazareth – Hoffnung der Armen“ hatte sie eine Art Visitenkarte abgegeben. Immer genauer hat sie die Welt der Arbeit und der armen Menschen sichtbar gemacht, denen Jesus die Hoffnung auf eine andere, gerechtere Welt, das Reich Gottes, geweckt hatte: die rechtlosen Taglöhner, die verachteten Soldaten, die mit Urin arbeitenden Purpurherstellerinnen, die Kinder- und Sklavenarbeiterinnen.

Sie half denen ans Licht, die im Dunkel der traditionellen Exegese verschwunden oder zum Klischee erstarrt waren. Als deutsche Professorin hat sie an die armen geschundenen Menschen gedacht.

Da sind selbstverständlich die Frauen zum Vorschein gekommen, die bedeutenden Frauen der Jesusbewegung, die Hirtinnen, Pharisäerinnen, Feldarbeiterinnen, Jüngerinnen. Sie hat die Frauen entschieden eingereiht in die lange Schar der Jüngerinnen und Jünger der Jahrhunderte. Aufrecht und frei begannen die, ins Licht der Geschichte zu treten. Mit ihrer exegetischen Gründlichkeit wurde sie so etwas wie eine „preußische Feministin.“

Als Mitherausgeberin und Übersetzerin der Bibel in gerechter Sprache hat sie das alles fruchtbar gemacht. Trotzdem wollte sie, dass man an ihrem Sterbebett den 23. Psalm in Lutherdeutscher Sprache spreche. Was für ein schöner Widerspruch!

Mit dem meines Erachtens radikalsten Buch „Die Gleichnisse Jesu“, hat sie zu einer umfassenden neuen Verstehensweise der Gleichnisse angesetzt. Seitdem ist es nicht mehr möglich, die biblischen Texte ohne ihre sozialgeschichtliche Wirklichkeit zu lesen. Es ist nicht mehr möglich, den Großgrundbesitzer aus dem „Gleichnis von den bösen Weingärtnern“ (Markus 12,1?–?12) mit Gott gleich zu setzen. Für viele war und ist das verstörend. Sie hat diesen Texten eine alte Haut abgezogen, damit eine neue wachse.

Woher hatte sie das alles? Das kleine Mädchen Luise fuhr auf dem Fahrrad mit dem Vater, dem Pfarrer, in die Dörfer und nahm an jedem seiner Gottesdienste teil. Sie hörte, was im Elternhaus über die Bekennende Kirche gesprochen wurde. Sie lernte all die schönen Texte der Bibel „in- und auswendig.

Die frauenbewegte Mutter vertrat während des Krieges den abwesenden Vater, gegen den Widerstand vieler deutsch-nationaler Kollegen. Ein Vorbild für die junge Luise.

Es war dann die Unfassbarkeit der Shoa, die aus Luise Schottroff jene unermüdliche, ja unerbittliche Verfechterin eines neuen Bibelverständnisses gemacht hat. Sie war unbestechlich, auch unduldsam in dem Versuch, den christlichen Antijudaismus in Exegese, Kirche und „im christlichen Abendland“ zu überwinden. Ihre Klarheit hat auch manche verletzt.

Den „Mächten und Gewalten“ (Römer 8,38) stellte sie sich immer aufs Neue mit der Kraft des inspirierten Wortes entgegen. Viele hat sie befähigt, aus dem biblischen Ethos heraus Protest einzulegen: gegen die Verelendung von Menschen, gegen die Missachtung von Frauen, gegen die verderbliche Wachstumsideologie des Kapitalismus, gegen den Rüstungswahn, gegen die Zerstörung von Natur, Kultur, Tradition und Religion.

Gemeinsam mit Dorothee Sölle, „der besten Freundin“, hat sie mit der Vision des Reiches Gottes gegen „Hohes und Tiefes“ gekämpft, gestritten, gelacht und geweint und ihre große Nachfolgegemeinschaft angefeuert oder getröstet. Die beiden waren großartige Vorbilder für ungezählte Menschen.

Ihre exegetische Arbeit ist ein großes Vermächtnis und muss unbedingt fortgeführt werden. Dazu hat sie viele Schülerinnen und Schüler hinterlassen, die dazu bereit sind.



Die Gleichnisse Jesu

Luise Schottroff
Die Gleichnisse Jesu
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