Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Erinnerung Raum geben

Johannes 15,9–12 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

Der Erinnerung Raum geben

 

Impuls zum Predigttext für den 21. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 15,9–12.  Von Ulrike Rose

Pfarrerin Ulrike Rose

Was bleibt? Wenn etwas vergeht oder vergangen ist, wenn jemand aufbricht oder schon fort ist, wenn wir zurückbleiben oder Abschied nehmen, dann fragen wir uns: Was bleibt? Was bleibt von einem Menschen, dem ich nicht mehr in die Augen sehen kann? Was bleibt von der gemeinsam erlebten Zeit, was bleibt mir von ihm? Welche Erfahrungen kann ich in meinem Alltag bewahren?

Im Johannesevangelium begegnet Jesus der Frage seiner Jünger, was ihnen bleibt, wenn er nicht mehr bei ihnen sein wird. Sie wissen um seinen Tod. Sie sind verunsichert. Da nimmt sich Jesus Zeit – Zeit für seine Abschiedsreden. Diese Reden nehmen im Johannesevangelium einen so breiten Raum ein, weil sie für eine Gemeinde im ausgehenden ersten Jahrhundert nach Christus geschrieben sind. Von der Umwelt bedrängt und mit immer größer werdenden Abstand zum Tod und Leben Jesu, drohte die Gemeinschaft auseinander zu brechen. Warum bleiben?

„Bleibt in meiner Liebe“, das ist Jesu Antwort. Er formuliert es sogar als Gebot: „Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, so wie ich euch liebe.“ Kann man Liebe einfordern? Nein, sicher nicht. Aber man kann die Erinnerung wach rufen an Situationen, in denen ein Mensch Liebe erfahren hat.
Genau das tut Jesus. Jesus erinnert an seine Liebe – und er erinnert die Jünger an ihre eigene Fähigkeit zu lieben. Die Liebe bleibt und eben weil die Liebe bleibt, habt auch ihr allen Grund zu bleiben. Jesus verbindet seine Liebe und damit auch die Liebe der Jünger eng mit der Liebe des Vaters, mit der Liebe Gottes: Wo Menschen lieben, haben sie Anteil an Gottes Liebe. Da gibt es keine qualitativen Unterschiede, sondern wo Liebe geschieht, da wird Gottes Liebe gelebt.

Liebe gehört in unsere zwischenmenschliche Erfahrung. Menschen lieben und werden geliebt – ohne Liebe ist Leben undenkbar, ohne Liebe kann Leben scheitern. Der Theologe Christian Dietzfelbinger beschreibt, was Liebe ist: Sie ist „das Geschehen, in dem einer den anderen gelten lässt und zur Geltung bringt, ihm also zum Verwirklichen seines Wesens hilft. Indem zwei Menschen einander liebend begegnen, erschließt sich ihrem Leben eine neue und eigentliche Dimension, die es lebenswert macht.“

Ganz eng verbunden mit der Liebe ist die Freude. Erinnern wir uns an Momente, in denen wir die Liebe eines anderen Menschen wirklich gespürt haben, so sind das Momente der Freude, in denen wir ganz erfüllt waren, uns frei und voller Tatendrang fühlten. Solche Erlebnisse sind Höhepunkte – kein Dauerzustand. Aber die Freude vergangener Tage ist tatsächlich etwas, das uns in unserem Alltag bleiben kann.

Zur Erfahrung der Liebe gehört neben der Freude auch der Schmerz: Meine Liebe kann ins Leere laufen oder enttäuscht werden. Diese Erfahrung machten auch die Jünger. Sie brauchten Mut, die Liebe neu zu wagen. Jesus weiß darum, deshalb nimmt er sich Zeit für seinen Abschied und spricht zu ihnen. An seine Worte können sich die Jünger später immer wieder erinnern und Mut fassen.
Wenn Jesus Abschied nimmt, dann verhilft er Schritt für Schritt zu einem Blick nach vorne, in eine Zukunft, in der die Jünger auf sich gestellt sind. Er lässt los. Aber diese Zukunft ist eine Zukunft mit seiner Liebe, denn sie ereignet sich überall da, wo Menschen sie gegenseitig lieben. In unserer Liebe ereignet sich die Liebe Gottes. Es ist eine schöpferische, Leben schaffende Liebe. Sie braucht den Blick nach vorne: ein Leben aus dem Vertrauen auf die Erinnerungen an und die Erfahrungen von erlebter Liebe. Im Erinnern kann sich Zukunft neu eröffnen. Wir versuchen dieser Zukunft Raum zu geben in unseren Gottesdiensten und unserem Zusammenleben – so wie die Jünger dieser Erinnerung Raum gaben, wenn sie in ihrer Gemeinschaft blieben.¦

Gebet

Gott, du vollkommene Liebe,
du lässt deine Sonne aufgehen über Gute und Böse
und willst, dass wir auch unsere Feinde lieben.
Gib uns deinen Geist,
damit wir dem Bösen mit Liebe widerstehen
und bei allem Streit in deinem Frieden bleiben.
Durch Jesus Christus, unsern Herrn.
Amen.

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