Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der rote Faden im Leben

1. Mose 50,15–20 Die Brüder Josefs fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte. Und seine Brüder gingen selbst hin, fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.


Geistlicher Impuls für den 4. Sonntag nach Trinitatis: 1. Mose 50,15–21.  Von Johannes Schleuning

Johannes Schleuning ist Pfarrer in Schnait im Remstal.


Das Ende einer großen Erzählung. Josef, der Träumer. Josef, der Liebling des Vaters, der den Neid und die Missgunst seiner Brüder provoziert. Eine Lebensgeschichte mit großartigen Höhenflügen und tiefsten Tiefen. Josef stolz im bunten Rock, dann aber im Brunnenloch nur knapp dem Tod entronnen und als Sklave verkauft und verschleppt. Josef als umsichtiger Verwalter am Hof des Potifar, dann aber im ägyptischen Gefängnis ohne Prozess oder Rechtsbeistand. Und schließlich, als Belohnung für seine Gabe der Traumdeutung, Josef als mächtigster Mann im Reich gleich nach dem Pharao, aber zugleich fern der Heimat und in den Augen seines Vaters Jakob lange schon tot.
Josef war von seinem Gott reich beschenkt worden: mit Schönheit, mit Weisheit, mit Geduld. Vor allem aber hat er in all den Wirrungen seines Lebens seine Zuversicht nicht verloren. Obwohl er dort unten im Brunnen und während der langen Jahre im Gefängnis sicher nicht gewusst hat, wie das ausgehen würde. Den roten Faden in seiner Biografie hat Josef ebenso wenig gesehen wie du und ich. Er musste, wie wir alle, sein Leben vorwärts leben, konnte es aber erst rückwärts verstehen.
Und er besaß Selbstvertrauen, er hat immer neu begonnen, er hat aus den Gaben, die er hatte, immer wieder Neues entwickelt zum Nutzen anderer. Dem Potifar hat er gedient als treuer Sachwalter seiner Güter und hat sich von dessen Frau nicht von seinem Weg abbringen lassen. Dem Mundschenk im Gefängnis hat er geholfen, auch wenn der ihn hinterher sehr schnell vergessen hat. Die Getreidevorräte Ägyptens hat er verwaltet, so dass in schlechten Zeiten von dem gelebt werden konnte, was in guten gesammelt wurde. Nicht jedem Politiker gelingt so ein langfristiges Projekt.
Erst am Ende der Erzählung wird klar, worauf sich Josefs Weitsicht gründet. In den beiden Sätzen, die er seinen Brüdern sagt, werden sein großer Glaube und seine tiefe Demut sichtbar. „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ Was für ein Wort! Josef nimmt seinen Brüdern ihre Angst und entlastet ihr – zu Recht – schlechtes Gewissen. Er unterscheidet sich von Gott und tut damit den entscheidenden Schritt zur wahren Menschlichkeit. Wir sind stets dabei, uns groß zu machen und wichtiger zu nehmen als wir es in Wahrheit sind. Josef stellt sich unter seinen Schöpfer und wird damit frei von allen Rachegelüsten und von aller Überheblichkeit. Er lässt Gott Gott sein. Damit beschreitet er einen Weg, den Jahrhunderte später der Menschensohn Jesus Christus geht: Der verzichtet auf eigene Größe und wird zum Diener seiner Jünger. Und ist gerade darin wahrer Gott.
Und der andere Satz: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“  Josef erkennt am Ende der Geschichte Gottes Plan, den er mit seinem und seiner Brüder Leben hatte. Er erkennt staunend den Größeren: den Gott, der selbst aus verworrenen Geschichten Gutes wachsen lässt. Den Gott, der selbst aus meinen bösen oder gut gemeinten Absichten etwas schaffen kann, was anderen nutzt und ihm zur Ehre gereicht. Warum Gott das tut? Josef sagt: „Um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ Am Ende kommt ans Licht, dass selbst der Neid der Brüder, selbst die Bosheit von Potifars Frau, selbst die Vergesslichkeit des Mundschenks dem Ziel dienen müssen, das Volk Gottes am Leben zu erhalten trotz Hungersnot und Dürre.
Denen die Gott lieben, so wird es Paulus später sagen, müssen alle Dinge zum Besten dienen. Alle Dinge! Da gibt es noch eine Menge zu entdecken.

Gebet
Heiliger Gott, verworren ist mein Leben mit all den Höhen und Tiefen, die darin auftauchen.
Manchmal verliere ich das Ziel aus den Augen.
Gib mir Weisheit und das Vertrauen in dich.
Deine Gedanken sind höher als unsere Gedanken und deine Wege höher als unsere Wege.
Lehre mich die Kunst, mir alle Dinge zum Besten
dienen zu lassen.
Lass mich bleiben in deiner Liebe.
Amen.

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 49/2017

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