Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Quelle der Erkenntnis

Römer 11,32+33+36 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Trinitatis: Römer 11,33–36. Von Eberhard Feucht

Eberhard Feucht ist Dekan in Herrenberg.

 

Es gibt Situationen, die scheinen Menschen oft innerlich zu zerreißen. Ein Problem – doch keine Lösung in Sicht. Soll ich nach den nicht enden wollenden Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz zu neuen Ufern aufbrechen? Sollte ich nicht endlich mit dem reden, dem ich nach dem verletzenden Streit zum Gegner wurde? Sollte ich mein Versäumnis, das mich innerlich quält, nicht endlich bereinigen? „Problem erkannt. Problem gebannt.“ Leider ist es nicht immer so einfach! Häufig geht es nicht um simple Lösungen, sondern dass ein Mensch wieder befreit leben kann. Ein erster Schritt ist natürlich getan, wenn ich mich dem Problem stelle und ihm in die Augen schaue. Verschließe ich die Augen, habe ich irgendwann vielleicht ein noch größeres Problem. Doch ein zweiter Schritt sollte folgen, der zum Gespräch führt. Dieser Schritt ist so, als ob man in einem muffigen Zimmer die Fenster weit aufreißt.  Oft staune ich, wie aus dem schier Unauflöslichen Heilendes in einem Menschen geschehen kann, wenn das Verdrängte zur Sprache kommt.

Vermutlich sind wir mit diesen Gedanken auch ganz nahe bei Paulus. Es treibt den Apostel nicht nur um, sondern es zerreißt ihn bei der Frage, wie es um das Verhältnis Israels zu Gott bestellt ist. Paulus gehörte mit Fleisch und Blut zum Volk Israel. Er ist mit ihm im Herzen verbunden. Aber er war auch Christ und als Heidenapostel davon überzeugt, dass Jesus Christus als Messias von Gott gesandt war, um allen Menschen die Freiheit zu bringen.

Ein Riesenproblem! Was macht er? Er verschließt die Augen nicht, setzt sich hin und legt das Problem offen. Seine Art der Offenlegung: Er schreibt einen Brief, in dem er den Sachverhalt zur Sprache bringt. In drei Kapiteln des Römerbriefes (9–11) beschreibt er den Weg Gottes mit Israels mit allen seinen Brüchen. Trotz allen Verwerfungen: An der Erwählung Israels kommt keiner vorbei. Dann scheint der Knoten zu platzen. In einem kühnen theologischen Ringen kommt Paulus die Erkenntnis, dass Gottes Heilsweg, seine Gnade allem menschlichen Denken, aller menschlichen Überheblichkeit überlegen ist: „Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“

Es ist dieses Erbarmen Gottes, das für Paulus zum Schlüssel des Unglaublichen wird. Gott selbst hat in seinem Sohn die Grenze überschritten, die ihn, den Schöpfer, von seinen Geschöpfen trennte. Er ist Mensch in Jesus geworden und hat Glück und Probleme, die Menschen belasten, geteilt. Deshalb kann nichts von dieser Liebe Gottes trennen: Sie hält selbst der stärksten Belastungsprobe stand. Darum trennen auch die Unterschiede von Juden und Heiden nicht mehr.

Wenn das so ist, dann kann man nur mit Paulus in den staunenden Lobpreis einstimmen: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!“ Wenn selbst dieser absolute Verstandesmensch Paulus auf einmal höchst emotional wird, dann muss er etwas erfahren haben, das seinesgleichen sucht. Gottes Liebe und Fürsorge seinen Menschen gegenüber ist grenzenlos. Sie reißt die Mauern der Vorurteile nieder und führt Menschen zusammen. Darüber kann man nur staunen. So wie man staunt, wenn finstere Lebenstäler wieder ins Licht führen oder das Leben eine zweite Chance bekommt. Doch bei allem Staunen bleibt auch das Unbegreifliche und oft Nichtverstehbare, das sich über ein Leben legt. Von Martin Luther haben wir gelernt, dass diese Unbegreiflichkeit Gottes in unser Gottesbild hineingenommen werden muss. Doch Gott bleibt nicht der ferne und unergründliche Gott. Die einzige Quelle der Erkenntnis ist für uns wie für Paulus Jesus Christus.

Es ist erstaunlich, wie dieser Mann aus Nazareth zu seinen Lebzeiten Menschen verändert hat und heute noch zur Veränderung befähigt. Wir werden Bauklötze staunen, wenn wir erleben, dass wir auf unseren Problemen nicht sitzen bleiben, wenn wir ihnen offen in die Augen schauen, sie ehrlich benennen und Christus selbst um seine Hilfe und Beistand bitten.

 


Ihr Gebet

Gebet

Staunend hören wir: Du bist ganz nahe.
Der das Weltall trägt mit seinen Tiefen,
wartet auf die Kleinen und empfängt uns.

Jürgen Henkys. In: Evangelisches Gesangbuch, Nummer 212,3.





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