Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Fest, das nicht alle feiern

Für Mehmet ist Weihnachten doof. Was machen eigentlich Juden und Muslime am 24. Dezember? Wie Traditionen des Weihnachtsfestes auch dort wirken, wo nicht die Geburt Christi begangen wird.

Bild: Arne Dedert , picture alliance / dpa

Stille Nacht? Ja gerne. Aber, Hand aufs Herz:

Was wünschst du dir denn zu Weihnachten?“ fragt Lena, 6, in der Pause ihren Schulkameraden Mehmet. Gestern Abend erst hat sie ihren Wunschzettel ans Christkind fertig geschrieben. „Weihnachten – das gibt es bei uns nicht und auch keine Geschenke“, sagt Mehmet nur. „Wir sind Muslime.“ Und dann fügt er trotzig hinzu: „Weihnachten ist doof!“

Lena fragt nicht weiter. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Mehmet nicht wie sie und ihre Freundinnen in die Religionsstunde geht. Aber der Micha geht doch auch nicht, und kriegt trotzdem immer ganz tolle Geschenke! Lena kommt ins Grübeln. Schon in Kindergärten und Schulen spiegelt sich die Vielfalt von Religionen und Bekenntnissen in unserem Land wider. Zwar sind immer noch etwas mehr als 60 Prozent der Deutschen Christen – etwa je zur Hälfte evangelisch oder katholisch, sowie orthodox oder anderen christlichen Bekenntnissen zugehörig – aber Religionen wie der Islam sind im Vormarsch. Immerhin leben in Deutschland rund vier Millionen Muslime – etwa die Hälfte davon sind deutsche Staatsbürger. Hinzu kommen Juden, Buddhisten, Hindus. Im Kindergarten treffen diese unterschiedlichen Glaubenswelten erstmals aufeinander, erleben die Kleinen, dass es auch andere Lebensweisen gibt als die von zuhause.

Wie fühlen sich die Kinder von Muslimen, Juden, Buddhisten und Hindus zum Beispiel um die Weihnachtszeit? Wie erleben sie den glitzernden und klingenden Weihnachtstrubel, das Hetzen und Rennen, bei dem es um nichts anderes zu gehen scheint als um die schönste Weihnachtsdekoration, die üppigsten Geschenke, das beste Essen? Wie fühlen sie sich unter all den Engeln, Nikoläusen, raunenden Weihnachtsmännern, rotnäsigen Rentieren, in einer alles beherrschenden duftgeschwängerten Weihnachtsmarktswelt? Wie erleben sie das bibbernde Hoffen, mit dem ihre christlichen Altersgenossen den Heiligen Abend erwarten? Mit ein bisschen Bedauern, ein bisschen Frust oder gar Neid, außen vor zu sein? In den USA haben die Juden für solche Befindlichkeit ihrer Kinder sogar einen festen Begriff: Sie nennen es das „Dezember-Dilemma“.

Chanukka statt Weihnachten

Was also machen unsere nichtchristlichen Mitbürger an Weihnachten? Die 100 000 der Israelitischen Religionsgemeinschaft angehörenden Juden haben es einfach. Sie können Chanukka, ihr Lichterfest, dagegensetzen. Es findet immer im Dezember statt, in diesem Jahr vom 28. November bis 5. Dezember. Acht Tage lang wird dabei der Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 (164 v. Chr.) gedacht. Man trifft sich nach Sonnenuntergang im Familien- und Freundeskreis, zündet jeden Abend ein neues Licht auf dem achtarmigen Chanukka-Leuchter an, bis alle acht Kerzen brennen. Man betet, singt, hört sich die Chanukka- Geschichte an, und mit besonderen Köstlichkeiten aus der jüdischen Küche wird fröhlich gefeiert. Und für die Kinder gibt es auch kleine Geschenke wie Münzen, das Chanukka-Geld.

„Ich liebe die schöne Atmosphäre des Weihnachtsmarktes und gehe jedes Jahr wieder hin“, erzählt der 36-jährige Arik, ein gläubiger Jude. „Aber natürlich feiere ich mit meiner Familie ganz traditionell Chanukka. Früher bekamen die Kinder immer nur kleine Geschenke. Heute geben wir ihnen allerdings auch größere Geschenke. Was meine Kinder auch noch haben ist ein Weihnukka-Kalender.“ Weihnukka? So nennt man, erklärt er, seit den 1920er-Jahren den Versuch, in deutschen gemischt-religiösen Familien christliches und jüdisches Brauchtum „unter einen Baum“ zu bringen. „Ich habe schon als Kind alle Weihnachtsfilme angesehen, alle Lieder mitgesungen“, sagt Dina, 48 „Ich war beeindruckt von den bunten Weihnachtsbäumen, den glitzernden Kugeln. Heute feiert sie mit ihrer Familie Chanukka und Weihnachten. „Wir sehen es so: Weihnachten ist für uns vor allem ein kulturelles Fest und kein christliches“. Der 50-jährige Jaron ergänzt: „Da ich eine Christin geheiratet habe und wir an Weihnachten immer meine Schwiegereltern einladen, stellen wir ihnen zuliebe einen Baum auf. Dort hängen dann neben bunten Kugeln auch David-Sterne, hebräische Buchstaben und kleine Chanukkias. Wir laden alle Verwandten ein, meine und die meiner Frau, und feiern ein großes Familienfest. Mit vielen Kerzen, Lichterketten und gutem Essen!“ So geht es ein bisschen multikulti eben auch

Muslimische Weihnacht? Fehlanzeige!

Für die gläubigen Muslime gibt es um die Weihnachtszeit kein eigenes Fest. Dafür wird im Islam das Ende des Fastenmonats Ramadan groß gefeiert, von den Türken auch Zuckerfest genannt. Man besucht bei diesem Fastenbrechen Verwandte und Freunde, beschenkt sich gegenseitig mit Süßigkeiten und dabei werden meist auch süße Gerichte verzehrt. Die Kinder werden dabei besonders verwöhnt. Attila, 42, ist strenggläubiger Muslim. „Nein, wir feiern natürlich nicht Weihnachten“, sagt er. „Allerdings ist es schwierig, wenn die Kinder noch klein sind. Sie bekommen den ganzen Trubel ja von außen mit. Wir sagen dann immer, wir haben doch auch ganz tolle Feste, da dürfen dann die anderen Kinder nicht mitfeiern. Mich selbst nervt es immer ein bisschen, wenn mich die Leute vor Weihnachten ansprechen und fragen: Und, was machst Du an Weihnachten? Ich frage sie ja auch nicht, was sie an unseren Feiertagen machen.“ Auch in der türkischen Familie der 30-jährigen Yasemin gibt es Weihnachten nicht. „Aber die Kinder sollen natürlich nicht leer ausgehen. Deshalb bekommen sie am 24. Dezember auch ein paar Geschenke. Ich bin übrigens schon oft danach gefragt worden und erlebe immer großes Interesse und sehr viel Toleranz.“ Melanie R. lebt in einer christlich-muslimisch gemischten Ehe. „Mein Mann gibt mir relativ viel Raum für meine christlichen Traditionen. Aber er hat darauf bestanden, dass unser Sohn Amin beschnitten wurde. An Weihnachten lässt er mir ganz freie Hand. Allerdings geht er dem Christbaum aus dem Weg – nie würde er beim Aufstellen helfen, eine Kugel aufhängen oder eine Kerze anzünden.

Weihnachten als Überlieferung

Die 25-jährige Studentin Abhiraj ist Hinduistin: „Da wir in Indien so viele unterschiedliche Religionen nebeneinander haben, ist es uns egal, was und wie die anderen feiern. Wir akzeptieren jeden mit seiner Glaubensrichtung. Sie und ihre Glaubensgenossen feiern Diwali, das indische Lichterfest. Da werden alle Häuser mit Lichterketten, Girlanden und Öllämpchen geschmückt und die Gläubigen singen und tanzen mehrere Tage lang. Und was macht Claudia, 49? Sie gehört zu den mehr als 30 Prozent Deutschen, die in der Statistik unter „Konfessionslose“ aufgeführt sind. „Natürlich wird mit den drei Kindern Weihnachten ganz groß gefeiert, mit Adventskranz, Christbaum und Weihnachtsliedern und Geschenken!“, sagt sie. „Das sind schöne Traditionen, die wir nicht missen wollen.“ Und, so fügt sie hinzu: „Auch ohne das Kind in der Krippe ist die Botschaft der Engel vom ‚Frieden auf Erden‘ unser größter Weihnachtswunsch.“

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