Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein geistlicher Schuttberg

Der Stuttgarter Birkenkopf ist eine natürliche Erhebung im Westen der Landeshauptstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs er um 40 Meter, denn der Schutt musste irgendwo gelagert werden. Inzwischen ist der Birkenkopf Aussichtspunkt, sportliche Herausforderung und geistlicher Ort.


Sonntagmorgens die Aussicht auf Stuttgart genießen und an der Andacht teilnehmen. (Foto: factum)

Ein paar Schleierwolken durchkreuzen den ansonsten blauen Himmel über Stuttgart. Obwohl die Sonne über der Stadt steht, liegt diese noch im Morgendunst. Gemächlich wandern einige Menschen zur Aussichtsplattform des Birkenkopfes oder fahren gar mit dem Fahrrad hoch. Andere haben sich schon auf die Steinbänke gesetzt. Wer regelmäßig zur sonntäglichen Andacht auf den Birkenkopf kommt, hat ein Sitzkissen dabei. Und einen Sonnenhut. Auch etwas zu trinken darf nicht fehlen.

Manche kennen sich. Und wenn man sich nicht kennt, dann lernt man sich kennen: Schnell ist ein Gespräch begonnen. Fünf Bläser von „West-Blech“, dem Posaunenchor der Rosenberg-Kirche, haben ihre Instrumente bereits ausgepackt, die Notenständer aufgestellt. Sie spielen ein paar Lieder an. Die Bläser musizieren nicht allein: Ein Hund bellt. Noch kommen einige – Männer und  Frauen, im mittleren Alter oder älter. Klinikseelsorgerin Annette Keimburg verteilt die Liedblätter.

Inzwischen ist es 8 Uhr. West-Blech beginnt mit dem Vorspiel, der Hund bellt. Pfarrerin Keimburg begrüßt die etwa 20 Gäste. Ein Nachzügler kommt zum Aussichtspunkt. Er setzt sich auf einen Stein und erhält ein Liedblatt.

„Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“, spielen und singen sie – wieder mit Hundebegleitung. Sobald die Bläser aufhören zu spielen, schweigt auch er. Pfarrerin Keimburg kommentiert später, dass auch die Schöpfung Gott lobt. Sie ist zum ersten Mal bei der Andacht dabei und lädt ein zum Stille-sein. Vögel zwitschern,  ein paar Bienen summen, etwas Autoverkehr ist zu hören. Der Stuttgarter Talkessel erstrahlt im Gegenlicht. Die Lesung steht heute im 1. Johannesbrief, Kapitel 4 ab Vers 7. Es geht um Gottes Liebe. Als die Sätze verklingen, entsteht eine kleine Pause. Zeit für die Stille.

Die Andachten auf dem Stuttgarter Birkenkopf gibt es schon lange. „Seit ich denken kann“, sagt Manfred Hartmann, der Leiter von West-Blech. Jedenfalls kommt er seit 1957 auf den „Monte Scherbelino“, wie der Birkenkopf von den Stuttgartern auch genannt wird. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Hügel im Westen Stuttgarts Schutt aus der Innenstadt abgeladen. Jetzt ist er 40 Meter höher als vorher. Schon 1953, als die letzten Lastwagen nach oben fuhren, um ihren Schutt abzuladen, begann die geistliche Geschichte des Berges: Pfarrer Hilmar Schieber von der Paul-Gerhardt-Gemeinde errichtete im Frühjahr 1953 mit seiner Jungschar auf der noch unfertigen Kuppe ein provisorisches Holzkreuz. Darunter feierte er mit seiner Gemeinde im selben Jahr am Ostersonntag eine erste Morgenandacht auf dem Hügel. Im Jahr darauf gab es bereits jeden Monat eine Andacht, zunächst von den Gemeinden Botnang, Heslach, Paulus- und Paul-Gerhardt.  Inzwischen beteiligen sich die Stuttgarter Gemeinden im Wechsel.

Der Musiker Manfred Hartmann hat alle vier Kreuze gesehen, die bislang auf dem Birkenkopf standen. Auch das zweite und dritte waren Holzkreuze, wie das erste. Eines wurde vom Blitz getroffen und verkohlte. Ein weiteres wurde angesägt und musste letztendlich abgebaut werden. Das dritte Kreuz wurde von Unbekannten abgesägt. Bevor es entfernt wurde, wuchs eine Birke wild heraus. Die anderen Bläser nicken zur Bestätigung. Manche von ihnen können sich an dieses Kreuz ebenfalls erinnern. Inzwischen ist ein Stahlkreuz auf dem Birkenkopf mit einem Betonfundament verankert.

Erlebt haben die Besucher alle schon viel bei den Andachten auf dem Birkenkopf, denn sie finden bei jedem Wetter statt. Einmal kam mittendrin ein Wolkenbruch – und alle flohen so schnell wie möglich bergab, in die Schutzhütte. Oder  eines schönen Ostersonntagmorgens, erzählt ein anderer Teilnehmer, als bei schönstem Wetter 200 Menschen zur Andacht gekommen waren und die Müllabfuhr just zu diesem Wochenende ihren Leerungsplan geändert hatte: Da kam dann gegen 8 Uhr ein Müllauto angefahren und die teilweise muslimischen Müllmänner ließen sich auch durch die Andacht nicht davon abhalten, ihren Job zu machen. 

Die frühe Stunde ist für die Posaunenbläser kein Problem, ganz im Gegenteil, sie genießen sie regelrecht: „Wenn man hochkommt zur Kuppe, dann schläft die Stadt noch. Im Laufe der Andacht erwacht sie langsam zum Leben“, beschreibt es einer von ihnen. Auch Thomas Hoffmann hat eine besondere Beziehung zu dem Trümmerberg. Hoffmann fühlt sich nach der Andacht richtig erfrischt. Der 60-Jährige besucht seit vielen Jahren die Andachten auf dem Birkenkopf. „Das gehört für mich zum Sonntagmorgen dazu, das ist ein richtiges Ritual geworden.“ Ihn fasziniert die theologische Vielfalt, denn jeder Pfarrer gestalte die Andacht anders. Mal geht es sehr theologisch zu, ein anderes Mal unkonventionell. Zu einer Andacht habe ein Gefängnisseelsorger seine Gitarre mitgebracht. Und überhaupt, die Musik: „Was die da manchmal auf die Kuppe schleppen, das ist unglaublich.“ Einmal hätten zwei Klarinettistinnen Stühle mitgebracht. „Das war eher ein Konzert mit Andacht als eine Andacht mit Liedern“, so Hoffmann.

Besonders sind die Andachten immer, findet er. Deshalb hat er auch vor ein paar Jahren eine Internetseite eingerichtet, auf der er Buch führt: Zu jeder Andacht auf dem Birkenkopf gibt es einen kleinen Eintrag, manchmal auch mit Foto. Meistens ist Hoffmann sonntags dabei. Wenn nicht, liest sich das auf der Homepage beispielsweise so: „Leider verpasst“. Mit dieser Art der Berichterstattung will sich Hoffmann nicht etwa sich  selbst in den Vordergrund rücken, sondern das, was der Birkenkopf eben auch ist: ein geistlicher Ort. Oder, wie er es formuliert: „Ein Leuchtturm ins Land hinein, ein Leuchtturm des Glaubens.“ In sonstigen Beschreibungen des Birkenkopfes nämlich werde nur die Geschichte erklärt.

Für Peter Hoffmann selbst gibt es sogar eine, wie er das nennt, Trinität, also Dreieinigkeit, des Birkenkopfes: Da sei zunächst der Weg nach oben: „Ich spüre meinen Körper“, oben sein heißt für ihn „weiter Blick und vermittelte Einsichten“. Und zum Schluss gibt es den Weg zurück ins Tal: „Zurück in den Alltag mit neuen Erkenntnissen.“

Doch nicht nur an Sonntagen hat der Birkenkopf für Peter Hoffmann eine Bedeutung, und auch nicht nur eine geistliche. „Wenn ich hochjogge, dann jogge ich“, sagt er. Toll sei es, den Hügel zu ganz unterschiedlichen Tageszeiten zu erleben. Und natürlich bei Wind und Wetter. „Oft ziehen die Gewitter ins Tal, und hier oben bleibt man schön trocken“, weiß der Rechtsanwalt aus Erfahrung. Aber eben nicht immer. Wie zum Beispiel vor zwei Jahren, zur Eröffnung der Saison an Ostern. Schnee hatte es da oben. Und kalt war es auch.

Information

Noch bis 14. September finden in diesem Jahr sonntags um 8 Uhr die Andachten auf dem Birkenkopf statt. Wer predigt, erfahren Sie unter Telefon 0711-2068391.

Die Kurzberichte von Peter Hoffmann unter www.birkenkopf-stuttgart.de

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