Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Ziel vor Augen haben

Markus 8,34–35 Und Jesus rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird‘s erhalten.


Impuls zum Predigttext für den Sonntag Estomihi: Markus 8,31–38.  Von Bärbel Barthelmeß

Bärbel Barthelmeß ist Pfarrerin in Giengen an der Brenz.





Immer wieder bleibe ich an dieser Forderung hängen: Der nehme sein Kreuz auf sich.

Was heißt das? Vor meinem geistigen Auge tauchen Bilder auf. Bilder von Männern, die sich an Karfreitag mit einem schweren Holzkreuz durch die überfüllten Gassen der Via Dolorosa in Jerusalem quälen und den letzten Weg Jesu nachspielen. Fernsehbilder vom Innern einer koptischen Kirche in Ägypten, Zoom auf die Einschusslöcher; die Leichen der ermordeten Christen sind Gott sei Dank schon weg. Das Bild eines Pfarrers, der mit sicherem Schritt wie ein Gutsbesitzer durch die Gefängnistür schreitet, auf seinem letzten Weg zum Galgen. Ein türkischer Personalausweis, auf dem unter Religionszugehörigkeit das Wort „Hristiyan“ (auf Deutsch: Christ) steht.

Was heißt Nachfolge heute? Mich schrecken solche Bilder. Mir widerstrebt es, das Leiden Jesu nachzuspielen. Ich verstehe nicht, wie Menschen andere Menschen um ihres vermeintlichen Unglauben willens verfolgen und ermorden. Ich wäre nicht so mutig wie Dietrich Bonhoeffer und bin froh, dass seit der Zeit des Nazi-Regimes kein Vermerk auf die Religionszugehörigkeit in unseren offiziellen Dokumenten steht. Ich habe mich in unserer freiheitlichen, rechtstaatlichen und toleranten Gesellschaft eingerichtet. Eine Insel der Glückseligen.

Und dann dieser Aufruf zur radikalen Nachfolge. Alles stehen und liegen, alles hinter sich lassen. Der Welt, dem Konsum, der Sicherheit, sogar dem eigenen Leben zu entsagen. Ein Satz, aus dem auch Selbstmordattentäter ihre Motivation beziehen könnten.

Wenn nicht das Ziel dieses Weges und damit der Weg als solcher ein ganz anderer wäre. Ein Haus, in dem es viele verschiedene Wohnungen gibt (Johannes 14,2), ein neues Jerusalem, wo es keinen Tod, kein Leid und Geschrei mehr gibt (Offenbarung 21,4), eine Idylle, wo Wolf und Schaf zusammen weiden (Jesaja 65,25). Die Bibel hat viele wunderbare Bilder vom kommenden Reich Gottes. Bilder, die eine Sehnsucht in mir wecken und mich beim Blick auf mein kleines Leben erkennen lassen, dass das hier noch nicht alles gewesen sein kann.

Der Theologe Friedrich Schleiermacher definierte Religion als „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ (1799). Für mich heißt das, dass es da hinter dem Horizont meines Wissens und Verstehens, meines Lebens und meines Leidens ein Jenseits gibt. Wie es dort sein wird, weiß ich noch nicht. Aber es wird sein. Und wenn ich dieses Ziel vor Augen, besser vielleicht noch im Herzen habe, dann kann ich meinen Weg gehen. Meinen Weg der Nachfolge, so bescheiden er auch für Außenstehende sein mag.

Auf der rauen Ostalb, wo so mancher Acker mehr Steine als Kartoffeln hervorbringt, gibt es ein geflügeltes Wort: „Vor jedem Haus, da liegt ein Stein. Und ist er nicht groß, so ist er klein.“ Ich höre jetzt schon die Spötter sagen, dass es bei der Nachfolge um mehr als das altbekannte Päckchen gehe, das nun mal jeder zu tragen habe. Wer sagt das? Wer wagt hier zu richten? Wer weiß denn schon, wie ich unter diesem Stein, der vor meiner Tür liegt, unter der Last des Packes auf meinen Schultern zu leiden habe?

Aber vielleicht kann ich dieses Schicksal annehmen, also mein persönliches Kreuz tragen, weil ich ein Ziel habe. Von dieser jenseitigen Perspektive her, von der Erlösung her gedacht, die Jesus mit seinem Kreuz ein für alle Mal gebracht hat, vermag ich den einen Stein, der vor meiner Tür liegt, anzupacken und aus dem Weg zu räumen. Ich lerne, mit einem anderen Stein zu leben. Und an einem dritten Stein werde ich mich mein Leben lang abarbeiten wie Sisyphus und nie fertig werden. Doch all das lässt sich leichter ertragen, ja überhaupt ertragen mit einem Ziel vor Augen und einer lebendigen Hoffnung im Herzen. „Wer überwindet, der wird alles ererben“ (Offenbarung 21,7).

 

Ihr Gebet

Gebet

Barmherziger Gott,
im Leiden und Sterben deines Sohnes
hast du der Welt deine Liebe gezeigt.
Öffne unsre Augen,
das wir das Geheimnis seiner Hingabe erkennen
und ihm auf dem Weg des Gehorsams
und der Liebe folgen,
unserm Herrn Jesus Christus,
der mit dir und dem Heiligen Geist
lebt und regiert in Ewigkeit.
Amen.

Aus: Evangelisches Gottesdienstbuch. Agende für die EKU und die VELKD,
Verlagsgemeinschaft Evangelisches Gottesdienstbuch 2001, Seite 291.




Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 3/2018

THEMA - Revolution 1918

Ausgabe 1/2018

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.