Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erlöse uns von dem Bösen

2. Thessalonicher 3,1–5 Weiter, liebe Brüder, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir gebieten. Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.

Erlöse uns von dem Bösen: Impuls für den 5. Sonntag nach Trinitatis: 2. Thessalonicher 3,1–5. 

Der promovierte Theologe
Gerhard Schäberle-Koenigs ist Pfarrer in Bad Wildbad-Aichelberg im Kirchenbezirk Calw.

Ein Lehrer der frühen Christenheit, der den 2. Brief an die Gemeinde in Thessaloniki geschrieben hat, formuliert gegen Ende seines Schreibens ein Gebetsanliegen: „Betet für uns, … dass wir von den falschen und bösen Menschen erlöst werden.“ Diese Bitte liegt ganz nahe bei dem, was Jesus seine Jünger zu beten lehrte: „… und erlöse uns von dem Bösen!“ Es liegt so nahe beieinander, dass der eine oder andere denken könnte, das sei dasselbe.
Ja, Böses geschieht immer durch Menschen. Aber ich frage mich: Können wir Jesu Bitte im Vaterunser auf diese Weise weiterführen? Und dürfen wir das? Können wir Menschen mit dem Bösen in Eins setzen und Gott bitten, uns von ihnen zu erlösen?

Zu gerne würde ich diesen Lehrer der frühen Christenheit fragen, was ihn dazu bewogen hat, sein Gebetsanliegen so zu formulieren und dann auch noch die Gemeinde in Thessaloniki aufzufordern, so zu beten.

Möglicherweise würde er auf all die Qualen, Misshandlungen, Schikanen und Benachteiligungen hinweisen, die Christen zu seiner Zeit auszuhalten hatten. Es sind Qualen und Misshandlungen, die Christen auch heute noch in vielen Ländern erleiden müssen – angefangen von Benachteiligungen und Spott bis hin zu Gefangenschaft und Todesstrafe.

Was Christengemeinden und einzelne ihrer Mitglieder an vielen Orten und fast zu allen Zeiten erleiden, das ist in Jesu Leben, Leiden und Sterben im Voraus schon abgebildet. Er hat es selbst erlitten. Doch seine Jünger hat er gelehrt, so zu beten: „Erlöse uns von dem Bösen“, nicht „Erlöse uns von den bösen Menschen“. Und gemeint ist in Jesu Gebet nicht etwa ein besonders böser Mensch, der Böse schlechthin, sondern die Macht, die Menschen dazu bringt, Böses zu tun.

Auch wenn mir auf Anhieb eine ganze Reihe von Menschen einfallen, von deren grausamem, wirklich bösem Tun die Menschheit besser verschont geblieben wäre, halte ich es dennoch für bedenklich, ja gefährlich, um Erlösung von bösen Menschen zu beten. Wer ist ein guter Mensch? Wer ist ein böser Mensch? Meine Zuschreibungen und Urteile müssen nicht mit Gottes Zuschreibungen und Urteilen übereinstimmen. Meine Zuschreibung ist sehr subjektiv. Sie kann auch falsch sein. Es kann sein, dass mir das Zusammenleben mit einem bestimmten Menschen große Schwierigkeiten macht. Im privaten Bereich, im Beruf und auch in der Gemeinschaft der Gläubigen. Es kann sein, dass in mir der Wunsch aufsteigt: „Ach hätte ich doch diesen oder jenen endlich los!“

Im persönlichen Leben wird dem Bösen mit solchen Wünschen und Gedanken bereits die Tür einen Spalt weit geöffnet. Denn der Wunsch, einen Menschen, der mir das Leben zur Hölle macht, loszuwerden, lässt ja schon Phantasien aufkommen, wie das denn geschehen könnte. Und diese sind keineswegs edel, hilfreich und gut!

Im öffentlichen oder staatlichen Bereich hat der Gedanke, die Gemeinschaft müsse sich böser Menschen entledigen, immer nur verheerende Auswirkungen. Es ist richtig und vernünftig und geboten, die Menschheit vor gefährlichen, gewalttätigen Menschen zu schützen. Es ist falsch, die Menschheit von solchen Menschen erlösen zu wollen. Die Todesstrafe, die auch in christlich geprägten Ländern gang und gäbe war und in etlichen Staaten der Welt noch ausgeübt wird, ist die letzte und grausamste Konsequenz des Wunsches, von bösen Menschen erlöst zu werden. Ihre Praxis ist immer wieder mit Fehlern und Fehlurteilen behaftet. Auch mit dem gewissenhaftesten Rechtssystem ist es dem Menschen nicht möglich, gute und böse Menschen eindeutig zu unterscheiden.

So sehr ich das Flehen und Sehnen des Autors des 2. Thessalonicherbriefs verstehe und entsetzt bin über das, was Glaubensgeschwistern auch heute noch angetan wird, kann und will ich dieses Gebetsanliegen nach Erlösung von bösen Menschen nicht aufnehmen. Um so dankbarer bin ich ihm für den Segenswunsch, den er am Ende des Abschnitts seiner Gemeinde und uns allen weitergibt: „Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.“

 

Ihr Gebet

Gebet
Herr Jesus Christus,
du hast dem Bösen seine Allmacht zunichte gemacht.

Du hast erduldet, was Menschen Dir angetan haben,
und hast dennoch für sie gebetet.

Noch immer leiden Menschen um ihres Glaubens willen unter der Macht des Bösen.

Wir bitten dich: Bewahre uns davor, selbst dem
Bösen Macht in unserer Seele zu geben.

Richte unsere Herzen immer wieder neu aus auf die Liebe Gottes, die du uns zugute gelebt hast und lebst.

Amen.

Evangelisches Gemeindeblatt

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