Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ganz nah am Evangelium

Die Kirche hatte sich im Hochmittelalter – von 1050 an – vom Kern des christlichen Glaubens entfernt. Vor allem an der Pracht, die Bischöfe zur Schau stellten, störten sich viele Gläubige. In dieser Zeit entfalteten sich Armutsbewegungen, unter anderem die von Franz von Assisi und die von Petrus Waldes. Aus dem einen wurde ein Heiliger, aus dem anderen ein Ketzer.

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Franz von Assisi und Petrus Waldes haben sich völlig unterschiedlich entwickelt. Dabei ist ihre Parallelität in den Anfangsjahren verblüffend. Francesco Bernardone (1181/1182 – 1226) war der Sohn eines reichen Kaufmanns in Assisi. Der Lyoner Kaufmann Waldes (um 1170), der vermutlich Vaudés oder Vaudois hieß hat, hat sich sein Vermögen selbst erarbeitet. Er hatte keinen kleinen Laden, sondern handelte mit der herrschenden politischen Klasse und mit der Kurie von Lyon. Von Waldes ist nicht viel bekannt, nicht einmal sein Vorname. Er wird zwar Petrus genannt, aber erst ab 1450 – fast 250 Jahre nach seinem Tod.

Der junge Francesco und der zum Zeitpunkt seiner Lebenswende verheiratete Kaufmann Waldes fühlten sich von Texten aus dem Matthäus-Evangelium angezogen. Bei Francesco war es die Aussendungsrede Jesu (Matthäus 10): „Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr‘s empfangen, umsonst gebt es auch. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken.“ Tatsächlich kümmerte sich Franz von Assisi später um Arme und Kranke.

Bei Franz von Assisi kam ein Bekehrungserlebnis hinzu; so wird es zumindest überliefert. Während einer Krankheit betete Franziskus in dem kleinen Kirchlein San Damiano vor der Stadt Assisi am Kruzifix: „Herr, ich bitte dich, erleuchte mich und verscheuche die Finsternis meiner Seele.“ Vom Gekreuzigten  kam die Antwort: „Baue mein Haus aus, das am Einstürzen ist.“ Franziskus nimmt es wörtlich und baut die verfallene Kapelle wieder auf, gibt das Vermögen seines Vaters zurück und lebt in Armut und Askese.

Bei Petrus Waldes war vermutlich eine Lebenskrise Auslöser dafür, sein Leben zu ändern. Wie man denn in den Himmel komme, wollte er von einem Priester wissen. Der antwortete mit dem Gleichnis vom reichen Jüngling: (Matthäus 19): „Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib‘s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!“ Das nahm Waldes ernst. Er zahlte seine Frau und seine Töchter aus, verkaufte seinen Besitz und ließ mit dem Geld unter anderem das Matthäus-Evangelium und andere Teile des Neuen Testaments ins Okzitanische übersetzen. Das war die Sprache des Volkes im südlichen Frankreich.
Die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache war im 12. Jahrhundert eine Sensation. Damals war es üblich, die Bibel auf Lateinisch zu lesen und zu rezitieren. Doch das verstanden nur Gebildete. Die Übersetzung war das eine. Wie aber sollten die Menschen vom Inhalt erfahren, wenn sie nicht lesen konnten? Deshalb rezitierten die Frauen und Männer um Petrus Waldes auf öffentlichen Plätzen die Bibel. Ihre Predigt war keine Auslegung im heutigen Sinne, sondern das Verlesen des Evangeliums. Das konnte dem Klerus nicht gefallen. Schließlich lag bei ihm die Oberhoheit der Bibelverbreitung und -auslegung.

Gemeinsam waren Franz von Assisi und Petrus Waldes der Protest gegen ein oberflächliches Christentum, sagt der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin. Doch Waldes stützte sich dabei ausschließlich auf das Wort Gottes, er wollte es möglichst vielen Menschen weitererzählen. Er setzte auf Vernunft. Wunder waren ihm fremd. Deshalb gibt es über ihn so gut wie keine Legenden.
Franziskus war dagegen ein spiritueller Mensch, von ihm sind viele Wunder überliefert. Dazu passt es, dass er schon zwei Jahre nach seinem Tode heiliggesprochen wurde. Franziskus hatte zunächst nicht den Plan, einen Orden zu gründen; er wollte lediglich in vollständiger Nachfolge Christi leben. Er ließ sich aber dann in die Kirchenstruktur integrieren und gründete mit seinen Anhängern eine Bruderschaft. Zunächst bekam die kleine Gemeinschaft 1210 probeweise die Erlaubnis, nach ihrer Regel in Armut zu leben. Bereits fünf Jahre später erhielt der Franziskanerorden die päpstliche Anerkennung.
An eine Integration in die Kirche hatte Waldes kein Interesse. Er wollte auch kein Mönch werden, sondern Laie bleiben. Die Nachfolger der Apostel, also die Päpste und Bischöfe, hätten versagt, wird später Durandus von Huesca sagen, der Cheftheologe der „Armen von Lyon“, wie sich die Anhänger von Waldes zunächst nannten. Deshalb würden einfache Leute wie Fischer oder Vorsteherinnen eines Hauses dazu berufen, das Evangelium weiter zu verkündigen.

Papst Alexander III. ließ die Armen von Lyon zunächst gewähren. Doch dann wurden sie immer fundamentalistischer. Petrus Waldes hielt sich an das Bibelwort „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5). Die Amtskirche fürchtete die Radikalität der Armutsbewegung. Sie sorgte sich um ihre eigene Macht und ihr eigenes Ansehen, denn die Armen von Lyon predigten nicht nur die Frohe Botschaft, sondern griffen auch den Klerus an. Der Dominikaner Bernard Gui schreibt: „Sie verachteten in der Tat die Prälaten und Geistlichen, weil diese, wie sie sagten, riesige Reichtümer besäßen und in Saus und Braus lebten.“

Waldes und seine Anhänger wurden 1184 auf dem Konzil von Verona exkommuniziert. 1215 erfolgte der Kirchenbann. Damit war die Waldes-Bewegung endgültig aus der Kirche verstoßen. Die Waldenser waren damit Ketzer. Und diese Bezeichnung hatten sie noch bis zur Jahrtausendwende – zumindest in Italien.

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