Christliche Themen für jede Altersgruppe

Geburtsstunde der Diakonie

Apostelgeschichte 6,1–7 (in Auszügen) In diesen Tagen erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus.

Impuls zum Predigttext für den 13. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 6,1–7.  

Der promovierte Theologe Ulrich Dreesman ist Pfarrer an der Lutherkirche in Stuttgart-Bad Cannstatt.

Was ist das Erfolgsgeheimnis des frühen Christentums? Wie konnte aus einer kleinen jüdischen Sekte binnen weniger Jahrzehnte eine Massenbewegung werden? Dafür gibt es mehr als einen Grund. Ein zentraler: Die ersten Christen lebten Nächstenliebe. Sie kümmerten sich um Arme und Kranke, um Sklaven, Witwen und Waisen. Und das nicht blindlings, sondern mit Augenmaß und Köpfchen.

Die Kirche wächst: So lautet das erzählerische Leitmotiv der Apostelgeschichte. Wachstum ist Glück und Herausforderung zugleich. Das erleben die Apostel, die seit Pfingsten als charismatische Redner auftreten. „Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden“ (Apostelgeschichte 2,47). Die Urgemeinde blüht und gedeiht. „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam“ (Apostelgeschichte 4,32).

Allen ist alles gemeinsam: Das bleibt Episode. Erst der versuchte Betrug von Hananias und Saphira und die ebenso rasche wie rigorose Klärung des Problems (Apostelgeschichte 5,1-11), dann der Streit um die Witwenversorgung. Die griechischstämmigen Judenchristen fühlen sich benachteiligt – und das nicht ohne Grund: Die hebräischen Juden und die Apostel machen gar nicht erst den Versuch, den gegen sie erhobenen Vorwurf zu entkräften.

Vor dem Streit um die Witwenversorgung haben die Apostel offenbar alle Aufgaben selbst erledigt. Sie waren „allen alles“, wie Paulus einmal über sich gesagt hat (1. Korinther 9,22). Damit ist nun Schluss. Den Tisch- und Versorgungsdienst sollen ab sofort andere übernehmen. Um die griechischen Witwen werden sich fortan sieben Griechen kümmern, Stephanus an der Spitze.

Lukas schildert die Geburtsstunde der organisierten Diakonie. Wie gesagt: Die junge Kirche predigt die Nächstenliebe nicht nur, sie übt sie auch. Das hat die heidnische Umwelt beeindruckt und manchen Außenstehenden dazu bewogen, sich der Kirche anzuschließen.

Zwar ist es seither nicht ausgeschlossen, dass sich kirchliches und diakonisches Leben voneinander entfernen, weil die Spezialisten hier und dort den Kontakt zueinander verlieren. Dennoch ist die Entscheidung, die Nächstenliebe auf eigene Beine zu stellen, klug und weitsichtig gewesen.

„Einer trage des anderen Last“ (Galater 6,2)? Ja, aber nicht jeder Christ, jede Christin kann jede Last selbst schultern. Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er sich die Hilfe holt, die er benötigt. Niemand muss sich selbst Vorwürfe machen (oder machen lassen), wenn er einen alt und dement gewordenen Angehörigen im Pflegeheim betreuen lässt.

Schon in Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das diesem Sonntag als Evangelium zugeordnet ist, scheint dieser Gedanke auf. Denn der Samariter, der dem halbtoten Mann im Straßengraben erste Hilfe leistet, überlässt diesen schließlich einem Wirt: „Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme“ (Lukas 10,35).

Jesus erzählt das Gleichnis vom Samariter als Antwort auf die Frage (Lukas 10,29): „Wer ist mein Nächster?“ Manche Aufgabe kann und darf ich abgeben. Die Frage, wer mein Nächster ist, kann ich nicht delegieren, nicht an die Kirche, nicht an die Diakonie. Meinen Nächsten kann nur einer erkennen: Ich selbst.

 

Ihr Gebet

Gebet

Lieber himmlischer Vater, Geber der Gaben, ich danke dir für meinen Leib und meine Seele,mein Herz und alle Kräfte, die ich von dir empfangen habe. Und bitte dich um ein waches Gewissenfür den Moment, in dem ein anderer mein Nächster wird. Dann hilf mir zu erkennen, was not ist, was ich kann und was nicht. Durch Christus, meinen Herrn.Amen.

Evangelisches Gemeindeblatt

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