Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gemeinsamer Vater

Römer 11,26–29 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): „Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“ Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

 

Gemeinsamer Vater: Geistlicher Impuls zum Israelsonntag: Römer 11,25–32.

Der promovierte Sozialwissenschaftler Michael Volkmann ist Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden.

Im April 1933 hielt Dietrich Bonhoeffer seinen Vortrag „Die Kirche vor der Judenfrage“ mit der berühmten Aufforderung an die Kirche, zum Schutz der Juden in letzter Konsequenz „dem Rad in die Speichen zu fallen“. Einige Sätze später sieht er – das wird selten zitiert – die Lösung der „Judenfrage“ in der Bekehrung Israels zu Christus. Das Erstaunliche ist, dass Bonhoeffer 1940 in seiner „Ethik“ völlig verändert redet: „Der Jude hält die Christusfrage offen.“ Der Grund dafür ist Bonhoeffers Kampf für die Juden, den er mit intensivem Bibelstudium verband. Seinen Studenten empfahl er besonders Römer 9–11.

Wer Römer 11 aufmerksam liest, wird entdecken, dass Paulus, wenn er über die Rettung ganz Israels spricht, über 42 Verse den Namen Jesus Christus nicht erwähnt. Nur knapp beschreibt er seinen Schmerz darüber, dass die meisten Juden das Evangelium nicht annehmen, dann geht es ihm um das, was er für das Wichtigste hält: um Gottes Liebe, Treue und Erbarmen für die Israeliten, um Gottes Erwählung Israels, seinen Bund mit Israel und seine Verheißungen, die in Kraft bleiben. Denn das Volk Israel richtet nicht etwa, wie von christlicher Auslegung lange Zeit feindselig behauptet, seine eigene Gerechtigkeit auf, sondern folgt dem Willen Gottes: Gott will, dass sie das Evangelium abstoßen, denn anders käme dieses nicht zu den Völkern. Dort aber hat es, so der Apostel, Heil, Reichtum und Versöhnung bewirkt. Die Völker, die Gott nicht kannten und nicht liebten, sind durch das Evangelium mit Gottes geliebtem Volk Israel zusammengewachsen – so wie aufgepfropfte Zweige mit der Wurzel zusammenwachsen und nun aus ihr Saft und Kraft ziehen.

Bonhoeffer zog aus seinen Glaubenseinsichten radikale Konsequenzen: wegen der Judenverfolgung und weil seine Kirche sie tatenlos geschehen ließ, schloss er sich dem militärischen Widerstand an; wegen seiner Mithilfe bei der Rettung einer Gruppe getaufter Juden ins Ausland wurde er verhaftet; und wegen seiner Verwicklung in ein Attentat gegen Hitler, das er nach dem Beginn der Massendeportationen und der Massenmorde an den deutscher Juden vehement forderte, wurde er hingerichtet. Bonhoeffer setzte sich für die Juden ein, das veränderte innerhalb weniger Jahre seine Theologie. Seine evangelische Kirche selbst brauchte Jahrzehnte, um ihre Irrtümer zu erkennen und richtigzustellen.

Nicht „Christus ist die Lösung der Judenfrage“, sondern „der Jude hält die Christusfrage offen“, lernen wir, wie Bonhoeffer, mit Hilfe des Römerbriefes. Ganz Israel wird gerettet werden, wie es seine Propheten verheißen haben und wie es daher seine Rettung selbst erwartet: durch den Erlöser aus Zion und dadurch, dass Gott seinen Bund mit Israel erneuern wird. Paulus spricht von einem Geheimnis, das er nicht vollständig enthüllt, weil Gott es ihm noch nicht vollständig enthüllt hat. Paulus macht uns zu seinen Mitwissern. „Das Wissen hebt das Geheimnis nicht auf, sondern vertieft es“, sagt Bonhoeffer in einer Predigt über Paulus. Unbegreiflich und unerforschlich handelt Gott, resümiert Paulus und preist die Tiefe des Reichtums der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Alle Dinge sind von ihm und durch ihn und zu ihm hin. Und so werden auch die jetzt getrennten Wege von Juden und Christen beim sich erbarmenden Gott wieder zusammengefügt werden.

Einen Lobpreis Gottes stimmen auch wir an am Schluss der Israelkapitel des Römerbriefes: Gott sei Dank für die Juden! Und dafür, dass er sie das Evangelium hat in die Völkerwelt hinausstoßen lassen. Denn das Beste, was wir haben, haben wir auf diese Weise von den Juden bekommen: die frohe Botschaft, dass Jesus Christus unser Weg zu unserem gemeinsamen Vater ist.

Gebet

Lasst uns beten für die Juden: Gott bewahre sie

in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu

seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu

dem sein Ratschluss sie führen will.

Nach Papst Paul VI.

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 49/2017

THEMA - Angst überwinden

Ausgabe 4/2017

Luthers-Familienzeit

Jetzt Online-Magazin testen.