Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gott ist barmherzig

Jesaja 54,7–10 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

 

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Lätare: Jesaja 54,7–10.

Pfarrerin Astrid Riehle ist Referentin des Stadtdekans in Stuttgart.

„Es gibt dich“, überschreibt Hilde Domin eines ihrer bekanntesten Gedichte. „Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen. Wo sich Augen treffen, entstehst du… Es gibt dich, weil Augen dich wollen, dich ansehen und sagen, dass es dich gibt.“ Wir Menschen leben vom Angesehen werden. Längst ist es bekannt. Für die gesunde Entwicklung eines Kindes braucht es den gütigen, den liebevollen Anblick der Mutter, des Vaters. Der bejahende Blick weckt das Ja zu sich selbst im Herzen des Kindes. Aus dem liebevollen Ansehen wachsen ein gesundes Selbstbewusstsein und die Standfestigkeit, die notwendig sind, um den Erschütterungen des Lebens innerlich und äußerlich Stand zu halten.

Leider reicht uns das Ansehen vom Anfang nicht ein Leben lang. Täglich wollen wir angeschaut werden, denn „Augen sagen, dass es mich gibt“. Wer mir bei der Begrüßung die Hand hinstreckt, dabei seinem Nachbarn zugewandt bleibt und mit ihm spricht, mich also keines Blickes würdigt, der meint nicht mich. Umgekehrt: Wer mich ansieht, lässt mich fühlen, dass ich bin, und anerkennt meine Würde. Selbstbewusstsein und Identität von uns Menschen hängen unmittelbar mit dem Ansehen zusammen, das wir genießen. Wieder einmal bestätigt sich: Wir leben nicht aus uns selbst.

In den Schriften Israels ist eindrücklich belegt, wie Sein oder Nicht-Sein, Selbstgewissheit oder Selbstzweifel am Ansehen, am uns zugewandten Angesicht Gottes, hängt: „Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub“ (Psalm 104,29). Darum sucht der im Kern verunsicherte Israelit die Nähe Gottes und bittet: „Herr, lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir“ (Psalm 80,8).

In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Christus lag Jerusalem, die schöne „Braut Gottes“, wie sie die Propheten gelegentlich nennen, wie eine geschändete und entwürdigte Frau am Boden. Ihre Häuser, Straßen, Weinberge, ihre ganze Pracht waren durch die babylonischen Krieger zerstört worden. Das Heiligste, die Wohnung Gottes, der Tempel entweiht und abgebrochen. Ihre Elite ins Exil verschleppt.

Für Israeliten war Jerusalem eine große Segensmittlerin. Deshalb müssen sie die Schande des Niedergangs der Stadt im Jahr 587 als ihre eigene Schande erlebt und gefühlt haben.

Unansehnlich war Jerusalem geworden und mit ihr die Söhne und Töchter der Stadt. Was galt das Volk noch im Konzert der Völker? Wer waren die Israeliten noch in den Augen Gottes ohne seinen Tempel in ihrer Mitte? Womit sollten sie sich künftig identifizieren? Wer konnte ihr zerschlagenes Selbstbewusstsein heilen?

Zu dieser Zeit stand ein Prophet auf. Der zweite (der so genannte Deutero-)Jesaja. Er gab Gott eine Stimme und lieh ihm sein Gesicht. Er wandte sich den geschundenen Seelen Israels zu und sprach freundlich mit ihnen. Ihre Zweifel an und ihre Klagen über den abwesenden Gott redete er nicht gering: „Ja, es kann sein, …“

Jetzt aber lässt er Gott sagen: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich zu mir ziehen. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.“ Dem kleinen Augenblick der Verlassenheit und dem kurzen Zornesausbruch Gottes stehen seine große Barmherzigkeit, seine ewige Gnade und der unverbrüchliche Bund des Friedens gegenüber.

Sie bilden das Fundament, auf dem alle Menschen bis heute und in Ewigkeit stehen und bleiben: die in ihren Fundamenten Erschütterten, die im Glauben Verunsicherten, die, deren Selbstbild ins Wanken geraten ist. Die vom Liebhaber Verlassenen, die am Studienziel Gescheiterten, die auf ihr menschliches Maß Zurückgeworfenen. Ob sie nun Christian Wulff, Uli Hoeneß, Sebastian Edathy heißen oder weniger prominent sind. Allen gilt für immer: „Du fielest, aber du fällst nicht. Augen fangen dich auf. Es gibt dich, weil Augen dich wollen, dich ansehen und sagen, dass es dich gibt.“

 

Ihr Gebet

Gebet

Gott,
Halt unseres Lebens bist du in Angst.
Du bist unsere Zuversicht in Zweifel.
Du bist uns nahe in Traurigkeit.
Stecke uns an mit deiner Freude,
die uns begegnet in Jesus Christus, unserem Bruder.
Amen.

Aus: Evangelisches Gottesdienstbuch. Agende für die EKU und die VELKD, Verlagsgemeinschaft Evangelisches Gottesdienstbuch 2001, Seite 303.

Impuls zum Predigttext für den Sonntag Okuli von Christoph Rau.

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