Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gott schenkt Freiheit

1. Korinther 9,16+19–22 Paulus schreibt: Dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne. Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi –, damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.

Impuls zum Predigttext für den 2. Sonntag nach Trinitatis: 1. Korinther 9,16–23.  

Der promovierte Theologe Karl-Heinz Schlaud­raff ist Dekan des Kirchenbezirks Heidenheim an der Brenz.

Es gibt Christen, die etwas unglücklich sind über diese Sätze des Paulus. Sie meinen, Paulus in Schutz nehmen zu müssen gegen den Vorwurf, er sei ein Kompromissler oder, wie man vor bald 25 Jahren häufig sagte, ein „Wendehals“.

Wendehälse passen sich der jeweiligen Situation an. Auf sie ist kein Verlass. Paulus dagegen verlässt sich auf Jesus Christus. Von ihm her hat Paulus die Freiheit zwischen Wesentlich und Unwesentlich zu unterscheiden. Wesentlich ist für den Apostel, Menschen auf den Weg zum Heil zu führen. Unwesentlich ist dabei deren Herkunft, kulturelle oder religiöse Prägung oder soziale Stellung.

Paulus muss weitersagen, wovon er erfüllt ist. Es gibt ein inneres „Muss“, das nichts zu tun hat mit äußerem Zwang, sondern mit dem Gewissen und mit Gott. Aus der Anonymität heraustreten, Farbe bekennen, sagen, wozu man steht – das hat freilich auch seinen Preis. Manchmal wird man darüber zum Außenseiter. Manchmal wird einer dadurch der Lächerlichkeit preisgegeben. So ist es verständlich, dass diesem inneren „Muss“ meistens eine Geschichte vorausgeht: eine Geschichte menschlichen Widerstands, menschlicher Angst.

Das kannst du, Gott, doch nicht mit mir machen, meine Pläne durchkreuzen! – So hat sich Jona geweigert, nach Ninive zu gehen.

Ich kann nicht gut reden. Sende, wen du willst, aber nicht mich! – So versuchte Mose sich dem Auftrag zu entziehen.

Ich bin viel zu jung, hielt Jeremia Gott entgegen.

Doch sie mussten alle gehen und reden im Namen Gottes – nicht anders geschützt als durch das Wort ebendieses Gottes. Sie mussten sich einmischen, wo Verhältnisse fraglos schienen. Sie mussten vor Herrscher hintreten, wo sie sich lieber vor Angst verkrochen hätten. Sie mussten Menschen durch die Wüste führen, wo sie am liebsten bei der Herde geblieben wären.

In den Worten des Theologen Paul Tillich mögen sich manche mit ihren Erfahrungen wiederfinden: „Ein Mensch, der niemals versucht hat, Gott zu entfliehen, hat niemals den Gott erfahren, der wirklicher Gott ist. Ein Gott, den wir leicht ertragen können, ein Gott, vor dem wir uns nicht verbergen müssen, ein Gott, den wir nicht hassen, ein Gott, dessen Vernichtung wir niemals wünschen, ist in Wahrheit kein Gott.“

Das klingt hart und überspitzt – Paulus aber hat es erfahren. Den gekreuzigten Christus hat er verflucht, seine Anhänger bekämpft. Und dabei ganz selbstverständlich Gott auf seiner Seite gewusst. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Bibel, dass der wirkliche Gott sich menschlicher Vereinnahmung entzieht – auch um der Menschen willen. Denn wer Gott vor seinen Karren spannt, bleibt gefangen in sich selbst. Gott aber schenkt Freiheit.

Durch Jesus Christus sieht Paulus sich „frei von jedermann“. Mit den Worten Martin Luthers: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan.“ Zugleich sieht sich Paulus allen Menschen verpflichtet – in der Liebe. Mit Luther: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“  Die Konsequenzen beginnen für Paulus bei der Verkündigung des Evangeliums. Nicht nach dem Motto „friss oder stirb“ soll die Botschaft von Jesus weitergegeben werden, sondern so, dass das Denken und Empfinden, Tun und Ergehen der Menschen ernst genommen wird – in seiner Vielfalt. Alle Menschen sollen sie verstehen können – die Botschaft, die Rettung bedeutet.

 

Ihr Gebet

Ganz nah ist dein Wort,
Herr, unser Gott,
ganz nah deine Gnade.
Begegne uns denn
mit Macht und Erbarmen.
Lass nicht zu, dass wir taub sind für dich,
sondern offen mach uns und empfänglich
für Jesus Christus, deinen Sohn,
der gekommen ist und kommen wird,
damit er uns suche und rette
heute und täglich
bis in Ewigkeit.
Amen.

Huub Oosterhuis. In: Gottesdienstbuch für die Evangelische Landeskirche in Württemberg. Erster Teil, Stuttgart 2004, S. 129.

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