Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gottes Wegweisung

Micha 6,8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.


Gottes Wegweisung

 

Impuls zum Predigttext für den 22. Sonntag nach Trinitatis: Micha 6,6–8. Von Richard Mössinger

Der promovierte Theologe Richard Mössinger ist Pfarrer in
der Friedens­gemeinde in Heilbronn.

Vor 45 Jahren hatten die evangelischen Schüler im Religionsunterricht ein Spruchbuch. Es galt für alle Schularten bis zur achten Klasse. Ein einziges Bild zierte das Buch: Der lehrende Jesus von Rudolf Yelin. Sonst waren es 95 Seiten Text. Spruch 119 für die fünfte Klasse war Micha 6,8. Durch das Spruchbuch kenne ich dieses Wort auswendig. Heute klingt diese Erinnerung fern. Sie wirkt reichlich verstaubt. Ein Katechismusunterricht gilt als antiquiert. Wir diskutieren im Unterricht und fördern die Meinungsbildung. Wir zeigen Filme und drehen vielleicht selber welche. Ein Buch ohne Bilder ist unzeitgemäß. Es wird als Bleiwüste denunziert. Ob man da nicht manches übersieht? Bilder verblassen (Jakobus 1,23+24), Worte begleiten das Leben.

Durch den Katechismus haben wir so etwas wie ein tragbares Zuhause, einen inneren Besitz, der mit uns geht. „Wenn ich den nicht gehabt hätte, hätte ich die Orientierung verloren“, hat mir einmal eine junge Frau gesagt, die ihre Heimat verlassen musste. „Der Katechismus hat mir geholfen, in der Fremde die Orientierung zu finden. Mit diesem Kompass konnte ich mich allmählich in meiner neuen Umgebung einleben. Auch für die Erziehung meiner Kinder war er mir wichtig.“

Sprache als Zuhause, das mag fremd klingen, ist aber wahr. Ich erlebe das, wenn ich vor meinem Geburtshaus stehe. Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, ist äußerlich fast unverändert. Bis letztes Jahr lagen noch die Platten, auf denen wir 1955 mit unseren Spielzeugautos unterwegs waren. Von außen betrachtet ist fast alles so wie früher.

Aber es fehlen die vertrauten Namen. Aus den fünfziger Jahren ist niemand mehr da. Die neuen Bewohner kommen aus der Ferne. Die wissen nichts von der Zeit meiner Kindheit. Da wird einem selbst die Heimat fremd. Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Die Rückkehr ist voller Distanz. Sie gleicht einem Besuch im Museum seiner selbst.

Wo uns unsere Häuser fremd werden, geht die Sprache mit uns. Wo die Menschen fehlen, leben die sprachlich vermittelten Bilder der Erinnerung. Marcel Reich-Ranicki hat eindrücklich von der Sprache als Heimat geredet: „Von Heine stammt das schöne Wort, die Juden hätten sich im Exil aus der Bibel ihr portatives (auf Deutsch: ein tragbares“; die Redaktion) Vaterland gemacht. Und so bin auch ich schließlich weder ein heimatloser noch ein vaterlandsloser Mensch. Auch ich habe ein portatives Vaterland – es ist die deutsche Literatur, die deutsche Musik.“

In diesem Sinne kann man sagen: Mit seinen Worten ist Gott noch da. Er führt und begleitet. Seine Worte stiften Geborgenheit und fordern heraus. Und das hört, so lange wir leben, nicht auf. Wo Gott uns anspricht, kann auch die Fremde zur Heimat werden, ein Ort, an dem ich Geborgenheit erfahre und Geborgenheit vermittle.

Zum Lernen ist der Bibelspruch gedacht: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Das Wort soll innerlich mit uns gehen.

Luthers Übersetzung ist sehr frei, genauer heißt es: „Es ist dir kundgetan, Mensch, was gut ist, was der Herr bei dir sucht, nämlich: das Recht achten und sich für es einsetzen, treu lieben, ehrfürchtig, aufmerksam den Weg gehen mit deinem Gott.“

Schön ist der Schluss, „mit deinem Gott“. Niemand muss seinen Weg allein gehen. Gott begleitet und gibt seine Wegweisung. Es geht um Gerechtigkeit, Liebe und Gottesfurcht.

Wir sollen Gott fürchten und lieben, dadurch ergibt sich in Ja und Nein ein respektvoller Umgang unter den Menschen. Das Rechte tun, heißt nicht Recht haben wollen, sondern den anderen aufmerksam wahrnehmen. Anschaulich wird es in dem schönen Satz: „Man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen!“

„Treu lieben“: Gott ist ein Freund der Freundlichkeit. Wer Michas Wort beherzigt, will andere begleiten. Er hilft durch seine Freundlichkeit, dass Menschen Heimat finden. Und Freundlichkeit kommt in ihrer freien Weise zurück. Wer die Worte von Micha verinnerlicht, hat auf dem Weg durch die Fremde ein gutes Ziel.¦



Gebet

Dir zu folgen, Gott, ist ein Weg in die Freiheit.
Auf dich zu hören, führt über ausgetretene
Pfade hinaus.
Schenke die Kraft, mich zu überwinden.
Schenke mir Freundlichkeit und Liebe,
durch Jesus Christus.

Amen.

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