Christliche Themen für jede Altersgruppe

Heimat finden

Johannes 1,35–39 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen‘s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.


Impuls zum Predigttext für den 5. Sonntag nach Trinitatis: Johannes 1,35-39. Von Peter Schaal-Ahlers 

Peter Schaal-Ahlers ist Pfarrer am Ulmer Münster.


„Brüder und Schwestern, guten Abend“ waren die ersten Worte, die Papst Franziskus nach seiner Wahl auf dem Petersplatz in Rom sagte. Lächelnd und freundlich sprach der Argentinier diese Worte. Und mit diesem einfachen Gruß war das Urteil der Weltöffentlichkeit über den neuen Papst bereits gefallen. Der erste Eindruck eines Menschen ist entscheidend, sagen die Psychologen. Und meist ist der erste Eindruck richtig und er bleibt auch. Das menschliche Gehirn braucht nur eine Zehntelsekunde, um einen Menschen einzuschätzen. Blitzschnell erkennt das Gehirn, ob ein Fremder vertrauenswürdig und sympathisch oder hinterhältig und aggressiv ist.
Die Jünger hören Jesus reden. Und sie folgen ihm nach. Als ich diese Geschichte von der Berufung der Jünger Jesu zum ersten Mal hörte, war ich Kind in der Kinderkirche in Botnang. Gut entsinne ich mich daran, dass ich über das Gehörte richtig erschüttert war. Dass die Jünger einfach aufstehen, alles liegen und stehen lassen und mit Jesus gehen, war für mich unfassbar. Und im Grunde hat sich meine Fassungslosigkeit bis heute nicht geändert. Was da berichtet wird, ist wirklich radikal. Ohne Koffer zu packen, ohne sich von der Familie und Freunden zu verabschieden, lassen die Jünger ihr altes Leben zurück. Von einem Augenblick auf den anderen verlassen die Männer ihre Frauen und Kinder. Ohne Vorwarnung brechen sie mit ihrem alten Leben, indem sie die Freunde, das Auto in der Garage, den Rasenmäher und den geplanten Urlaub, aber auch die Betriebsrente und den Friseur hinter sich lassen. Als Kind wurde mir schlagartig klar: Christ zu sein ist alles andere als harmlos.

Heute lese ich den Text noch einmal anders. Für den Evangelisten Johannes ist es nicht der erste Eindruck, der die Jünger Jesus nachfolgen lässt. Nicht Jesu Stimme, nicht sein Aussehen, nicht seine Kleidung, nicht der Inhalt seiner Predigt ruft sie in die Nachfolge. Für Johannes sind es überhaupt nicht die Jünger, die Jesus wählen. In den Abschiedsreden im Johannesevangelium sagt Jesus seinen Freunden: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt, dass ihr hingeht und Frucht bringt…“ Für moderne Menschen ist es schwer zu verstehen, dass sie nicht die Wahl haben sollen. Täglich müssen wir ständig wählen und auswählen. Der Einkaufswagen im Supermarkt ist das Symbol für den ständigen Zwang zur Wahl. Alles steht zur Wahl: der Wohnort, die Krankenkasse, der Beruf, der Lebensmittelpunkt, die Verkehrsmittel, die Lebensform. Ständig wählen zu müssen, ist anstrengend. Da ist es schwer zu verstehen, dass beim Glauben das Wählen auf den Kopf gestellt sein soll. Für meine Schüler im Gymnasium war selbstverständlich, dass sie selbst ihren Glauben zu wählen haben. Martin Luthers Erklärung zum dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses lasen sie sehr skeptisch. Da heißt es: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen…“ Luthers Sätze werfen moderne Gewissheiten ganz schön durcheinander.

Die neuen Jünger begegnen Jesus als Suchende, als Obdachlose im Glauben. Sie fragen Jesus: „Wo ist deine Herberge?“ Also, wo ist unser Platz? Jesus antwortet: „Kommt, und seht.“  Ihr müsst euch schon aufmachen, um euren Platz zu finden. Später wird Jesus antworten: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.“ (Johannes 14,2). Am Anfang des Glaubens steht die zufällige, unscheinbare Begegnung mit Jesus. Die suchenden Jünger sehen den Menschen, den weisen Rabbi, das leidende Lamm, den von Gott ausgewählten Gesalbten. Er wird in der Nachfolge für sie zur wahren Heimat. Nach der Begegnung mit Jesus ist die Suche für die Jünger zu Ende. Die Jünger sind die ersten in einer langen Reihe von Nachfolgern, die ihre Heimat im Glauben gefunden haben. Als Christen sind auch wir auf dem Weg: „Brüder und Schwestern, kommt und seht.“

Gebet
Himmlischer Vater,
Du hast uns das Leben geschenkt.
Du hast uns gerufen, weil du etwas mit uns vorhast.
Deinem Ruf sind wir gefolgt.
Du schenkst uns Glauben und machst uns frei.
Du hilfst in dunklen Stunden des Lebens.
Stärke unseren Glauben.
Lass uns geduldig sein mit uns und anderen. Amen

Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 47/2017

THEMA - Angst überwinden

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Luthers-Familienzeit

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