Christliche Themen für jede Altersgruppe

Jede Tat hat ihre Verheißung

Hesekiel 18,1–4 Des Herrn Wort geschah zu mir: Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“? So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.

Zum Predigttext für den 3. Sonntag nach Trinitatis: Hesekiel 18,1–4+21–24+30–32. 

Pfarrer Heinz Gerstlauer
ist Vorstands­vorsitzender der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart.



Es ist schön, wenn man seinen Kindern etwas weitergeben kann. Sein Lebenswerk, Ein Haus. Ein Erinnerungsstück. Schmuck. Möbel. Und Kinder halten es in der Regel in Ehren. Die alte Kommode steht in der Küche. Der Ring ziert die Hand. Das Leben geht weiter. Das „Sach“ bleibt in der Familie. Wir hinterlassen Spuren auf dem Konto und in den Seelen unserer Kinder.

Dabei vererben wir nicht nur Gegenstände. Nein, auch Gebräuche und Geschmäcker, Haltungen, Lebenseinstellungen. Den Dialekt und die Geschichte der Familie. Saure Trauben und stumpfe Zähne.

Der Satz weist auf einen bitteren Zusammenhang hin. Wir erben nicht nur das Gute. Auch den alten Familienstreit. Die Schulden und die Fehler der Vergangenheit. Und wer als Deutscher ins Ausland fährt, der spürt, dass er auch die Geschichte unseres Landes geerbt hat. Nicht nur Schiller und Goethe, sondern auch Hitler und ­Goebbels. Erben macht stolz, aber auch wütend. Nicht nur als Segen, sondern auch als Fluch wird das Erbe der Alten erfahren.

Solche Klage und solchen Spott gegen die Vorfahren gab es schon vor 2000 Jahren bei den Verbannten des jüdischen Volkes im babylonischen Exil. Heimatlos, verunsichert, verachtet – so erleben dort heranwachsende Söhne und Töchter ihre Lage als Buße für die Schuld der Eltern, als Folge für deren Hochmut und Selbstsicherheit, deren Eigensinn. „Die haben verspielt, was wir hätten erben sollen, die Heimat. Unser Elend ist ihre Schuld.“

Die Klage ist modern. Vermögenskrise, Schuldenkrise. Die eigene Situation – eine Aneinanderreihung von Fehlern in der Erziehung. Saure Trauben und stumpfe Zähne. Eine bittere Koppelung. Viele Menschen erleben das so.

Armut scheint in Deutschland vererbbar zu sein. Schlechte Bildungsabschlüsse auch. Wer einmal oben ist, bleibt es auch. Die Statistik bestätigt das. Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist die Ausnahme. Die Vergangenheit steht der Zukunft Vieler im Wege. Und jetzt? Einfach weitermachen? Schließlich können wir doch auch nichts dafür, oder?

Der Prophet Hesekiel hat eine junge Generation im Visier, die sich selbst vornehmlich als Opfer der Verhältnisse begreift, eine Generation, die ständig von Erblasten spricht, von Sachzwängen, für die sie nichts kann und die damit ihre eigene Tatenlosigkeit rechtfertigen will. Hesekiel kennt seine Leute, und er kennt den Unterschied zwischen Jammern und Klagen. Das eine dreht sich im Kreis, das andere führt auf einen neuen Weg.

„Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne.“ Ich will euch richten, einen jeden nach seinem Weg! Das sitzt. Und es gibt Verantwortung zurück.

Jede Tat hat also ihre Verheißung! Und wenn wir der Meinung sind, dass etwas geändert werden müsste, dann ergreifen Sie die Chance und machen Sie das zu Ihrer Sache. Wir können nicht die ganze Welt ändern, aber an unserem Ort, in der eigenen Firma, in der eigenen Familie sehr wohl. Wenn Sie der Meinung sind, es gebe bei uns zu wenig Liebe, zu wenig Achtung vor den Alten, zu viel Resignation bei den Fremden unter uns, wenn Sie glauben, dass uns der Wohlstand, die Rechthaberei, die Bequemlichkeit, die Raserei, der übertriebene Konsum oder was auch immer bankrott macht – dann sagen Sie für sich selbst: Warum tue ich dann nichts?

Will ich eigentlich sterben oder will ich leben? Schlimmer als etwas tun, ist gar nichts tun! Und wer nichts tun kann, kann sich wenigstens informieren und anderen Mut machen, der kann wenigstens beten und Gott und den Menschen in den Ohren liegen mit seinen Anliegen. Mit seinem Bemühen um Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

Am 6. Juli ist in diesem Jahr in unserer Landeskirche Diakoniesonntag. Ich will euch richten, sagt Gott, einen jeden nach seinem Weg. Darum kehrt um und kehrt euch ab von all euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld verfallt (Vers 30). „Macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben“ (Verse 31+32).

 

Ihr Gebet

Im Umgang mit dem Erbe der Alten
gib uns Klugheit,
das Richtige zu bewahren, zu verändern, loszulassen,
damit wir frei werden
und heute Verantwortung übernehmen.
Amen.







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