Christliche Themen für jede Altersgruppe

Luthers Bild und Luthers Image

Wie Martin Luther ausgesehen hat, ist nicht bekannt. Dennoch fragt man sich: Wie muss man sich diesen Mönch vorstellen, der es wagte, der Papstkirche die Stirn zu bieten? Wir kennen Luther jedenfalls in erster Linie von den Gemälden von Lukas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren. 

Martin Luther. (Foto: epd-Bild)


So wie auf dem vierten Bild von links kennt man den Reformator: Er schaut dem Betrachter ins Gesicht. Martin Luther sucht Blickkontakt. Er stellt so eine Beziehung zwischen Kunst und Wirklichkeit her, die bis dahin undenkbar war. Lucas Cranach gibt der Reformation durch seine Gemälde ein Gesicht.

Und doch müssen wir bei den Luther-Porträts eigentlich vorsichtig sein. Denn obwohl es von Luther 1000 Bilder gibt, wissen wir nicht, ob der Wittenberger Maler ihn realistisch gemalt hat.

Luthers Image wechselt immer wieder. Auch wenn das zunächst zu modern klingt: Die Bilder dienten Werbezwecken, PR (Public Relations) würde man heute dazu sagen. Bei dieser PR ging es um die Sache der protestantischen Reformation.

Die Cranachs waren als Malerfürsten wie moderne Unternehmer: Ihre gewaltige Werkstatt (dort wurden schätzungsweise 5000 Bilder hergestellt) komplettieren sie geschäftstüchtig mit vielen weiteren Standbeinen: Apotheke, Brauerei, Brennerei, Druckerei, Immobilienhandel.

Beinahe hätte ein anderer, der vermutlich weltweit bekannteste deutsche Künstler, den Träger der neuen Ideen aus Wittenberg porträtiert, aus Dankbarkeit und um ihn zu verewigen. Albrecht Dürer war als Vertreter seiner Stadt Nürnberg im Sommer 1518 beim Reichstag in Augsburg. Damals war der 47-jährige Maler auf dem Höhepunkt seiner Kunst und selbst ein Prominenter von europäischem Ruf. In Augsburg machte Dürer auch mit den Schriften Martin Luthers Bekanntschaft. Rasch füllte sich seine private Luther-Bibliothek.

Dürer wandte sich brieflich an Georg Spalatin in Wittenberg, vielleicht weil dieser Humanist, Theologe und Vertraute Luthers in Nürnberg zur Schule gegangen war. Bei ihm bedankte sich Dürer für die Lutherschriften, die ihm Kurfürst Friedrich der Weise senden ließ. „Und hilft mir Gott, dass ich zu Martin Luther komme, so will ich ihn mit Fleiß abkonterfeien und in Kupfer stechen zu einem dauernden Andenken des christlichen Mannes, der mir aus großen Ängsten geholfen hat“, wünschte er sich in diesem Brief von 1520.

Doch 1520 setzt jemand anderes Dürers Idee um und fertigt dieses Konterfei an, einen berühmten Kupferstich, der Hofmaler Lucas Cranach. Auch er drückt tiefen Respekt und seine Hochachtung Luther gegenüber aus, indem er einen auffälligen Untertitel in bestem Latein dazusetzt, der das Programm und das Problem dieser künstlerischen Produktion des kommenden halben Jahrhunderts erfasst: „Aetherna ipse suae mentis simulacra Lutherus exprimit at vultus cera Lucae occiduos M·D·X·X“. Auf Deutsch: „Die ewigen Gottesbilder seines Geistes drückt Luther selber aus, jedoch das Wachs des Lucas seine vergänglichen Gesichtszüge – 1520“. Darunter befindet sich eine gekrönte Schlange; sie ist das Signet Lucas Cranachs, sein Markenzeichen. Das klingt nicht so persönlich, nicht so ergriffen wie bei Dürer.

Cranach zeigt einen asketischen Mönch mit festem Blick in die Weite, Tonsur, hagere Wangen, kein Bart, in der Mönchskutte. Der Künstler tritt zurück hinter Luthers neugewonnenem Blick auf Gottes unendliche Liebe und Gnade, die in der Kirche des Abendlandes fast ganz verschüttet waren. Aber dieser Künstler macht sich nicht klein. Ganz selbstbewusst bringt Cranach hier seinen Vornamen als Anspielung auf den Apostel ein, der der Legende nach der Urheber christlicher Kunst ist. „Lukas malt als Erster die Madonna“ – im Mittelalter wird der Apostel mehrfach als Maler von Marienbildern dargestellt.

Lukas galt als Patron auch der Bildhauer, Maler und Künstler, weshalb deren Zunft auch als Lukasgilde bezeichnet wurde. Wie ein Bildhauer sein Modell in Wachs ausarbeitet, so sagt Cranach hier mit seinem „Wachs des Lucas“, sei er jetzt der Bildhauer Luthers und dessen Apostel und „Verkündiger“.

Nach dem Reichstag in Worms 1521 galt Martin Luther als vogelfrei. Jeder hätte ihn ungestraft umbringen können. Kurfürst Friedrich der Weise ließ Luther nach einer angeblichen Entführung in Sicherheit bringen. Dürer ist erschüttert, als er die Gerüchte hört, Luther sei spurlos verschwunden, gewaltsam entführt und vielleicht tot.

Auf der Wartburg ändert Luther in den folgenden Monaten sein Aussehen, seine Identität. Jetzt ist er Junker Jörg. Er nimmt auch am Freizeitverhalten junger Adliger teil wie der Jagd, und bekommt nach eigenem Bekunden „eine leichte Feiste“. Er isst jetzt wie die reiche Oberschicht, mehrfach Fleisch in der Woche. Eine natürliche, sichere Maskierung schützt ihn, weil er die Haare sprießen lässt.

Seine Mönchs-Tonsur verschwindet, er lässt sich einen üppig wallenden Bart wachsen. So kann Junker Jörg Wittenberg für ein paar Tage besuchen, und Luther wird nicht erkannt. Lucas Cranach fertigt ein Porträt von diesem Junker Jörg an. Vollere Wangen, viel Haupthaar, ein kleiner Stirnwirbel, gekleidet nach der beim Adel führenden spanischen Mode.

Auch als Holzschnitt gibt es Junker Jörg. Das Exemplar in Braunschweig trägt am oberen Rand eine Inschrift: „Imago Martini Lutheri eo habitu expressa quo reversus est ex Pathmo Wittebergam Anno Domini 1522“. Auf Deutsch: „Bildnis Martin Luthers in der äußeren Gestalt dargestellt, in welcher er zurückgekehrt ist aus Patmos nach Wittenberg im Jahre des Herrn 1522.“ Das „Patmos“ ist der biblisch verschlüsselte Ausdruck für ein Exil (Offenbarung 1,9 und 1,10), eine Chiffre für die Wartburg. Der Holzschnitt trägt eine lateinische Bildunterschrift, die übersetzt lautet: „Gesucht so oft, Rom, so oft von dir gefordert, siehe jetzt lebe ich, Luther, durch Christus immerfort. Die einzige Hoffnung ist für mich Jesus, von dem ich nicht betrogen werde, solange ich mich nur an diesen halte – lebe wohl, treuloses Rom!“

Luther der Kanzelprediger ist das häufigste Bildmotiv. Es gibt davon viele hundert Porträts, massenhaft produziert, teils mit Schablone. Martin Luther ist Pfarrer im schwarzen Talar. Das ist die Amtstracht der Universität und kein Priestergewand. Luther der Hochschullehrer zeigt: Ein evangelischer Pfarrer ist immer auch ein Lehrer der Theologie, Theologie ist eine Wissenschaft. Das ist kein abgegrenzter Zirkel, keine Geheimsprache, nichts Esoterisches, nichts Magisches. Im Gegenteil, alle sollen etwas erfahren und mitbekommen. Die Reformation wird als Bildungsprogramm verstanden, als Volksaufklärung. Darum auch die Bibelübersetzung in die Muttersprache, und logischerweise Schulen für alle, darum Gottesdienst auf Deutsch und eine singende Gemeinde, die als Volk Gottes das erste Wort hat und mit dem Eingangslied den Gottesdienst eröffnet. Gemeinde als Subjekt und nicht als Publikum, das einer heiligen Handlung geweihter Priester und Spezialisten in fremder Sprache bloß zuschaute. So ist Reformation.

Auf vielen Lutherporträts schaut oben unterm schmalen Hemdkragen ein roter Streifen heraus. Als Lucas Cranach der Jüngere nach dem Tode seines Vaters dessen Werkstatt übernimmt, setzt er dessen Arbeit fort. Er malt jetzt monumentale Altarbilder der Reformation, für Wittenberg, für Weimar: immer der rote Streifen unter dem Hemdkragen.

Dieser schmale rote Streifen wächst auf seinen Luther-Bildern, weil ihm klar wird, dass er ihn richtig malen muss, großflächig. Der rote Wams – alle sollen ihn sofort sehen.

Lukas Cranach der Jüngere nimmt diese Idee seines Vaters auf, und er vervollkommnet sie: Luther mit dem roten Wams eines Bürgers. Damit war damals den Betrachtern sofort deutlich: Mit dem unbiblischen Zölibat und der unerlösten Sexualität der römischen Kirche hat es ein Ende.

Hier predigt kein Kleriker, sondern ein normaler, ein freier Mann, ein Ehemann, ein Vater. Hier ist gemalte Theologie der Freiheit. Er spielt mit seinem Namen – Luthêrus Eléuteros – Luther ist „frei“. Man kann das sogar bis hin zur Zeichnung der Totenmaske Luthers finden – wie „ein sanftes Ruhekissen“. „Wohl dem, der kein böses Gewissen hat und der seine Zuversicht nicht verloren hat!“ (Sirach 14,2)


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Die Cranachs
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