Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mehr als eine zweite Chance

Matthäus 18,21–35 (in Auszügen) Petrus fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Das Himmelreich gleicht einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Einer war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. Da er’s nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. Da flehte der Knecht: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen. Da ließ der Herr ihn frei. Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; er packte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! Da fiel sein Mitknecht nieder: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen. Er aber warf ihn ins Gefängnis. Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; hättest du dich nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht?

Impuls zum Predigttext für den 22. Sonntag nach Trinitatis: Matthäus 18,21–35.  Von Friedrich Hörger.

Friedrich Hörger ist Pfarrer in Wiernsheim-Pinache.
Foto: Werner Kuhnle



Vergeben ist schwer. Gut, eine zweite Chance gestehen wir einem schon mal ein, und selber ist man ja auch froh, eine zweite Chance zu bekommen, wenn man einmal Mist gebaut hat. Doch geben wir einem eine dritte und vierte Chance? Kommen wir über eine dritte, vierte oder gar zehnte Enttäuschung hinweg? Vergeben ist schwer. Petrus hört, dass er siebzigmal siebenmal vergeben soll. Jesus will wohl mit dieser Zahl sagen: Beim Vergeben gibt es keine Grenze, wo man sagen kann: Jetzt reicht’s! Die Bereitschaft zur Vergebung soll immer da sein.

Um vergeben zu können, braucht man ein großes Herz. So ein großes Herz hatte der König in dem Gleichnis, das Jesus erzählt. Er erlässt seinem Knecht seinen riesengroßen Schuldenberg. Frei von aller Schuld trifft er auf einen Mitknecht, der ihm die vergleichsweise kleine Summe von 100 Silbergroschen schuldet. Die will er zurück. Und das ist sein gutes Recht. Doch der Mitknecht kann nicht bezahlen.

Wir alle gehen davon aus, dass Schulden beglichen werden. Wer etwas kauft, muss es bezahlen. Wer Schulden macht, muss sie zum vereinbarten Zeitpunkt zurückzahlen. Auf dieser Basis funktioniert unsere ganze Wirtschaft. Wer sein Geld nicht bekommt, hat das Recht, sein Geld gerichtlich einzutreiben. So gesehen ist im Gleichnis Jesu das Verhalten des Knechts, der die 100 Silbergroschen seines Mitknechts wieder sehen will, nichts Ungewöhnliches. Er hat das Recht, zu seinem Geld zu kommen. Vielleicht sah er in diesem Geld das Startkapital für eine neue Existenz. Und dennoch müssen wir angesichts der ganzen Geschichte sagen: „Wie kann er nur! Wie kann er sich nur so verhalten?“

Manchmal ändert sich mit der Vorgeschichte alles. Was zuvor als normal galt, ist jetzt absolut unverständlich, geradezu absurd, widersinnig. Denn dieser Knecht hatte gerade Barmherzigkeit erfahren, indem ihm sein Schuldenberg erlassen worden war. „Habe Geduld mit mir, ich will dir’s bezahlen.“ Spätestens bei diesen Worten seines Mitknechts, die ja seine eigenen Worte vor dem König waren, hätte er sich daran erinnern müssen, wie viel Barmherzigkeit er erhalten hatte. Doch sein Herz zeigt kein Mitleid, es bleibt hart, erbarmungslos. Das ist jetzt ganz und gar unverständlich! Vor wenigen Monaten diskutierte man über einen Schuldenerlass für Griechenland. Auch da zeigte sich, wie schwer man sich tut.

Jesus will mit diesem Gleichnis sagen: Gott vergibt uns unsere große, unbezahlbare Schuld. Deshalb sollen auch wir bereit sein, unseren Mitmenschen zu vergeben. Das griechische Wort für „vergeben“ heißt, wörtlich übersetzt, „loslassen“. Die Schuld, die ein anderer Mensch uns gegenüber hat, ist für uns wie ein Besitz, der uns über ihn erhöht. Für ihn ist er wie ein Gefängnis, aus dem er nicht mehr herauskommt. Vergeben heißt: diesen Menschen wieder frei geben, ihn aus dem Gefängnis wieder loslassen, so dass er sich uns gegenüber wieder frei bewegen kann.

Der Knecht kann seinem Mitknecht nicht vergeben. So nimmt der König, wohl aus totaler Enttäuschung nun seine vorher gezeigte Vergebung zurück und übergibt den Knecht den Peinigern. Mit Schülern diskutiere ich an dieser Stelle gerne. Ich frage sie: Ist es denkbar, dass  Gott, seine Zusage zurücknimmt? Manche meinen: Gott steht zu seinem Wort. Dass er seine Zusage zurücknimmt, passt nicht zu Gott. Andere sagen: Gott ist souverän, er kann seine Entscheidung revidieren. Oder, wie dieser, kürzlich gelesene, Satz meint: „Chancen vergeben im Sport kann zur Niederlage führen. Vergeben im Leben kann neue Chancen eröffnen.“


Ihr Gebet

 

Gebet

Guter Gott,
du schenkst uns immer neu Raum zum Leben.
Brich die Enge unseres Herzens auf,
wenn wir deine Güte vergessen.
Mach uns fähig, anderen zu vergeben,
so wie du uns vergibst.
Amen.

















Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 47/2017

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