Christliche Themen für jede Altersgruppe

Menschenworte – Gottes Wort

Römer 10,17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Impuls zum Predigttext für den 17. Sonntag nach Trinitatis: Römer 10,9–17(18). Von Thomas Oesterle


Thomas Oesterle  ist Pfarrer an der Pauluskirche in Schorndorf.


„Wie entsteht Glaube?“ Zu dieser Frage hat Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom ganz pointiert Stellung bezogen: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.“ Um diesen Vers gibt es in der Theologie Streit. Das liegt vor allem an der Übersetzung, mit der Luther den Urtext ins Deutsche übertragen hat. Im Griechischen steht dort: „Der Glaube kommt aus dem Hören.“ Luther hat übersetzt: „Der Glaube kommt aus der Predigt.“ Dadurch geschah eine Akzentverschiebung. Denn, wenn der Glaube „aus dem Hören“ kommt, dann geht es um die Haltung des Hörers. Was ein Pfarrer von der Kanzel herab sagt, ist eher zweitrangig. Die entscheidende Frage ist, ob ein Mensch das auch annehmen wird, ob er ernstlich hinhört. Es ginge dann vor allem um die Haltung und die Entscheidung des Hörers, und erst danach um das, was eine oder einer sagt. Ob also Glaube entsteht, liegt dann an der Offenheit des hörenden Herzens – nicht an der Predigt.

Kommt dagegen der Glaube „aus der Predigt“, dann wird der Theologe plötzlich sehr wichtig, gewinnt eine entscheidende Stellung. Ob Glauben entsteht, würde dann von ihm abhängen, also etwa davon, ob der Prediger oder die Predigerin gewinnend reden kann. Die Persönlichkeit auf der Kanzel wird Ausschlag gebend, sie schafft Glauben, oder versagt an dieser Aufgabe.

Diese Auffassung ist auf jeden Fall falsch, auch wenn sie noch immer im Selbstverständnis vieler Prediger und so mancher Gemeinde lebt. Wenn das Entstehen des Glaubens vom Auftreten eines anderen Menschen abhängig gemacht wird, dann befindet man sich auf dem Holzweg. Martin Luther hat das auch so gesehen. Ein Zitat macht das deutlich: „Wird Gott deiner bedürfen, er wird dich wohl rufen. Ruft er dich nicht, so lass‘ deiner Predigtkunst nicht den Bauch aufreißen. Du denkst sehr närrisch auf den Nutzen und Frommen den du schaffen wolltest. Glaube mir, niemand wir mit predigen Nutzen schaffen, als alleine der, der ohn‘ sein Willen und Begierd‘ zum Predigen und Lehren gefordert und gedrungen wird. Denn wir haben nur einen Meister, der lehret alleine und bringt Frucht durch seine Knechte, die er dazu berufen hat.“

Das bedeutet, dass es nicht am Prediger hängt, ob einer zu glauben lernt. Doch genauso wenig will ich den Glauben alleine auf die Hörbereitschaft gründen, die ein Mensch mitbringt. Es hängt auch nicht an der Subjektivität alleine, ob ein Mensch zu glauben lernt. Wovon dann? Wie entsteht Glaube? Wenn wir den Predigttext in seiner Urgestalt genau ansehen, bekommen wir eine Antwort: „Der Glaube kommt aus dem, was gehört wird, das, was gehört wird aber, durch das Wort Christi.“ Dass also Gottvertrauen entsteht, hängt ab von dem, was man zu hören bekommt.

Was man aber zu hören bekommt, das hängt auch nicht in erster Linie vom Prediger ab. Es hängt ab von dem, der den Prediger zu seinem Mittel macht, um durch ihn hindurch selbst zu reden. Dass Glauben entsteht, hängt also an unserem auferstandenen Herrn Jesus Christus, der das gesprochene Wort des Predigers zum Weg macht, auf dem er selbst zu den Menschen kommen will. Das „mündlich Geschrei“ – wie Luther es genannt hat, die gesprochene, aktuelle Auslegung des geschriebenen Bibelwortes, ist das Mittel, damit aus der Schrift die lebendige Stimme Christi herausdringt – bis in unser Herz hinein. Dass Christus, wenn er es will, das menschliche, fehlbare Reden des Predigers so benutzen kann, dass es zu seinem göttlichen Wort wird, das zeigt: Christus ist nicht stumm, seit er am Kreuz von Golgatha starb. Sondern er redet zu uns, auch heute noch. Denn nach dem Kreuzestod geschah seine Auferstehung, und wir bekennen, dass unser Herr lebt. Als lebendiger Herr kann er aber auch heute und hier reden – zu uns. Weil Christus lebt, spricht er mit uns, mittels menschlicher Worte.

Luther hat zwar pointiert übersetzt mit: „Der Glaube kommt aus der Predigt.“ Aber er wollte sagen: Christus selbst redet mit uns, öfters als wir es uns vorstellen. Wenn er zu uns redet, dann will er nur das eine: Er will unser Vertrauen in die Güte Gottes begründen und stärken. Dazu benutzt Christus das schwache und kritisierbare Menschenwort. Und wenn ein Hörer von diesem Menschenwort im Herzen getroffen wird, dann liegt es an dem, der hinter dem Prediger steht und durch ihn hindurch spricht: an unserem auferstandenen Herrn.


Gebet
Gott,
dein Wort verwandle uns,
dein Heiliger Geist leite uns,
damit wir bei dir bleiben
heute und alle Zeit.

Aus: Gottesdienstbuch für die Evangelische Landeskirche in Württemberg.
Erster Teil, Stuttgart 2004, S. 181.


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