Christliche Themen für jede Altersgruppe

Mit dem Herzen schauen

Offenbarung 21,1+3+4 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.


Impuls für den Letzten Sonntag im Kirchenjahr: Offenbarung 21,1–7.  Von Ernst-Dietrich Egerer

Ernst-Dietrich Egerer ist Pfarrer in Maulbronn und Meditationsbegleiter.


Ein unvergesslicher Augenblick: die blinde Frau, als sie die unglaubliche Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde vorlas. Langsam begann sie: „Ich sah“ und schwieg lange, als ob sie einen Doppelpunkt markieren wollte. Nachher sagte sie: „Was wir sehen, ist nicht das Wirkliche. Wer nicht hinaussieht, bleibt für immer blind.“ Eine blinde Frau, die andere das Sehen lehrt – unglaublich und so wunderbar wie dieser großartige Text am Ende der Bibel.
Wir leben in Zeiten, in denen die Augen pausenlos beschäftigt werden. Wer kann all die Reize aushalten, die über Bildschirme auf uns einstürmen? Wer erträgt noch die Augen-Blicke, zu denen uns die Werbung verlocken will? Wir lassen zu, dass wir nur noch Augen-Menschen sind, die sich von optischen Einflüssen steuern lassen. Wir brauchen neue Sehhilfen, die uns lehren, wieder hinaus zu sehen.
In der geistlichen Tradition gibt es die Vorstellung vom „dritten Auge“. Das meint eine Sichtweise, die nicht beim unmittelbaren sinnlichen Eindruck bleibt. Ich belasse es nicht bei dem, was äußere Reize auf meiner Netzhaut auslösen. Ich weite meinen Blick über alle Informationen, Erinnerungen und Deutungen hinaus, die sich mit dem optischen Reiz verbinden. Wer mit dem „dritten Auge“ zu sehen lernt, sieht den großen Zusammenhang. Der verweist letztlich auf Gott und seine Beziehung zum Himmel und zur Erde. Mein persönlicher Eindruck ist geborgen in einem großen Ganzen. Mit der Benediktinerin Silja Walter könnte ich sagen: „Es gibt immer ein ‚dahinter‘“. Wir müssen lernen, „durch die Rinde des Dinglichen“ hindurch zu sehen.
Unsere Zeit ist so schnelllebig und oberflächlich, weil sie sich der Wirkung erster Eindrücke überlässt. Der langsame, geduldige Blick ist weder erwünscht noch eingeübt. Man trainiert uns an, dem Auffälligen alles Augenmerk zu schenken, an der Inszenierung zu arbeiten. Wie oft hält aber der Inhalt nicht, was die Verpackung verspricht? Wie wenig ist oft hinter der wirkungsvollen Präsentation? Am Ende des Kirchenjahres müssen wir die Erfahrung aushalten, dass wir nicht wissen, wie es ‚danach‘ sein wird, was ‚dort‘ kommt. Wer aber lernt, den tieferen, längeren Blick einzuüben, über das Vorfindliche „hinauszusehen“, der ahnt jenes „Dahinter“, der beginnt mit dem Herzen gut zu sehen und wird nicht den Gaukeleien vor den Augen auf den Leim gehen. Die Vision des Johannes öffnet Horizonte für besondere Ein-Sichten.
Ebenso wie es guttut, die Ohren einmal gegen alles Lärmende zu verschließen, ist es hilfreich, immer wieder die Augen zu schließen, um Eindrücken nachzugehen und auf innere Bilder zu achten. Es zentriert uns, ganz bewusst den langsamen, genauen Blick zu üben: Nicht mehr von einem zum anderen zu springen, sondern ruhig und konzentriert bei dem zu verweilen, was vor mir ist: Die Form meiner Tasse, die Maserung der Tischplatte, der Baum vor meinem Fenster, die Gestalt meiner Hand oder ein Kunstwerk, in das ich mich versenke. Manchmal ereignet es sich, dass das, was ich betrachte, anfängt, mich in den Blick zu nehmen, so dass ich nicht mehr sagen kann, wer Betrachter und was Betrachtetes ist. Das zu erfahren, braucht Zeit. Es erfordert Mut, sich nicht ablenken und fortschwemmen zu lassen. Unsere Seele wird es uns danken, wenn wir wieder anfangen, in der Betrachtung zu verweilen.
Wir stehen vor Wochen, die auf besondere Weise unsere Augen anziehen wollen. Der geduldige Blick in den Schein einer Kerze hilft, mich zu sammeln, den Blick zu klären und zu schärfen für das, was wirklich um uns geschieht. Der geduldige Blick „hinaus“ lässt mich offen werden für den Klang der Verheißungen, die an diesem Sonntag unser Ohr suchen und in den Tagen des Advents ankommen wollen.

Gebet

Jesu, gib gesunde Augen, die was taugen, rühre meine Augen an; denn das ist die größte Plage, wenn am Tage man das Licht nicht sehen kann.Christian Friedrich Richter.

















Evangelisches Gemeindeblatt

Aktuelle Ausgabe 49/2017

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