Christliche Themen für jede Altersgruppe

O Heiland, reiß die Himmel auf

Jesaja 63, 15–64,3 (in Auswahl) So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten. Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Impuls zum Predigttext für den 2. Sonntag im Advent: Jesaja 63,15-64,3.  Von Ulrich Dreesman 



Der promovierte Theologe Ulrich Dreesmann ist Pfarrer an der Lutherkirche Stuttgart-Bad Cannstatt.


Martin Luther kannte ihn noch. Aus der gegenwärtigen evangelischen Predigt ist er weitgehend verschwunden: der verborgene, der schweigende Gott. Wir sollten es neu lernen, von ihm zu reden. Denn wer hat das noch nicht erlebt: Dass der Himmel leer zu sein scheint und Gott unerreichbar?
„Gottes Liebe ist so wunderbar“. Kinder lieben diesen Song. Die Aussage stimmt grundsätzlich. Wenn aber einmal nicht? Wenn er uns leiden lässt? Wenn wir dem Elend anderer nur hilflos zuschauen können?
Was, wenn Krieg und Terror nicht enden wollen? Wenn Christinnen und Christen um ihres Glaubens willen drangsaliert und ermordet werden? Wie umgehen mit Gotteserfahrungen, die sich nicht in warme, helle Worte packen lassen? Wie umgehen mit dem Gefühl, dass Gott schweigt?
Das Volk Israel hat die richtigen Worte für die Erfahrung der Gottesferne gefunden. Man lese nur die Klagepsalmen. Man erinnere sich an Israels große Propheten: Jeremias Anklagen gehören zum Abgründigsten, was man in der Bibel lesen kann. Auch der Prophet Jesaja kann ein Lied von der Gottesferne singen. Hier wird aus der Klage Anklage. Auf der Anklagebank sitzt niemand anders als der Ewige selbst.
„Schau nun vom Himmel herab! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?“ Das klingt herausfordernd, fast höhnisch. Wie steht es um deine Verheißungen, wie steht es um deine Zusage: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein?“ (Jesaja 43,1) Die Klage gipfelt in dem Vorwurf, Gott selbst sei verantwortlich für Israels Leid: „Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen?“
Israel spricht all das schonungslos und  auch herausfordernd aus. Israel fordert seinen Gott. Es will seinen Vater und Erlöser aus dem Herrgottswinkel hervorlocken. Es setzt dafür seinen ganzen Charme, seine ganze Leidenschaft ein und betont: Wir sind nichts ohne dich. „Bist du doch unser Vater.“
Israel hält Gott seine Vergangenheit vor. Was gestern war, kann heute nicht nichts sein. Was gestern galt, kann heute nicht vergessen sein. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, hat einst der Erzvater Jakob gesagt und dafür den Namen Israel erhalten: „Denn du hast mit Gott und Menschen gekämpft und hast gewonnen“ (1. Mose 32,27+29).
Israel nimmt den Kampf um Gott auf. Welche Leidenschaft spricht aus diesem Glauben. Nein, das ist kein Schönwetterglaube, keine Wellness-Frömmigkeit, die guttut und stärkt. Diese Frömmigkeit ist unbequem und ruppig. Sie ist so ruppig, dass sie Gott selbst auf die Füße zu treten wagt. Sie hält sich hart gegen Gott, weil Gott bisweilen selbst hart ist. Und findet sich mit einem leeren Himmel nicht ab.
Friedrich Spee hat sich vor knapp 400 Jahren seinen Reim auf die Verse aus Jesaja 63 und 64 gemacht. Spee erlebte die Gräuel des Dreißigjährigen Krieges mit. Er wusste, was Gottesferne ist und hat seine Erfahrung in ein Gedicht gefasst. Daraus wurde das Adventslied „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“, heißt es in der vierten Strophe.
Ich wünsche mir eine Christenheit, die dem fernen Gott in den Ohren liegt. Ich wünsche mir eine Kirche, die den abwesenden Christus voller Erwartung besingt. Die ihn fordert, die ihn herabruft und nicht lockerlässt. Die um ihren Gott kämpft und alles von ihm erwartet. Die sich singend selbst in Bewegung setzt. Um dann einzustimmen in Israels Gewissheit: „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“


Gebet
Ewiger Gott, du bist unser Vater
und unser Erlöser von alters her.
Auf dich vertrauen wir, auch wenn du schweigst.
Auf dich hoffen wir, auch wenn du fern scheinst.
An dich halten wir uns, auch wenn alles dagegenspricht.
Wir lassen dich nicht, du segnest uns denn.
Dein heiliger Name sei gelobt durch Christus.
Amen.

Evangelisches Gemeindeblatt

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