Christliche Themen für jede Altersgruppe

Reichtum und Armut

Markus 10,21–22 Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.

Impuls zum Predigttext für den 18. Sonntag nach Trinitatis: Markus 10,17-27.  Von Gabriele Ehrmann


Gabriele Ehrmann ist Diakoniepfarrerin in Stuttgart und für die Vesperkirche dort zuständig.


Maria hat eine Ausbildung, aber ihren Beruf nie ausgeübt. Seit vielen Jahren ist sie krank und lebt von Grundsicherung. Man kommt so über die Runden, sagt sie. Zögerlich folgt die Frage: Sagen Sie mal, mag Gott arme Menschen wie mich nicht? Die Frage macht mich betroffen. Ich denke nach und sage: Kennen Sie die Geschichte vom reichen jungen Mann?
Dort wird von einem jungen Mann berichtet, der zu Jesus geht. Es könnte jeder sein, der Geld und Besitz hat. Er fragt: Was muss ich tun, dass etwas von mir auf Dauer bleibt, dass Gott mich mag? Jesus antwortet: Die Gebote halten, wie es die Tradition sagt. Der Mann kennt sie alle: Vater und Mutter ehren, nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsch Zeugnis reden. Der Mann lebt danach. Von Jesus heißt es, dass er ihn ansah und lieb gewann. Ein inniger Moment. Jesus spricht zu ihm: Eines fehlt dir, verkaufe alles, gib es den Armen und folge mir nach. Der Mensch ging daraufhin traurig davon, denn er hatte viele Güter.
Die Geschichte endet mit einem Gespräch, das Jesus mit seinen Jüngern führt. Eine kritische Einstellung zum Reichtum spricht aus den bekannten Worten: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
Die Vorstellung vom Reichen, der nicht in den Himmel kommt, also von Gott nicht geliebt ist, breitete sich in den frühen Christengemeinden aus. Wie hältst du es mit den Armen, war eine entscheidende Frage.  Peter Brown, ein renommierter Althistoriker, nennt die Periode der spätrömischen Gesellschaft das Zeitalter des Kamels. Ein Wendepunkt in der Christianisierung Europas ist der Zufluss von Reichtum in die Kirche, als Wohlhabende vermehrt der Kirche beitraten. Ein Paradigmenwechsel vollzog sich. Die Bürgerliebe verwandelte sich in die Liebe zu den Armen. Wer den Armen gibt, der erwirbt sich einen Schatz im Himmel. Die Reichen sorgen für die Armen und die Armen bewirken, dass die Reichen Schätze im Himmel sammeln können. Man profitiert von einander.
Spätestens mit der Reformationszeit haben die Armen den Schlüssel zum Himmel verloren. Es setzte sich die Erkenntnis durch, weder durch Ablasskauf noch durch Unterstützung der Armen lässt sich Gottes Reich erwerben. Den Himmel schenkt uns Gott allein durch seinen Sohn.
Eine befreiende Erkenntnis. Dennoch bleibt eine Leerstelle. Armut hat keine religiöse Bedeutung mehr. Armut ist vergessen, verschämt, ausgegrenzt.
Maria bestätigt das. Sie geht nicht zum Klassentreffen, Essen in einer Gaststätte kann sie nicht bezahlen. Für sie sind viele Türen zu.
Der Text bringt Gedanken in Bewegung. Dadurch können sich Türen wieder öffnen. Wer weiß, ob der junge Mann nicht zurückgekommen ist und eine Aktion für den Nachbarn ins Leben gerufen hat? Aus der befreienden Erkenntnis, geliebt zu sein, wächst Nächstenliebe. Die, die etwas haben, werden verwiesen an die, die wenig haben wie Maria. Und wenn man Maria zuhört, wie sie aus ihrem Leben erzählt, meint man Gott zu begegnen entsprechend dem Satz Jesu: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan.
Gott liebt den Menschen und seine Liebe will weiter fließen. Das hat der junge Mann gespürt. Seine Traurigkeit rührt daher. Für eine kurze Zeit hat er dazugehört. Sein Reichtum ist kein Vergehen und Armut verdient keinen Heiligenschein. Beides kann Herausforderung und Anfechtung sein.
Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist eine Parteinahme für die, die in Not sind. Gott steht auf ihrer Seite und drängt auf Gerechtigkeit und Solidarität.
Maria fragt noch: Die vielen Menschen, die in der Vesperkirche mitwirken, ist das Gottes Liebe?

Gebet
Barmherziger Gott, wir singen von dir
als dem ewig reichen Gott.
Du hast dich arm und niedrig gemacht
in Jesus Christus, deinem Sohn.
Du weißt um den Segen und die Verführungen
des Reichtums und um die Verschämtheit und
die Not von Armut. Lass uns auf einander achten, dass genug für alle da ist und deinem Wort folgen, das sagt: ich bin der Weg, die Wahrheit und das
Leben.

Evangelisches Gemeindeblatt

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