Christliche Themen für jede Altersgruppe

Seht!

1. Johannes 3,1–3  Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.  


Impuls zum Predigttext für das Christfest: 1. Johannes 3,1-6.  Von Frank Otfried July


Landesbischof Frank Otfried July predigt beim Gottesdienst in der Stiftskirche in Stuttgart am Christfest, 25. Dezember, 10 Uhr.


Seht! Eine weihnachtliche Aufforderung, der nicht nur Kinder allzu gerne nachkämen. Wie gerne hätten meine Schwester und ich früher schon durchs Schlüsselloch geschaut und nur ein klitzekleines bisschen von der Pracht des Weihnachtszimmers erhascht. Aber noch war es nicht so weit.

Seht! Wir würden gern mehr sehen. Wenn wir die Zeitung aufschlagen, lesen wir jeden Tag eine neue Folge von der Fortsetzungsgeschichte der Unterdrückung, der Kriege und der Unfreiheit, der Armut und des Leids. Dann wollen wir mehr sehen, mehr von dem Handeln des starken Gottes. Mehr von Gottes Wirken in der Welt, ja, und auch in uns. Wie Simeon, der Prophet, wollen wir es sehen, noch zu Lebzeiten!

Seht! Wir würden gern mehr sehen. Wenn wir in den Spiegel schauen, abends, die Augen müde und das Herz ermattet vom Alltag. Wenn wir einander anschauen, nach dem fruchtlosen Streit. Wenn wir uns sehen, gefangen im Getriebe ebendieser ungerechten, liebeshungrigen Welt – wie sie auch ist, weil wir nicht so anders sind als alle anderen. Dann würden wir gern mehr von Gott sehen in uns und zwischen uns. Wir würden uns selbst und die anderen gern mehr sehen als die, die wir sein sollen: Gottes Kinder. Aber noch ist es nicht so weit.

„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen.“ Wie zuversichtlich uns das zugerufen wird. Doch der Schreiber des ersten Johannesbriefs weiß auch von unserem Noch-Nicht-Sehen, unserer Sehnsucht – unserer Sehens-Sucht. Er weiß um die Spannung und gibt ihr Ausdruck.

Es ist die Spannung unseres Lebens als Christinnen und Christen – eine adventliche Spannung. Im Advent wird die Sehnsucht, die Sehens-Sucht auf die Spitze getrieben. Kinder öffnen begierig Türchen um Türchen. Wir zünden eine Kerze nach der anderen auf dem Adventskranz an. Die Spannung steigt. Und die Sehnsucht nach Weihnachten wächst.

All diese Rituale des Wartens verweisen in der Tiefe auf jene Sehnsucht, von der der Text erzählt: mehr von Gott zu sehen, und mehr von der Gotteskindschaft an uns selbst. Und sollen wir nicht auch ein Hoffnungszeichen sein für die Welt? Aber auch die hat es schwer, uns als Kinder Gottes zu erkennen. „Es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.“ (Vers 2) Ja, wir sind nicht, was wir sein sollen, was wir sein können.

Werden wir sehen? Wird sich das Weihnachtszimmer der neuen Gottes- und Menschenwirklichkeit auch im übertragenen Sinne für uns öffnen? Wird Gott in unsere Welt, wird er zu uns kommen? Der Johannesbrief erzählt davon. Er spricht von einer Zeit, in der wir einst sehen werden, unverstellt.
Aber diese Zeit beginnt nicht erst „irgendwann“. Es kommt Weihnachten, jedes Jahr neu – ja eigentlich könnten wir es jeden Tag feiern. An Weihnachten lernen wir sehen.

Seht! Im Kind in der Krippe, in Jesus sehen wir ein Kind Gottes, wie es gemeint ist. Um es strahlt der Glanz der göttlichen Gegenwart. Und von diesem Kind her fällt auch ein neues Licht auf uns selbst und auf die anderen. Dieses Licht tröstet, dieses Licht erhellt den anderen Weg, ermöglicht einen neuen Blick.

Und wir sehen: Die Liebe Gottes hat auch uns zu seinen Kindern gemacht. Das Kind in der Krippe zeigt es uns. Denn es spiegelt schon uns selbst. Auch wenn wir an uns gegenwärtig diese Kindschaft noch nicht sehen, fassen können – nach dem neuen Sein des Christus strecken wir uns bereits aus, in Hoffnung und in Zuversicht. Lassen uns anrühren von dem Bild des Kindes in der Krippe, das uns, das die neue Wirklichkeit schon zeigt.

Gott sieht uns an als seine Kinder. Ja, Gottes Kinder sind wir schon. Seht nur hin.


Gebet
Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!
Paul Gerhardt, (Evangelisches Gesangbuch Nr. 37, Str. 4)









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