Christliche Themen für jede Altersgruppe

Tiefes Gottvertrauen

Daniel 9,18–19 Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tue es und säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

Impuls zum Predigttext für den 10. Sonntag nach Trinitatis: Daniel 9,15–19: Tiefes Gottvertrauen

Der promovierte Sozialwissenschaftler Michael Volkmann ist Pfarrer für das Gespräch zwischen Christen und Juden in der Landeskirche.

Wenn in Jerusalem die Sirenen heulen, lassen Meir und Judith Brom alles liegen und gehen in ihr Badezimmer, ihren einzigen fensterlosen Schutzraum. Meir und Judith sind ein befreundetes Lehrerehepaar, seit vielen Jahren engagiert im christlich-jüdischen Dialog in unserer Landeskirche. Doch wie die Dinge im aufgewühlten Nahen Osten liegen, haben sie auch Feinde: Ihre Stadt Jerusalem, die „Stadt des Friedens“, wird mit Raketen beschossen.

543 vor Christus: Daniel blickt von Babel nach der Stadt Jerusalem hin, die in Trümmern liegt. Im Exil ist er zum Hofbeamten aufgestiegen, doch seine Seele ist weit im Westen, in der heiligen Stadt, in der Himmel und Erde einander so nahe kommen wie nirgends. Am nach Jerusalem hin geöffneten Fenster betet Daniel drei Mal täglich. Jetzt sinnt er über Jeremias Prophetie nach, die den Juden ein Ende des Exils nach 70 Jahren angekündigt hatte.

Ein Fenster der Geschichte hat sich geöffnet: Der Perserkönig Darius hat Babel erobert und verfolgt eine neue Politik. Da bittet Daniel Gott um eine neue Chance für sein Volk.

Meir hatte mir seine Gedanken zu Daniels Gebet zugeschickt. Er schrieb von den drei Elementen in dem Gebet: vom Flehen, vom Sündenbekenntnis und von der Rechtfertigung des göttlichen Beschlusses. Diese Art der Anerkennung des göttlichen Beschlusses spielt in der jüdischen Liturgie und im jüdischen Glauben eine wichtige Rolle. So ist es üblich, dass man, wenn man vom Tod eines Mitmenschen erfährt, den Segensspruch „Baruch Dajan Emet – Gelobt sei, der in Wahrheit richtet“ ausspricht, erzählte mir Meir.

Gott sei Dank ist der, der in Wahrheit richtet, ein sich erbarmender Gott. Zu ihm riefen Mose und Jesus. Zu ihm betet Daniel: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

In der Lutherbibel sind diese Worte fett gedruckt, ihre Aussage war dem Reformator wichtig. Aber was so evangelisch an ihnen klingt – das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit – ist in Wahrheit jüdisch. Meir schreibt über das jüdische Beten: „Irgendwelche Verdienste des Volkes oder der Betenden werden ganz allgemein bis zum heutigen Tage niemals angesprochen.“

Daniel betet in tiefem Gottvertrauen. Er wirbt um Gottes erneute Zuwendung zum Volk Israel und zur Stadt Jerusalem, um alle drei – Gott, sein Volk und seine Stadt – wieder zusammenzubringen. Daniels häufigstes Wort ist nicht etwa „ich“ oder „wir“, sondern „dein, dich, dir“. Es geht ihm um Gott, der von den Verfehlungen seines Volkes, der Zerstörung seiner Stadt und der Schmähung seines Namens selbst am meisten betroffen ist. Nur Gott kann helfen. „Tue es und säume nicht – um deinetwillen, mein Gott!“

Würde sich doch auch heute ein Fenster der Geschichte öffnen lassen im von Leid beladenen Nahen Osten! Meir und Judith haben 90 Sekunden Zeit sich in Sicherheit zu bringen, wenn Alarm ertönt. In Gaza sind die Menschen schutzlos. „Jerusalem ist ein Vorspiel, die Vorahnung künftiger Tage“, schrieb der jüdische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel. Das erinnert uns an das Jerusalem der kommenden Welt am Schluss der Offenbarung. Und als sähe er das Fenster schon einen Spalt breit geöffnet, fährt er fort: „Es ist eines der großen Wunder der Geschichte, dass Jerusalem nicht nur den Juden heilig ist, sondern auch Christen und Muslimen in der ganzen Welt.“ Sie alle ruft er auf zum Gebet: „Ganz Jerusalem ist ein Tor, aber der Schlüssel ging im Dunkel von Gottes Schweigen verloren. Lasst uns alle Lichter anzünden, lasst uns alle Namen anrufen, damit wir den Schlüssel finden.“

 

Ihr Gebet

Gebet

Gott voll Erbarmen,
wir bitten dich für die Menschen in Nahost,
dass sie Extremismus zurückdrängen,
auf Gewalt verzichten,
Misstrauen abbauen
und das Gespräch suchen,
damit der Frieden eine Chance  erhält.
Amen.

Luthers-Familienzeit

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