Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Ich zum Du

1. Timotheus 1,12–17 (in Auswahl) Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht hat, mich, der ich früher ein Lästerer war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren. Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.


Impuls zum Predigttext für den 3. Sonntag nach Trinitatis: 1. Timotheus 1,12–17.




Martin Henzler-Hermann ist geschäftsführender Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Ravensburg.

Wo soll das hinführen, wenn das erste Wort eines Textes „Ich“ ist? Ich, mich, mir. Ich, ich, ich. Alle denken nur an sich. Nur ich, ich denke an mich.

Wo soll das enden, wenn ein Text mit „Ich“ beginnt? Dieser Text endet tatsächlich nicht beim eigenen Ego, sondern in einem Lobpreis auf Gott. Dieser Text entwickelt sich vom Ich zum Du. Genau genommen versteht sich hier das Ich des Individuums überhaupt erst vom Du Gottes aus. Und von Jesus Christus, seiner Beziehung zum eigenen Selbst. Spannend.

Immer wieder schreibt Paulus, dass er seine eigene Lebensgeschichte ganz vom Wirken Gottes durchdrungen sieht. Dass er eigenes Erleben fast als Beweis anführt. Ganz unmittelbar. Die frömmer Geprägten würden sagen: als Zeugnis.

Und es stimmt ja: Die Botschaft des Evangeliums will in unseren je eigenen Lebensgeschichten wahr werden. Im Tun und im Lassen. Im Vertrauen und im Hoffen. Auf den Sonnen- und den Schattenseiten unseres Lebensweges. Hier wird als Zentralerfahrung  Barmherzigkeit, das nicht Anrechnen der Sünde, genannt und bekannt.

Vom Ich zum Du. Das eigene Ich aus der Perspektive der Barmherzigkeit, mit den Augen Gottes sehen. Das würde auch zu meinem persönlichen Bekenntnis, zu meiner eigenen Erfahrung gehören: Ich kann mich nur richtig sehen, wenn ich von mir absehe. Wenn ich mir gesagt sein lasse, dass ich Gott recht bin, dass ich sein Kind bin. Dass ich nicht aus mir selbst lebe. Auch das „Ich“ des biblischen Textes formuliert ja passiv: Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht hat.

Zur Tiefendimension des christlichen Glaubens gehört die doppelte Wahrheit: Du bist geliebt und wichtig, Christus will in deinem Leben wahr werden, es kommt ganz auf dich an! Und gleichzeitig: Du bist nicht der Mittelpunkt der Welt, hör auf, dich um dich selber zu drehen. Du bist Teil eines Größeren, ja des Größten! Erst beide Bewegungen zusammen sind wahr: die Konzentration, die Zuspitzung auf das Individuum – und die Entgrenzung, das Absehen vom eigenen Ego.

Schon bei der Taufe ist das so – einzeln und individuell: „Du bist mein geliebtes Kind.“ Aber es wird in eine Gemeinschaft hineingetauft und in den überindividuellen Machtbereich des Unvergänglichen und Unsichtbaren.

Glauben heißt, ganz bei sich sein und über sich hinauswachsen. Glauben heißt selber anpacken und zugleich sich in den Händen eines Anderen wissen.

Glauben heißt, frei und selbstverantwortlich seinen Lebensweg zu gehen. Und sich ganz dem Wirken Gottes überlassen, sich führen lassen.

Klingt das zu uneindeutig? Oder zu mystisch? Die Mystiker wussten, dass man Gott und seine Botschaft nie besitzen kann. Dass immer ein Rest Geheimnis und Unverfügbarkeit bleibt.

Vielleicht kann man deshalb christlichen Glauben oft nur in spannungsvollen Doppelsätzen beschreiben.

Bei den Mystikern wie bei Paulus ist der Zielpunkt jedenfalls klar: Gott mit seinem ganzen Leben die Ehre geben! Mit dem ganzen Leben – nicht nur mit dem, was gelingt, nicht nur mit der eigenen Schokoladenseite. Der Abgrund der Liebe und Barmherzigkeit will unser ganzes Leben umfassen.

Vom Ich zum Du. Und zurück, vom Du zum Ich, von IHM zu mir. Amen. Ja, so ist es. Gewisslich wahr.¦

 


Ihr Gebet

Gebet

Allmächtiger und barmherziger Gott,
hier bin ich – vor dir.
Aber wer ist das: „Ich“?
Bin ich so, wie die Anderen mich sehen?
Bin ich so viel oder so wenig wert, wie ich leiste?
Bin ich ausschließlich das Produkt meines Charakters, meiner Erziehung, meiner Erfahrungen?
Wenn ich auf dich schaue, dann sehe ich mehr.
Die Wahrheit hinter der Oberfläche,
die Tiefendimension meines Lebens.
Danke, dass du mich freundlich anschaust.
Danke, dass ich dir recht bin. Danke, dass ich ein Kind Gottes
sehe, wenn ich in den Spiegel schaue.
Dir, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren,
sei Ehre und Preis in Ewigkeit!
Amen.



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