Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vom Tod zum Leben

Totensonntag nennen viele den letzten Sonntag im Kirchenjahr. Doch an diesem Sonntag soll nicht nur der Verstorbenen gedacht werden, sondern es soll auch die Zukunft in den Blick genommen werden – die Zukunft über den Tod hinaus. An diesem Sonntag kann man sogar taufen.  


Ewigkeitssonntag (Foto: Bernd Kasper-pixelio)

Die Kirche ist an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr viel voller gewesen als sonst, aus verschiedenen Gründen.  Zum einen waren dank der schriftlichen Einladungen auch von auswärts viele der Angehörigen von Verstorbenen aus der Gemeinde gekommen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr gestorben sind. Die Namen der Verstorbenen werden verlesen. Jedes Mal wird eine Kerze angezündet und auf dem Altar aufgestellt, abwechselnd rechts und links. Auf dem grauen Granit steht schließlich eine lange Linie von 24 Kerzen, mit einer Lücke in der Mitte. Alles ist festlich, der großartige Psalm 90 wird gebetet. An der Kanzel hängt das schwarze Parament. Totensonntag ist Gedenktag der Entschlafenen.

Zum anderen gibt es in diesem Gottesdienst eine Kindertaufe. Die große Tauffamilie sitzt in den ersten Reihen, die drei Paten mit ihren Verwandten und Freunden – ein anderer Termin kam nicht infrage. Selbst wenn die Verbindung beider Themen in den Gemeinden ungewöhnlich ist, Tod und Taufe, so ergibt sie theologisch gerade eine wunderbare Spannung, aus der wir lernen können.

Denn dieser letzte Sonntag im Kirchenjahr hat noch einen zweiten Charakter, eine zweite Bedeutung: Ewigkeitssonntag. Es geht um die Ewigkeit, um Gottes neue Welt. Der Prophet Jesaja schaut die Zukunft Gottes (Kapitel 65): „Die früheren Ängste sind vergessen.“ Für Gott gibt es sie nicht mehr. „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Ich bin im Begriff zu schaffen, die alte Welt neu. Ich will Jerusalem zur Wonne machen.“ Jerusalem wird zum Paradiesgarten mit dem Urstrom und Lebensbäumen. Die Pflanzen dienen der Heilung, worunter die kranke Welt leidet. Die ganzen gekränkten Völker, der Streit, der Krieg, die Gewalt. Der Predigttext hat das Neue Jerusalem, die Stadt aus Licht, in Offenbarung 21,1?–?22,5. Die Farbe des Paraments für den Ewigkeitssonntag ist darum weiß.

Was dürfen wir über den Tod hinaus hoffen? „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ So lautet die Antwort am Ende des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Ursprünglich ein Taufbekenntnis wurde es zur Grundlage der Glaubensunterweisung im Abendland.

Im Nizänum spricht die Gemeinde: „Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“

In der christlichen Malerei gibt es so etwas wie ein Bilderverbot, eine fromme Scheu, Gottes kommende Welt auszumalen, das ewige Leben banal zu bebildern. Nur gleichnishaft in Metaphern, zarte Andeutungen. Wie die berühmte Jenseits-Vision des ­Hieronymus Bosch vom Aufstieg der Seelen zu Gott, im venezianischen Dogenpalast. Gegen die vertraute Leserichtung, von rechts nach links, von unten nach oben werden die Seelen von Engeln aus dem Dunkel durch einen aufsteigenden Tunnel geleitet, der in gleißendes Licht übergeht. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten von ähnlichen Bildern.

Unsere Seelen sollen im Gottesdienst diese Spannung spüren und diesen Weg gehen, von Schwarz zu Weiß – vom Tod zum Leben. Vom Tod zum Ewigen Leben. Der Wechsel des Paraments an der Kanzel während der Predigt macht das sichtbar. „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“

Auch in der Taufansprache kommt diese Spannung vor. In einer der ältesten Erklärungen über das Wesen der Taufe formuliert Paulus im Römerbrief: „Ihr wisst doch: Bei unserer Taufe wurden wir förmlich in Christus Jesus hineingetaucht. So wurden wir bei der Taufe in seinen Tod mit hineingenommen.“ Und er schreibt weiter: „Denn wenn wir ihm im Tod gleichgeworden sind, werden wir es auch in der Auferstehung sein.“

Der Gedenktag der Verstorbenen und die Taufe eines neugeborenen Mädchens. Auf dem Altar kam in die Mitte der Reihe der Kerzen zum Totengedenken die bunt geschmückte Taufkerze für Aurélie. Das Parament an der Kanzel in leuchtend weißer Wolle. Vertrautes klingt plötzlich neu: „Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!“ Totensonntag mit Kindertaufe – was für ein Ewigkeitssonntag.


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