Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wo Laien-Profis predigen

BEUTELSBACH (Dekanat Schorndorf) – Sie tragen die Frömmigkeit im Namen: die Altpietisten, die sich seit einiger Zeit „Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg – die Apis“ nennen. Doch nicht nur der Name ist modern. Die Gemeinschaft hat auch ihre frommen Wurzeln weiterentwickelt, wie in der Beutelsbacher Gemeinschaft gut zu beobachten ist.

Moderne Verkündigung braucht moderne Musik. (Foto: Giacinto Carlucci)


Es ist geradezu symbolisch: Das evangelische Gemeindehaus in Beutelsbach hat zwei Eingänge, einen für die Kirchengemeinde und einen für die Evangelische Gemeinschaft, die Apis. Gemeinsam haben Gemeinde und Gemeinschaft das Haus gebaut. Getrennt bieten sie dort ihre Veranstaltungen an. Aber in besonderen Fällen können sie die Trennwände wegziehen und das ganze Haus benützen. Zur „profilierten Gemeinschaftsarbeit“, wie Apis-Leiter Henning Romberg es nennt, gehört eben selbstverständlich auch die gute Partnerschaft mit der Gemeinde.

Der Raum ist groß und einladend. Hohe Holzdecken verschaffen Weite, der Teppichboden verbreitet Wohnzimmerstimmung. Vorne steht der obligatorische Brüdertisch mit zwei Mikrofonen, von dem aus verkündigt wird. Dahinter an der Wand hängt ein großes Holzkreuz. Neben dem Brüdertisch stehen das Klavier und die Gitarre. Ein Beamer projiziert ein Willkommensbild an die weiße Wand: Ein Mann geht mit seinem Sohn spazieren. Darunter steht: Nachfolge gestern und heute.

Rund 60 bis 80 Menschen versammeln sich jeden Sonntagabend um 18.30 Uhr in diesem Gemeindehaus. Meist zusätzlich zum Sonntagsgottesdienst. „Gemeinschaftsabend unter Gottes Wort“ heißt die Veranstaltung inzwischen ganz modern. Früher hat man dazu ganz altpietistisch „die Stunde“ gesagt. Aber heute nennen sich die Altpietisten auch nicht mehr Altpietisten, sondern Apis. Und sie betonen, dass sie ein evangelischer Gemeinschaftsverband sind.

„Willkommen, Ihnen allen“, sagt eine freundliche Frau im roten Pulli. Das Klischee von den schweigenden Frauen mit Dutt und grauen Strickwesten wird hier widerlegt. Sie trägt eine Halskette und ein buntes Tuch, und sie wird den Abend moderieren. Der Abend ist eine Mischung aus Gottesdienst, Vereinstreffen und Verkündigung. Die Teilnehmer können ans Pult gehen, um Grüße und Neuigkeiten weiterzugeben. Eine Frau berichtet von einer Beutelsbacherin, die sich seit Jahren um Mädchen in Indien kümmert. Ein Mann richtet Grüße von einem Mitglied aus, der weggezogen ist. Die Moderatorin liest die Namen der Geburtstagskinder vor. Anschließend spricht sie mit geschlossenen Augen ein freies Gebet.

Früher hatten Männer die führende Rolle bei den Altpietisten eingenommen. Heute herrsche da größere Freiheit, erklärt Henning Romberg. Sie laden Pfarrerinnen ein und bestellten Moderatorinnen. Frauen predigen – allein oder mit anderen zusammen. Und die Beutelsbacher Apis haben auch eine Jugendreferentin eingestellt.

Die Musik wird ebenso von Frauen mitgestaltet: Begleitet von Klavier und Gitarre werden an diesem Abend Lieder aus dem eigenen Gemeinschafts-Gesangbuch gesungen: „Jesu, meine Freude“; „Freue dich Welt, dein König naht“; aber auch modernes Liedgut: „Wenn der Herr mich befreit“ aus dem Jahr 1986.

Von der Musik wechselt das Programm zur Pantomime: Zwei Frauen zerren an einer anderen Frau herum, zwei Kinder ziehen wie wild an einer Schnur. Was bedeutet das? „Zerreißprobe“ lautet die Antwort. Darum geht es auch im heutigen Bibeltext. Maleachi erzählt vom Volk Israel in der Zerreißprobe. Und jetzt ist es Zeit für die Kinder, zur Kinderbetreuung zu gehen. Vorne am Brüdertisch haben zwei Männer Platz genommen. Einer davon ist Henning Romberg. Der andere sein Stellvertreter. Die Verkündigung beginnt.

Traditionell ist der Ort der Verkündigung bei den Apis der so genannte Brüdertisch. Allerdings wird in Beutelsbach bei der Hälfte aller Veranstaltungen vom Rednerpult aus gepredigt, wie Henning Romberg erklärt. Am Tisch sitzen sie nur, wenn mehrere verkündigen. Bei nur einem Prediger ist das Stehpult der geeignete Rednerplatz. Zum Beispiel, wenn am ersten Sonntag im Monat ein Pfarrer oder eine Pfarrerin kommt, ein „Profi“, wie Romberg anmerkt. Und dann kommen auch schon mal 100 Zuhörer zum Gemeinschaftsabend.

Die Evangelische Gemeinschaft Beutelsbach ist gut organisiert. Es gibt einen Gemeinschaftsleiter und dessen Stellvertreter. Im weiteren Leitungsgremium sitzen acht Personen, drei Frauen und fünf Männer. Zurzeit hat der Verein 93 Mitglieder.

Der Stellvertreter beginnt an diesem Abend mit der Auslegung des Bibeltextes. Denn die Bibel steht bei den Apis immer im Zentrum. Der Verkündiger hat ein Manuskript. Mit leiser Stimme liest er seine Gedanken vor, geht Vers für Vers die Bibelstelle durch. „Was läuft schief?“, fragt er. Während seine Stimme raunt, quäkt ein Baby im Hintergrund ganz leise. „Das Böse kann den Gottesfürchtigen nichts mehr anhaben“, schlussfolgert der Prediger gerade. Dann wird ein Lied gesungen. Henning Romberg hat es zur Auflockerung vorgeschlagen: „Mache dich auf und werde Licht.“ Im Kanon.

Dann ist er selbst dran. Henning Romberg ist irgendwie auch ein Profi. Seit 18 Jahren leitet der 58-Jährige die Beutelsbacher Gemeinschaft. Sein Vater war Pfarrer, sein Bruder ist auch Laienprediger. Er erzählt von seiner Firma, von Rückblicken, Ausblicken und Zielen. Seine Sprache ist modern wie seine Lebenswelt. „Wie kann Beziehung gelingen?“, fragt er. Während er spricht, haben manche Teilnehmer eine Bibel auf dem Schoß und lesen die interpretierten Textstellen nach. Maleachi 3,22 – 24. Das Ziel, sagt Romberg, ist die Gemeinschaft mit Jesus. „Die Liebe Gottes ist die große Überschrift.“ Dann ist Stille. Stilles Gebet.

Die Frau im roten Pullover kündigt das nächste Lied an, die Männer verlassen den Brüdertisch, zwischen den Stuhlreihen kreist das Opferkörbchen, das mit einem blauen Tuch bespannt ist. Der Abend ist professionell gestaltet. Die Technik funktioniert, die Redner haben eine deutliche Aussprache. Sie bewegen sich mit klaren Gesten und gehen auf das Publikum zu. Wo lernt man all dies?

„Es gibt natürliche Talente“, sagt Henning Romberg. Aber der Verband biete auf dem Schönblick auch Studientage an, bei denen inhaltlich informiert und geschult wird. In Unterweissach seien die Studientage stärker theologischer ausgerichtet. Früher hat man dazu Rüstkurs gesagt. Auch dieser Begriff ist dem moderneren Studientag gewichen. Das Faszinierende an den auf diese Weise ausgebildeten Laienpredigern ist ihre berufliche Vielfalt. Vom Weingärtner über den Sänger bis zum Firmenchef bildet sich die ganze Lebenswirklichkeit ab.

Der Abend ist zu Ende. Unter der Woche geht es weiter: Seniorenkreis, Jungschar, musikalische Früherziehung. Die Gemeinschaft bietet viel auf für ihre Mitglieder. Und sie geht auf ganz unterschiedliche Bedürfnisse ein. Zum einen ist die klassische Aufgabe der Apis, die Arbeit in der Kirchengemeinde zu ergänzen. „Davon können wir aber nicht mehr leben“, sagt Henning Romberg. Die Apis sprechen auch Menschen an, die nicht in der Kirche beheimatet sind. Auch Mitglieder von Freikirchen finden im Gemeinschaftsverband ihre Heimat.

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