Eugen Völlm (84): „Mir ist klar geworden, welche Verantwortung ich allein durch mein Dasein habe“
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Kurioses aus Kirche und Internet Frisch Fromm Frei präsentiert interessante, aber auch skurrile christliche Internetangebote und Nachrichten – wenn auch "anders verpackt". Die "frischen vier Minuten" sind eine Kooperation des Evangelischen Medienhaus und der Evangelische Gemeindepresse GmbH in Stuttgart.
Geranien am Fenster
Es liegt schon einige Jahre zurück, da lernten wir uns kennen. Georg zog mein Auto mit seinem Traktor aus dem Graben heraus. Heute noch sehe ich ihn vor mir, wie er den Kopf schüttelte, mich voller Mitleid ansah und nach meinen ersten Erklärungsversuchen, wieso und warum ich im Graben landete, eine derart deutliche Handbewegung machte, dass jedes Wort meinerseits umsonst war.
Durch diesen Vorfall wurden wir aufeinander aufmerksam. Er winkte schon von weitem, wenn er mich sah, mal vom Traktor, mal vom Fahrrad aus. Ich holte bei ihm die Kartoffeln für den Winter. Zwetschgen und frühe Äpfel durfte ich selbst bei ihm ernten. „Die Leiter hängt an der unteren Hütte“, sagte er dann, wenn es soweit war.
Ein herrliches Bild war es, wenn er auf seinem großen roten Traktor
saß und seine riesigen Felder umpflügte. „Du musst dich doch wie ein Gutsbesitzer fühlen“, empfing ich ihn manchmal, wenn ich am Straßenrand auf ihn
wartete, um mit ihm das Neueste zu bereden.
Einmal an einem Abend wartete ich ziemlich lange, bis er mich sah. Seine Arbeit nahm ihn so gefangen. Schließlich stellte ich mich mitten auf den Acker, so dass
er mich nicht mehr übersehen konnte. „Ja, die Städter, die haben die letzten Ideen“, kommentierte er meinen Versuch, auf mich aufmerksam zu machen.
„Übrigens, morgen Abend stelle ich dir ein Körbchen Kirschen hinter das Haus, sie sind schon recht süß“, bemerkte er zum Schluss unseres kurzen Gespräches.
Er hatte es eilig, vor Einbruch der Dunkelheit wollte er seinen Acker noch umpflügen.
Als ich am nächsten Abend kam, standen alle Türen offen. Eine blaue Küchenschürze lag auf der obersten Sandsteinstufe des Hauseingangs. Mein Hallo wurde nicht beantwortet. Ich ging die knarrende Treppe hoch. Im Wohnzimmer
lag der Telefonhörer im Telefonbuch, Seite 1: Erste Hilfe, Feuerwehr. „Es muss etwas passiert sein“, schoss es mir durch den Kopf. Vor dem Haus kam mir die Nachbarin entgegen. „Der Georg ist von der großen Leiter gefallen“, sagte sie mit stockendem Atem. „Vom Kirschbaum?“, ergänzte ich. Sie nickte.
Tags darauf erfuhr ich von Helga, Georgs Frau, die ganze Geschichte.
Georg wollte nur noch ein Körbchen, eben jenes, das er für mich bereitstellen wollte, pflücken. Ein Ast brach, die Leiter fiel in den Baum, Georg verlor den Halt.
Wir schwiegen beide. „Und was wird jetzt aus Georg, aus unserer Familie, unserem Hof?“ hörte ich Helga fragen.
Mein zaghaftes: „Es wird wieder werden – bestimmt…“, war so hilflos, so dünn
wie ein Wollfaden, der eine hohe Leiter halten soll, die bereits am Abkippen ist.
Bedrückt ging ich vom Hof, versprach wiederzukommen und Georg im Krankenhaus zu besuchen.
Als ich tags darauf ins Krankenhaus kam und meinen Besuchswunsch nannte, antwortete der Herr an der Pforte: „Intensivstation, sind Sie verwandt?“ Mein Nein hörte niemand mehr. Wie von einer fallenden Leiter bedroht, machte ich mich davon. Es waren bange drei Tage, bis ich von Helga die ersten Nachrichten hörte.
„Es braucht seine Zeit. Genaues wissen sie aber immer noch nicht.“
Bekannte, Nachbarn, Georgs Bruder alle wollten im landwirtschaftlichen Betrieb mithelfen. „Kann ich auch?“, fragte ich etwas hilflos. „Lass´ mal, wenn du ab und zu bei Georg vorbeikommen kannst, bin ich dir dankbar“. So verblieben wir.
Mein erster Besuch ist mir durch unser beiderseitiges Schweigen noch gut in
Erinnerung. Später gab es erste Sprechversuche, Erklärungen, Fragen kamen hinzu. Nach drei Wochen rief mich Helga an: „Kannst du mal bei uns vorbeikommen? Georg wir heute Mittag entlassen“.
Helga war bei den Hühnern. Beim ersten Knarren der Holztreppe kam sie um die Ecke. „Geh nur hinauf in die Stube, da sitzt er – aber erschrick nicht“.
Langsam ging ich Stufe um Stufe nach oben, das Knarren wollte nicht aufhören.
Als ich die Türe öffnete, sah ich ihn. Im Rollstuhl saß er vor dem Fenster.
Mein „Hallo, da bist du ja“, klang unbeholfen. Er hob die rechte Hand zum Gruß, ohne sich umzudrehen. Von hinten kam ich näher und legte meine Hand
auf seine Schulter. Er nickte. Das war seine Antwort.
„Nimm einen Stuhl…“. Beide saßen wir so. Gemeinsam sahen wir hinaus auf den großen Acker, die Wiesen und den angrenzenden Wald. Nur die eine Frage
stand im Raum, unausgesprochen, aber drängend: „Was wird nun…?“
Als von der Küche Eimergeräusche heraufdrangen, meinte Georg: „Du musst nach Hause, sie warten auf dich“.
„Ich komme wieder. Bis bald“.
So kam ich in regelmäßigen Abständen zu Georg. An den diversen Weinflaschen, die aufgereiht auf dem Wohnzimmerbuffet standen, konnte ich abzählen, wie viele Besucher inzwischen da gewesen waren. Unsere Gespräche wurden ergiebiger. Anfangs waren es Selbstgespräche. Mit der Zeit
gab es ein Hinüber und Herüber, ein Fragen und Antworten.
Eines Abends stand neben den vielen Weinflaschen
ein Geranienstöckchen. Ein Eigengewächs. Kalkspuren
am Tontopf waren für Georg das Zeichen, dass der
Blumentopf schon mehrmals gebraucht war. „Stell´
das Pflänzchen ans Fenster“, bat er mich. „Meine
Enkeltochter hat es mir gebracht“. Ein erstes Lächeln
lag auf Georgs Gesicht.
Mit dem Geranienstöckchen ist etwas Neues in die
Krankenstube gekommen. Oft kamen wir über das
Pflänzchen auf Meike, die Enkeltochter, zu sprechen.
Manchmal kam Georg richtig in Fahrt, wenn er in
aller Ausführlichkeit von ihr erzählen konnte.
Nur Georg durfte das Geranienstöckchen gießen und pflegen. Jedes neue Blatt, jeder Blütenansatz wurde genau beobachtet.
Erst nach sechs Wochen, solange war er in der REHA Klinik, sahen wir uns wieder. Georg ging mit zwei Krücken durch das Zimmer. „Den Rollstuhl konnten wir abgeben“, sagte Georg erleichtert.
Und dann hatten wir uns viel zu erzählen.
Zum Schluss begleitete er mich mit seinen Krücken bis zur Türe. Als ich ihm die Hand zum Abschied gab, hielt er mich ganz fest und zeigte mit der anderen Hand und der Krücke zum Fenster und seiner Geranienpflanze. „Ich muss noch auf meinen Acker und mein Geraniengemüse gießen!“ Wir lachten beide.
Erst vom Hof aus sah ich, wie groß das einstige Pflänzchen geworden ist, ein Viertel des Fensters begrünte es schon.
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