Christliche Themen für jede Altersgruppe

Angst vor Armut im Alter

Immer mehr ältere Menschen müssen arbeiten, um über die Runden zu kommen. Doch auch in der jüngeren Generation wächst die Angst vor Altersarmut. Betroffen sind nicht nur Menschen, die unterdurchschnittlich verdienen. Auch Durchschnittsverdiener befürchten, dass ihre Rente einmal nicht reichen wird. Wie kann es gelingen, die Entwicklung zu stoppen? 

Wenn die Rente nicht zum Leben reicht: In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl von Menschen, die von Altersarmut betroffen sind , um knapp 25 Prozent. (Foto: epd-bild)


Für die Stadt Brackenheim erhielt er als Ingenieur noch zwei Aufträge. Doch dann folgte der berufliche Absturz. Trotz rund 200 Bewerbungen gelang es Alexandru Balan nicht mehr, eine dauerhafte Anstellung zu bekommen. „Beim Bewerbungsgespräch wurde mir ständig gesagt, dass ich für den Job zu überqualifiziert sei“, sagt er. Eine selbstständige Tätigkeit scheiterte; bis heute muss er dafür Rückzahlungen tätigen, die die Hälfte seiner Rente beanspruchen. „Man hat mich damals nicht richtig beraten“, sagt er. Auch privat lief es nicht gut, es folgte die Trennung von seiner Frau.

Nach jahrelangen verschiedenen Maßnahmen von Arbeitsamt und Jobcenter und Ein-Euro-Jobs ist Alexandru Balan heute Rentner – und hält sich mit einem Teilzeitjob als Hausmeister bei der Aufbaugilde Heilbronn über Wasser. Dort gilt er als sehr zuverlässig und pünktlich, auch deshalb bekam er die Stelle. Abzüglich der Miete bleiben ihm noch 200 Euro monatlich zum Leben. Der Heilbronner hat sich mit der Situation arrangiert, zumal er sich ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen kann. „Da fällt mir die Decke auf den Kopf.“

Immer mehr Menschen sind, so wie Alexandru Balan, von Altersarmut betroffen. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl um knapp 25 Prozent. Knapp zwei Drittel der Deutschen fürchten, dass ihre gesetzliche Rente später nicht ausreichen wird. Vor allem Frauen leiden im Ruhestand unter ihrer finanziellen Situation. So arbeiten heute elf Prozent der 65- bis 85-Jährigen regelmäßig. Viele von ihnen haben zwar zu Beginn ihres Berufslebens in die Rentenkasse eingezahlt, wenn sie jedoch Kinder bekommen, legen sie eine Pause ein – und bezahlen dadurch weniger ein. „Die Geringverdiener von heute sind die Altersarmen von morgen“, sagt Eckart Hammer. Der Diplom-Sozialpädagoge und Sozialwissenschaftler weist darauf hin, dass auch im Alter die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. „Und im Alter ist Armut quasi irreversibel, deshalb wird sie so gefürchtet.“

Und nicht nur das: Laut einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und anderer Sozialverbände leben reiche Menschen rund zehn Jahre länger als arme. Auch haben weniger Wohlhabende öfter chronische Krankheiten. „Die finanzielle Situation hängt aber auch von den Enkeln und Kindern ab, sie sind ein entscheidendes Stützwerk“, sagt Hammer. Wer im Alter alleine lebt, hat ein größeres Risiko, arm zu werden.

Doch ab wann spricht man überhaupt von Altersarmut? In Baden-Württemberg dann, wenn jemand weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Monats-Einkommens bekommt. Das ist der Fall, wenn ein Alleinstehender 1000 Euro oder weniger erhält. Sozialhilfebedürftig ist, wer höchstens 790 Euro als Monatseinkommen hat; ihm steht die Grundsicherung im Alter zu.

Von Altersarmut bedroht sind vor allem Menschen, die arbeitslos sind oder zu den Geringverdienern zählen. Aber auch solche, die in ihrem Job körperlich hoch belastet sind und dadurch ihren Beruf nicht lebenslang ausüben können – oder aufgrund der Folgeschäden Erwerbsminderungs- oder Unfähigkeitsrente beziehen müssen. Auch Alleinerziehende, Teilzeitbeschäftigte, Familien mit drei und mehr Kindern und Menschen mit Migrationshintergrund zählen zu den Risikogruppen.

Dass Altersarmut heute überhaupt ein so großes Thema ist, daran sei vor allem die Agenda 2010 schuld, sagt Roland Sing. Der Vorsitzende des Landesseniorenrats Baden-Württemberg beklagt, die Reform des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes habe die Entwicklung zu verantworten. „Zu dieser Zeit dominierte noch der Glaube an Privatisierungen. Doch damit wurde die gesetzliche Rente entscheidend geschwächt.“ Es sei höchste Zeit, dass die Politik die Maßnahmen korrigiere und die Renten den Löhnen und Gehältern anpasse.

Für diejenigen, die aktuell unter ihrer Lage leiden würden, kämen solche Schritte jedoch zu spät. „Fest steht: Von einem neuen Rentenpaket profitiert erst die nächste Generation.“ Was auf jeden Fall nicht passieren dürfe, sei, „dass Jung und Alt gegeneinander ausgespielt werden“.

Auch Klaus Kittler, Referent für Armut beim Diakonischen Werk Württemberg, nennt die umstrittenen Arbeitsmarktreformen und die Einführung der Riesterrente als Hauptgründe dafür, weshalb heute so viele Menschen von Altersarmut bedroht sind. So würden 20 Prozent der Riester-Verträge, die damals abgeschlossen wurden, heute gar nicht mehr bedient. „Die Betroffenen können es sich heute nicht mehr leisten, dafür Geld beiseite zu legen. Das war zu dem Zeitpunkt, als sie die Verträge abgeschlossen hatten, noch anders.“ Auch könnten die Rendite, die damals versprochen wurden, nicht gehalten werden. „Eine Entwicklung, vor der schon damals die Verbraucherzentralen gewarnt haben.“

Den Prozess ins Rollen gebracht hat seiner Meinung nach jedoch schon der Beginn der Massenarbeitslosigkeit Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre, als bei der Zahl der Arbeitslosen „erstmals die Millionengrenze überschritten wurde“. Seitdem gibt es viele Menschen, die in ihrem Berufsleben eine große Lücke haben und jetzt in das Rentenalter eintreten. „Und die Ausfallzeiten schlagen natürlich voll ins Rentenkonto ein.“

Doch wie lässt sich gegen die Entwicklung ansteuern? Klaus Kittler fordert von den Politikern, die gesetzliche Rente wieder zu stärken, „diese hatte immer ein Stück weit Solidarcharakter“. Doch Kittler ist sich auch sicher: „So lange sich politisch nichts bewegt, kann nur jeder Einzelne versuchen, für sich selbst möglichst viel zur Seite zu legen.“ Der 63-Jährige empfiehlt, sich bei der Rentenversicherung von der Verbraucherzentrale beraten zu lassen. „Die Zusammenhänge sind hochkomplex und jeder Fall gestaltet sich anders. Zumal viele Menschen schwankende Einkommen haben.“

Die Folgen eines unterbrochenen und unregelmäßigen beruflichen Lebenslaufs hat auch Alexandru Balan zu spüren bekommen. Heute vermisst er die vielen, scheinbar so selbstverständigen Annehmlichkeiten, die den Alltag versüßen. Seine Enkelkinder beschenken, zwischendurch eine Ausstellung, ein Konzert oder eine Oper besuchen zu können. „Mit der Eintrittskarte alleine ist es ja nicht getan, man braucht ja auch angemessene Kleidung“, sagt er. Der letzte Urlaub liegt inzwischen über 15 Jahre zurück.

Doch Alexandru Balan ist froh, dass es ihm bislang gesundheitlich gut geht. „Abgesehen von einer größeren Zahnbehandlung und einer Depression“, sagt er. Was einmal ist, wenn er altersbedingt an seine körperlichen Grenzen stößt und seiner Hausmeistertätigkeit nicht mehr nachgehen kann, daran will er jetzt noch nicht denken. „Bislang hatte ich Glück – und das muss einfach so bleiben.“

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