Christliche Themen für jede Altersgruppe

Auf dem Weg der Waldenser

ÖTISHEIM (Dekanat Mühlacker) – Anfang des 18. Jahrhunderts kam eine große Zahl von französisch­sprachigen Glaubensflüchtlingen nach Württemberg: die Waldenser. Der 1500 Kilometer lange Hugenotten- und Waldenserpfad führt auf die Spuren der vertriebenen Protestanten. 

Wegetafel auf dem Waldenserpfad in Neuhengstett: Früher hieß die Gemeinde Bourcet (Foto: Gemeindeblatt)


Auf halbem Wege zwischen Calw im Nordschwarzwald und Neuhengstett im Gäu steht das „Welsche Häusle“. Ein kleines unscheinbares Buntsandsteingebäude, malerisch gelegen unter alten Lindenbäumen. Die allerwenigsten wussten bisher, was es  damit auf sich hat und woher sein ungewöhnlicher Name kommt.

Seit der Eröffnung des Hugenotten- und Waldenserpfads  ist dies ganz anders. Eine Informationstafel an der Kreuzung vor der Hütte erklärt, dass hier einst die Waldenser aus Neuhengstett auf dem langen Weg zur Arbeit oder zum Markt in Calw rasteten. Die Einheimischen verstanden sie nicht, weil sie Französisch sprachen, Welsche wurden sie deshalb von ihnen auch genannt. In dem Begriff Kauderwelsch hat sich das Wort bis heute erhalten.

Das „Welsche Häusle“ im Nordschwarzwald ist Teil des 1500 Kilometer langen europäischen Kulturfernwanderwegs „Hugenotten- und Waldenserpfad“. Er zeichnet die Fluchtrouten der evangelischen Christen aus dem Piemont und Südfrankreich nach. Um das Jahr 1700 mussten sie ihre Heimat verlassen und fanden zu einem großen Teil Aufnahme in deutschen Landen: Die Hugenotten vornehmlich in Brandenburg-Preußen und Hessen, die Waldenser hingegen im Herzogtum Württemberg.  

Die Gemeinde Neuhengstett ist der südlichste Siedlungsort der Waldenser in Württemberg, 28 Familien aus den Savoyer Alpen ließen sich hier nieder. Noch heute deuten Namen wie Jourdan, Talmon-Gros, Ayasse oder Perrot auf ihre besondere Herkunft hin. 

Es ist ganz erstaunlich, was man in scheinbar vertrauter Umgebung entdeckt, wenn man den Blickwinkel wechselt. Vom „Welschen Häusle“ geht der Weg durch den Wald nach Neuhengstett. Man muss nur dem Symbol mit dem blauen Kreis und der grünen Welle folgen: Es steht für die Abendmahlshostie der Hugenotten und für das Wegeband, das sich durch die Landschaft schlängelt.
Neuhengstett sieht aus wie ein großes  Neubaugebiet aus der Zeit des frühen und späten 20. Jahrhunderts. Ein Dorf ohne alten Ortskern,  sehr gleichmäßig entlang  einer langen Hauptstraße errichtet. Doch der Grund für seine besondere Siedlungsstruktur ist ein ganz anderer, als man vordergründig annehmen könnte: Tatsächlich ist die Gemeinde eine Reißbrett-Kolonie, die die Waldenser Anfang des 18. Jahrhunderts auf bisher unbebautem Gelände gründeten und die am Anfang  Bourcet hieß.

All das erfährt man auf einer großen Informationstafel am Wegesrand. Manchmal gehen sogar waldensische Familien selbst den neuen Wanderweg. Die Bellons aus Renningen zum Beispiel, die seit mehreren Jahren auf eigenen Spuren unterwegs sind.

Über 300 Kilometer ist der baden-württembergische Abschnitt des Hugenotten- und Waldenserpfades lang. Er beginnt in Neckargemünd und geht bis an die Schweizer Grenze. In seinem Mittelteil reiht sich ein Waldenserort an den anderen:  Perouse, Serres, Pinache, Klein- und Großvillars folgen auf Neuhengstett in Richtung Norden. Hier hat sich der französische Name bis heute erhalten. Einmal im Jahr halten sie in Pinache auch noch einen  Gottesdienst nach waldensischer Liturgie. Ein ganz besonderes Erlebnis mit einer Schriftlesung auf Französisch.

Ganz allmählich weichen die Wälder des Nordschwarzwalds den offenen Flächen des Gäus. Im Kraichgau wächst Wein an den Hügeln, auf dem Sauberg bei Ötisheim sind die Waldenser sogar selbst  unter die Wengerter gegangen. Ötisheim-Schönenberg ist wieder so ein Ortsname, der kein bisschen waldensisch klingt. Und doch steht dort heute das bedeutendste aller Waldensermuseen in Württemberg: In Schönenberg, das ursprünglich Mûriers hieß, ließ sich der Waldenserpfarrer Henri Arnaud (1648–1722) nieder.

Arnaud war der Anführer der Waldenser, die Leitfigur, die sie über die Alpen in die neue Heimat brachte. Im Arnaud-Haus sind heute die bedeutendste Waldenser-Ausstellung und die Geschäftsstelle der Deutschen Waldenservereinigung zu finden. Ein großes altes Bauernhaus, das die Vaterfigur der Waldenser einst selbst erbauen ließ. Gleich gegenüber, vor der Arnaud-Kirche, steht sein Denkmal, das ihn mit langem lockigem Haar und einer Bibel in der Hand zeigt. An der Mauer prangt das Waldenser-Wappen mit dem lateinischen Bibelvers: Lux lucet in tenebris – das Licht leuchtet in der Finsternis.
Es waren viele dunkle Täler, die die Waldenser zu durchschreiten hatten. Im Arnaud-Haus beginnt man allmählich ihre Geschichte zu verstehen, ihre vorreformatorische Herkunft aus dem Mittelalter, die sie von den Hugenotten unterscheidet: Beide waren sie calvinistisch-reformiert, doch während die Hugenotten erst aus der Reformation hervorgingen, waren die Waldenser schon seit dem 12. Jahrhundert da.

Petrus Waldes war ihr Gründer und Namensgeber. Der Kaufmann aus Lyon hatte Texte aus der Bibel – unter anderem aus dem Matthäusevangelium – in die okzitanische Volkssprache übersetzen lassen. Schon bald wurden er und seine Gefolgsleute als Ketzer verfolgt, ganz ähnlich den böhmischen Hussiten, deren geistiger Vater Jan Hus ebenso im 15. Jahrhundert verbrannt werden sollte wie der Waldenserbischof Friedrich Reiser.

Zwischen Duldung und Verfolgung heißt eines der spannendsten Kapitel im Arnaud-Haus: Es beschreibt den Kampf der Waldenser in den piemontesischen Alpen mit dem Herzog von Savoyen. Mehrmals gewährte er ihnen Religionsfreiheit und mehrmals entzog er sie ihnen wieder. Nach einer letzten „glorreichen Rückkehr“ 1690 mussten sie 1698  endgültig fliehen.

Die meisten der rund 3000 Waldenser fanden in Württemberg Zuflucht, wo ihnen der Herzog sehr zum Missfallen mancher Einheimischer zahlreiche Privilegien gewährte. Dazu gehörten die Befreiung von Steuern und  Frondiensten und das Recht auf Selbstverwaltung. Es endete 1823, als sämtliche Waldensergemeinden in die württembergische Landeskirche integriert wurden und Französisch als Unterrichtssprache verboten war.

Danach ging ihre ursprüngliche Identität peu à peu verloren. Erst im 20. Jahrhundert wurde sie wieder entdeckt, eines der  jüngsten Projekte dieser Wiederentdeckung ist der Hugenotten- und Waldenserpfad auf den alten Fluchtrouten, die für beide Gruppen in etwa gleich waren.¦


Information
Einen Überblick  über den Gesamtverlauf des Weges gibt die Internetseite des Vereins Hugenotten- und Waldenserpfad: www.hugenotten-waldenserpfad.eu. Das Kartenset gibt es bei fast allen Touristinformationen, wie Stadtinformation Calw, Telefon 07051-167399, www.calw.de oder Kraichgau-Stromberg-Tourismus, Telefon 07252-96330, www.kraichgau-stromberg.com.

Das wichtigste Museum ist das Waldenser-Museum im Arnaud-Haus in Ötisheim-Schönenberg (Dienstag und Sonntag 14–17 Uhr): Telefon 07041-7436, www.waldenser.de. Kleine Waldenser-Museen gibt es in Neuhengstett,  Großvillars und Pinache. In Pinache gibt es  eine Ausstellung über Pfarrer Adolf Märkt, der im 19. Jahrhundert Verbindung zu den  Walden­sergemeinden aufnahm (Telefon 07041-6522, www.wiernsheim.de)

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