Christliche Themen für jede Altersgruppe

Bibel ist die einzige Richtschnur

Martin Luther und Erasmus von Rotterdam (um 1467–1536) war die gute Übersetzung der Bibel wichtig. Erasmus hat den möglichst originalgetreuen Bibeltext in griechischer und lateinischer Sprache bereitgestellt. Damit war die Grundlage der Übersetzung in die Landessprachen gelegt. Doch in der theologischen Frage, ob der Mensch einen freien Willen habe, kam es zum Zerwürfnis der beiden.

Erasmus und sein Sekretär Gilbertus Cognatus. Holzschnitt um 1533.  (Foto:epd-Bild)


Erasmus bekommt Ende Februar 1517 in Basel Post aus Leipzig. Hieronymus Emser (1478–1527), ein schwäbischer Humanist, nun Hofkaplan in Sachsen, lobt überschwänglich dessen hohe Bildung. Als Erneuerer christlicher Frömmigkeit habe er den Geist der frühen, der antiken Christenheit zum Leben erweckt. Das Lob mündet in einem Angebot mit einem großzügig besoldeten Lehrauftrag an der Universität Leipzig.

Auch Georg von Sachsen (1471–1539) interessiert sich für den Humanistenfürsten. Im eigenhändig entworfenen lateinischen Brief spricht der gebildete Herzog sogar davon, Erasmus in Basel  besuchen zu wollen. Man stelle sich vor: Ein Landesfürst – heute würden wir sagen ein Ministerpräsident – will einen klugen Autor besuchen.

Erasmus ist im ausgehenden 15. bis ins 16. Jahrhundert hinein Europas intellektuell führender Kopf. Manchmal verfasst er an einem Tag mehr als ein halbes Dutzend Briefe in hoher Qualität. 150 Bücher schreibt er, über 2000 seiner Briefe sind erhalten.

Er spricht und schreibt lateinisch, damals die internationale Wissenschaftssprache; er beherrscht Altgriechisch. Mit seiner Herausgabe eines Neuen Testaments, 1516 nach über zehn Jahren Arbeit, wo er den Text zweispaltig in einem verbesserten Latein und Griechisch abdrucken lässt, begründet Erasmus die neuzeitliche Philologie, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit der antiken Überlieferung des Neuen Testamentes. Allein das Vorwort hat über 100 Seiten und zählt seine Entdeckungen minutiös auf, wo es Hör- und Abschreibfehler in den alten Handschriften mit ihren Varianten gibt. Er empfiehlt seine Ausgabe als Grundlage für Übersetzungen in die Landessprachen.
Nach damaliger zynischer Vorstellung hätte Erasmus von Rotterdam dem Makel, sich die falschen Familienverhältnisse ausgesucht zu haben, dadurch entgehen können, dass er ins Kloster geht. Erasmus ist unehelicher Sohn eines Priesters Roger Gerrit, seine Vorfahren haben Wurzeln in Gouda. Benannt wurde er nach dem Märtyrer Erasmus, einem der 14 Nothelfer.

Vom 9. bis zum 16. Lebensjahr besuchte er in Deventer die Lateinschule der Brüder vom gemeinsamen Leben. Die schufen das wohl wichtigste Fundament für eine Reform der entleerten Kirchlichkeit im 15. Jahrhundert: Glaube erschöpft sich nicht in Äußerlichkeiten und Formalitäten, er will an der Bibel orientiert gelebt werden.

Mit 18 Jahren tritt Erasmus ins Kloster der Augustinerchorherren bei Gouda ein, mit 23 wird er Priester. Der Bischof von Cambrai holt Erasmus aus dem Kloster, genießt seine Mitarbeit. Später studiert Erasmus an der Pariser Sorbonne. „Desiderius“ hat er sich als weiteren Vornamen selber zugelegt: der „Erwünschte“; sein Herkunftstrauma ist für ihn 1496 abgeschlossen. Desiderius Erasmus unterrichtet in Lübeck, reist von dort nach England, lernt den jungen Tudorprinzen Heinrich kennen. Aus dem einstigen Mönch ist ein weltgewandter Gelehrter geworden. In Turin wird er zum Doktor der Theologie promoviert, in Venedig lernt er den Verlegerstar Aldus Manutius kennen und lässt einige Werke drucken. Niederlande, Paris, Cambridge und Basel, Erasmus pendelt.

Der burgundische Hof in Löwen holt ihn als Erzieher von Prinz Karl, dem späteren Kaiser Karl V. Die meiste Zeit seit 1514 lebt Erasmus – mit Unterbrechung in Freiburg – in Basel. 1536 wird er dort im Münster begraben.

Über die Beobachtungen der Menschen schrieb er das „Lob der Torheit“, mancher Einsatz und Eifer, gerade in der Kirche, sei doch nur lächerliches Gebaren. Oder die Satire über den verstorbenen Soldaten-Papst „Julius vor der verschlossenen Himmelstür“ (1513). Und er schrieb natürlich ernste Schriften, wie die Klage des Friedens (1517). Frieden ist ihm bei den zerstrittenen Glaubensparteien ganz wichtig. In den grundlegenden Glaubensfragen ist man sich doch einig. Was trennt, sei doch weniger wichtig.

Anfangs hatte man gehofft, Luther und Erasmus könnten sich zusammentun gegen die Irrtümer der römischen Kirche. Erasmus rief zur Reform der Kirche auf, weil er aufgebracht war, wie manche Kleriker die Kirche beleidigen. Seine Wut hat er als Satire „Lob der Torheit“ verpackt.

Doch diese Hoffnung verpufft, als Luther 1525 mit seiner Schrift „Vom unfreien Willen“ Erasmus angreift. Die entscheidende Streitfrage lautete, ob Menschen sich für Gott entscheiden können, oder ob Gott seine Getreuen auswählt. Luther argumentiert, nach dem Sündenfall könne der Mensch sich gar nicht fürs Gute entscheiden. Es gibt für Sünder nur die Gnade Gottes.

Erasmus hat ein helleres, optimistischeres Menschenbild und setzt auf Lernen, Einsehen, Denken in einem komplexen Gottesbezug. Der Mensch kann zwischen Gut und Böse unterscheiden und sich mit Hilfe der göttlichen Gnade für das Gute entscheiden, vorausgesetzt, er ist gläubig und zeigt Reue. Die Bibel ist die einzige Richtschnur für den Glauben.

Toleranz ist das höchste ethische Gut, weil sie den Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen nicht nur als Phrase wiederholt, sondern zum Maßstab des Zusammenlebens macht. Logisch, dass er eine undogmatische, liberale und in Freiheit und Toleranz verwurzelte Glaubenslehre weitergibt: So wird Gott geehrt, und so dient man ihm.

Erasmus sagt, wenn man alles von Gott vorherbestimmt denkt, dann verschwindet wie mit einer frommen Ausrede die menschliche Verantwortung. Doch wenn der Mensch keinen freien Willen mehr hätte, wozu noch Katechismus und Bergpredigt, wozu die Parabel vom Weltgericht und die Zehn Gebote? Über die Verantwortung des Menschen steht im Buch Jesus Sirach 15,14–17: „Er hat im Anfang den Menschen geschaffen und ihm die Entscheidung überlassen. Wenn du willst, so kannst du die Gebote halten und in rechter Treue tun, was ihm gefällt. Er hat dich vor Feuer und Wasser gestellt; ergreife das, was du willst!“ Was bliebe ohne einen freien Willen vom fröhlich motivierenden Bekenntnis des Paulus „Wir sind Gottes Mitarbeiter“ (1. Korinther 3,9) letztlich noch übrig?

Wieso musste Luther Erasmus den christlichen Glauben absprechen? Er nennt ihn einen „gottlosen Schriftsteller“ und „lächerlichen Redner“. Der Reformator greift den Humanisten scharf an: „In deinem Herzen nährst du eine Gesinnung, die selbst durchaus nicht glaubt, dass ein Gott sei.“ Und er droht Erasmus unverhohlen: „Ich will als Schleifstein dienen, und ich werde dir so zusetzen, wenn Christus mir gnädig ist, dass ich hoffe, dich dahin zu bringen, die Herausgabe deiner Schrift zu bereuen.“ Was soll diese Polemik, was soll diese Heftigkeit, wo Erasmus vorher die Gemeinsamkeiten festgestellt hatte, dass er wie Luther schrieb, nur zehn, zwanzig Jahre vor ihm? In der Sache liegen die beiden doch gar nicht wirklich auseinander, eher in der Terminologie. Sie drücken sich wegen unterschiedlicher Akzentuierungen (Gnade – Verantwortung) verschieden aus.

Der intellektuell führende Kopf des Humanismus wendet sich von der Reformation ab, ein Desaster. Erasmus gibt auf. Hat er geahnt, der 1517 die „Klage des Friedens“ schrieb, wohin das führen wird, wenn ein Reformator so entwürdigend und beleidigend seine Polemik vorträgt? Was wird, wenn ein religiöser Bürgerkrieg den Kontinent heimsucht? Und wenn eine Kirche vergisst, was sie dem Humanismus alles verdankt? Mit der Achtung vor dem Humanismus wird es Starrheit, Dogmatismus und Fundamentalismus in ihr nicht geben können: In dem Wissen, dass alle Menschen in erster Hinsicht Fragende und Suchende sind, gerät Gott niemals in die Verfügung der Menschen, auch nicht der Herren der Kirche.

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