Blumhardt als Comic-Figur

MÖTTLINGEN (Dekanat Calw) – Johann Christoph Blumhardt war einer der bedeutendsten Erweckungs­prediger des 19. Jahrhunderts. Zu Tausenden strömten die Menschen zu seinen Gottesdiensten nach Möttlingen. Damit sich heutige Jugendliche  vorstellen können, wie das war, hat  der Pfarrer der Gemeinde zusammen mit einer Kunstlehrerin ein Blumhardt-Comic verfasst.  Von Andreas Steidel


Spannend erzählt, aber nicht erfunden: Der Comic soll das wahre Leben Blumhardts in einfachen Worten und Bildern wiedergeben. (Zeichnungen: Juidth Müller)


Überfall! Ein Mann geht durch den Wald und hört den Abzug einer Pistole. Couragiert fordert er die vermummten Gestalten heraus: „Schießt doch! Die Kugeln gehen sowieso nicht los.“ Der Wanderer hat Glück, die Ganoven nehmen reißaus und zu Hause sagt er erleichtert: „Das war knapp! Jesus, du bist der Siegesheld!

Die nächtliche Räubergeschichte ist eine der Episoden aus dem bewegten Leben Johann Christoph Blumhardts, das in 36 Comic-Bildern erzählt wird. Pfarrer Lennart Meißner hat die Texte geschrieben, die Kunstlehrerin Judith Müller die Zeichnungen geliefert. Eine kleine Geschichte für zwischendurch und für die, die keine seitenlangen Abhandlungen über den Wunderheiler und Erweckungspfarrer aus Württemberg lesen wollen.

In Möttlingen, wo Blumhardt von 1838 bis 1852 gewirkt hat und berühmt wurde, gibt es eine Blumhardt-Gesellschaft, eine Blumhardt-Straße, eine Blumhardt-Kirche und ein Blumhardt-Museum. Allein, die Zahl der Menschen, die mit ihm etwas anfangen kann, nimmt auch dort stetig ab. Das gilt ganz besonders für Jugendliche und Kirchenferne.

Als Möttlingens neuer Pfarrer Lennart Meißner (35), der mit einer halben Stelle auch Jugendpfarrer ist, bei einer Sitzung der Blumhardt-Gesellschaft nach Materialien für Kinder und Konfirmanden fragte, da gab es nichts. Er schlug daraufhin einen Comic vor und stieß auf offene Ohren. Spontan erklärte sich die Blumhardt-Gesellschaft bereit, die Druckkosten zu übernehmen.

Das war vor knapp einem Jahr. Seither ist viel passiert: Meißner vertiefte sich in Blumhardts Lebensgeschichte, nahm Kontakt mit dem bekannten Blumhardt-Biographen Dieter Ising auf. Eine Geschichte sollte entstehen, die sowohl unterhaltsam ist als auch historisch korrekt: So ist auch der nächtliche Überfall nicht der Fantasie des Autors entsprungen, sondern gehört zu den tatsächlichen Überlieferungen aus Blumhardts Leben.

In 36 Einzelbildern wird es erzählt, schwarzweiße Bleistift- und Aquarellzeichnungen aus der Feder der Kunsterzieherin Judith Müller. Lennart Meißner hatte Judith Müller einst getraut, jetzt war ihm die Esslingerin wieder eingefallen. Auch in ihrem Unterricht arbeitet sie mit Comics und weiß, wie man schrittweise erzählt, damit ein Ganzes entsteht.

Bei Johann Christoph Blumhardt ging es darum, vor allem den Menschen darzustellen, wie er mit seiner Familie 14 Jahre lang in Möttlingen bei Bad Liebenzell im Nordschwarzwald gelebt hat: Der Wohltäter, der viele Kranke bei sich zu Hause aufnimmt, und dessen Kinder sich bald darüber beschweren, dass sie kein eigenes Zimmer mehr haben. Der Prediger, zu dem manchmal über 1000 Menschen in den Gottesdienst kommen.

Natürlich darf auch jene Geschichte nicht fehlen, die Blumhardts Ruf erst begründet hat: Die wundersame Heilung eines Mädchens mit dem altertümlichen Namen Gottliebin Dittus. Ihre Genesung von bösen Geistern und schlimmen Krämpfen spricht sich herum und bringt Blumhardt jenen legendären Ruf ein, der ihn zu einer Figur der Zeit- und Kirchengeschichte macht.

Das ruft auch viele Neider auf den Plan: Im Comic geben drei Pfarrerskollegen ihre skeptischen Kommentare ab. „Wir wollten ihn nicht glorifizieren“, sagt Lennart Meißner. Dazu gehört auch die Erwähnung der Tatsache, dass zwei seiner Kinder in Möttlingen gestorben sind: Blumhardt konnte vielen, aber nicht allen helfen. Er war ein Mensch, der viel gebetet hat, aber kein Exorzist und Wunderdoktor, das ist die Botschaft.

Auch der Kirchengemeinderat in Möttlingen hat den Comic über Johann Christoph Blumhardt begrüßt. Zumal die acht Druckseiten umfassende DINA-4-Broschüre die Gemeinde selbst mit vorstellt. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen: Die 1500 Exemplare gehen in alle Haushalte, an Schulen, liegen im Museum und der ganztägig geöffneten Kirche aus, die seit 1955 den Namen Blumhardts trägt.

„Es ist ein anderer Zugang selbst für Kenner“, sagt Beate Wollmeister, zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats in Möttlingen. Und so ist es wie in vielen Fällen: Was gut bei Kindern ankommt, davon profitieren  auch die Erwachsenen. Ob Hofacker, Hahn oder Oettinger: Pfarrer Lennart Meißner jedenfalls könnte sich auch für andere Personen der württembergischen Kirchengeschichte ähnliche Projekte vorstellen: „Wir müssen etwas tun, wenn wir die jüngeren Menschen erreichen wollen.“



Information
Der Comic liegt kostenlos in der evangelischen Kirche in Möttlingen aus. Sie hat täglich geöffnet. Auch eine Bestellung über das Pfarramt ist möglich: Telefon 07052-920913.

Das Blumhardt-Museum in Möttlingen hat jeden Sonntag von 14.30 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.


Johann Christoph Blumhardt -
Krankheit und Heilung an Leib und Seele

Dieter Ising (Hr.)
Ev. Verlagsanstalt
14,80 €

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