Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Theater als Netz

HEILBRONN – In einem leerstehenden Geschäftsgebäude probt alle zwei Wochen eine besondere Theater­gruppe: Fast alle Mitglieder sind ehemalige Obdachlose. Hervorgegangen ist das Ensemble aus der ­Wohnungslosenhilfe bei der Aufbaugilde. Derzeit arbeiten die Frauen und Männer an einer Theater-Stadtführung aus Sicht eines Obdachlosen, die im Juli Premiere hat. 


Frank Hübenbecker (links) und Wolfgang Bauer studieren dei Parkszene ein. (Foto: Frank Lutz)


„Wir sitzen alle im gleichen Zug und reisen quer durch die Zeit“, ruft einer der Männer. „Wir sehen hinaus. Wir sahen genug“, antwortet ein anderer. Vielleicht ist das Leben ja wirklich wie eine Zugfahrt, auf der man eine Station nach der anderen passiert und sich später nur an die Wenigsten erinnert. Doch die Mitglieder der Theatergruppe, die an diesem Abend Erich Kästners „Eisenbahngleichnis“ rezitieren, werden sicher einen Abschnitt ihrer Fahrt niemals vergessen: die schwierigen Jahre, die sie einsam an einer Station verbracht haben. Die Zeit, in der kein Zug anhielt, um sie abzuholen.

Denn es ist eine besondere Theatergruppe, die alle zwei Wochen in einem leerstehenden Geschäftsgebäude in der Heilbronner Innenstadt zusammenkommt: Fast alle Mitglieder waren einmal obdachlos. Hervorgegangen ist das Ensemble vor fünf Jahren aus den Deutsch- und Computerkursen der Wohnungslosenhilfe bei der Aufbaugilde Heilbronn. „Wir haben gemerkt, dass Potenzial da ist und dass es schön wäre, die Gruppe professionell zu fördern“, sagt Heiko Grimmeis, Sozialpädagoge und Leiter des betreuten Wohnens bei der Aufbaugilde. Als Coaches unterstützen die Schauspielerin und Regisseurin Cosima Greeven sowie der Regisseur und Dramaturg Christian Marten Molnár vom Heilbronner Theater das Ensemble.

Die Mitglieder haben ihre Rolle in der Gruppe gefunden: Frank Hübenbecker, der große und kräftige Pförtner der Wohnungshilfe, versucht, „den Laden zusammenzuhalten“. Er pflegt die Internetseite und ist Ansprechpartner nach außen. Seine rechte Hand ist Raymund Schmid, ein offen und freundlich wirkender 51-Jähriger. Irina Kirschbauer ist mit 34 Jahren eines der jüngsten Mitglieder. „Ich bin durch das Schauspielern Menschen gegenüber offener geworden“, sagt sie.

Und dann ist da noch Wolfgang Bauer. Der schmächtige Mann mit der brüchigen Stimme gibt sich zunächst wortkarg. Doch man spürt, dass weit mehr in dem 48-Jährigen steckt, als er gleich zeigen will. „Ich bin 2008 zur Aufbaugilde gekommen und wurde zum Autor gemacht“, sagt er schließlich. „Deutsch war schon in der Schule mein Lieblingsfach. Die Schreiberei liegt mir einfach.“ 

 „Jetzt versuchen wir’s nochmal schneller, wie wenn wir uns einen Ball zuspielen oder wie in einem Gespräch“, fordert Marten Molnár die Laienschauspieler auf. Im Kreis stehend, tragen die Anwesenden das Erich-Kästner-Gedicht noch einmal im Wechselspiel vor.

Eines wird sofort klar: Die Ensemblemitglieder stellen hohe Ansprüche an sich. Marten Molnár bestätigt: „Das hier ist kein Mitleidsprojekt. Wir verlangen viel und machen Sprech- und Lockerübungen wie mit einer ambitionierten Amateurgruppe.“ Zu einigen Auftritten haben es die Schauspieler bereits gebracht, etwa im vergangenen Jahr beim Krippenspiel in der Heilbronner Kilianskirche. Für den Sommer sind alternative Stadtführungen zum Thema „Leben eines Obdachlosen in Heilbronn“ geplant. Dann spielen Kirschbauer, Schmid, Bauer und die anderen Ensemblemitglieder an verschiedenen Orten in der Stadt Szenen aus dem Alltag eines Wohnungslosen vor. Etwa die von Bauer geschriebene Parkszene: Der Autor selbst spielt einen Wohnungslosen, Kirschbauer eine Passantin, die mit ihm ins Gespräch kommt, Hübenbecker einen Jugendlichen, der ihn belästigt. Ob Bauer hier eigene Erfahrungen verarbeitet? Er sagt: „Nein, das habe ich mir alles ausgedacht.“

Stark wirkt der Zusammenhalt in der Gruppe. Das wird deutlich, wenn sich Hübenbecker und Bauer nach einem Lob von Marten Molnár abklatschen. Oder wenn Kirschbauer den anderen voller Begeisterung Fotos vom Auftritt in der Kilianskirche zeigt. Marten Molnár sagt: „Die Theatergruppe ist eine Art Netz. Die Mitglieder helfen sich untereinander, halten zusammen und übernehmen Verantwortung füreinander.“ Der Zug des Lebens – für Irina Kirschbauer, Raymund Schmid und Wolfgang Bauer nimmt er wieder Fahrt auf. 

Die alternative Stadtführung hat Premiere am 23. Juli, 17 Uhr, Treffpunkt Volkshochschule Heilbronn. Mehr im Internet unter www.tg-wlh.de

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