Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Dass ich das noch erleben darf!“

Es ist ein ungewöhnliches Experiment, das der Theologe und Musiker Heiko Bräuning vollzogen hat: 2012 setzte er sich sein Todesdatum für den 16. April 2016. Was das bewirkte, fragte ihn Alexander Schweda bei einem Spaziergang zur Grabeskapelle auf dem Rotenberg.

Macht der Gedanke an den eigenen Tod klug? Heiko Bräuning wollte es wissen. (Foto: Gemeindeblatt)

Es ist ein sonnig-strahlender Tag. Der Hibiskus duftet herüber. Der Blick schweift über die Weinberge hinab über Stuttgart hinweg: Das Daimler-Stadion leuchtet. Der 47-jährige Heiko Bräuning strahlt auch, während wir langsam durch die Weinberge schlendern, um zur Grabeskapelle zu spazieren. Er lebt noch. Was für ein Gefühl! Dabei war er ja gar nicht vom Tod bedroht. Er hat sich nur selbst eine Todesgrenze gezogen. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen.“ Über diesen Satz aus Psalm 90 musste Bräuning 2012 im Fernsehen predigen. Und plötzlich hatte er die Idee: „Wenn ich das nun ernst nehme?“ Wie könnte dieses Bedenken aussehen? Dem Pfarrer wurde klar: „Ich muss mir mein eigenes Todesdatum setzen.“ Es wurde der 16. April 2016.

„Mein neues Lebensmotto ist: Dass ich das noch erleben darf“, erzählt Bräuning, bekleidet mit weißem Hemd, schwarzen Schuhen, heller Hose. Am 17. April 2016, da sei er aufgewacht und habe gedacht: „Vielen Dank für diese geschenkte Zeit.“ Ja, hat er denn wirklich geglaubt, dass der 16. April sein Todestag sein könnte? „Ohne Zweifel“ habe er Angst gehabt, gibt der Theologe zu. Wer weiß denn schon, welchen Einfluss das Großhirn hat? Am Ende sagt der Körper: „Der wollte sterben, jetzt schalten wir ab.“ Selbsterfüllende Prophezeiung nennt man das. Trotzdem habe er als Pfarrer aber ein Grundvertrauen gehabt, dass man den Tod ins Leben holen dürfe, eben um klug zu werden. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Aber muss man dazu eine Todesanzeige schalten? „Das war eine völlige Bauchentscheidung“, sinniert Heiko Bräuning, während immer mal wieder sein Smartphone läutet, bis er es schließlich ausschaltet. Aus den Weinbergen hört man die Vögel zwitschern. „Es hat mir gefallen. Es gab keinen Anlass. Ich musste mich nur auf diese Predigt fürs Fernsehen vorbereiten.“ Wir stehen in einer Sackgasse und müssen umkehren. Vielleicht braucht man manchmal Sackgassen im Leben.

Ein Freund, der selbst einen Herzinfarkt hatte, habe ihm vorgeworfen, dass er sich etwas vormache und gar nicht wissen könne, wie eine echte Lebensbedrohung sich anfühle. Und in der Tat könnte man ja auch fragen, ob er den lieben Gott nicht austricksen wollte? „Nein“, meint er. Ein Sterbedatum, selbst ein fiktives, könne man nicht ausschalten wie einen Wecker. Schließlich muss ja jeder Mensch sterben. „Ich hatte das Gefühl, dass Gott mich über den Bibelvers aufforderte, über den Tod nachzudenken.“ Seine Erkenntnis nach dem 16. April 2016: „Du hast die Lebenszeit nicht in der Hand. Gott lässt sich nicht ausspielen.“

Und wie hat er die vier Jahre gelebt? Die Ernsthaftigkeit sei nicht mehr wegzukriegen gewesen, erzählt er, gibt aber zu: „Ich hatte keinen Zwang, mein Leben zu ändern, wie jemand, der tatsächlich krank ist. Ich habe mir diese Gedanken freiwillig gemacht.“ Er wollte entscheiden, was ihn glücklich macht. Und was das mit seinem Leben macht.

Mehrere kleine Entscheidungen und eine große sind gefallen: Zunächst immer die Frage im Alltag: Was ist wichtiger? „Ich wollte immer mal einen Klavierflügel haben.“ Also Geld auf dem Konto haben oder den Flügel kaufen? Die Wahl fiel auf den Flügel. Ist es wichtiger, bis 19 Uhr im Büro zu sitzen oder mit dem Sohn Fußball spielen zu gehen? „Was bereue ich am Tag des Todes mehr, nicht gemacht zu haben?“

Dann die große Entscheidung: Der Oberkirchenrat habe ihn vor die Wahl gestellt, eine Gemeindepfarrstelle anzunehmen oder aus dem Pfarrdienst auszuscheiden. Bräuning übernahm erst in Aulendorf die Pfarrstelle sowie die Schulseelsorge und erkannte: „Es war ein Fehler, den Kompromiss einzugehen. Bei einer begrenzten Lebenszeit will ich machen, was ich wirklich kann.“ Er kündigte bei der Kirche, verzichtete auf private Krankenversicherung und Beamtenstatus. Allerdings darf er seine Ordinationsrechte behalten und kümmert sich jetzt auf einer 75-Prozent-Stelle bei den Zieglerschen in Wilhelmsdorf um die Fernsehgottesdienste.

„Viele scheuen sich, das Risiko einzugehen, obwohl jeder fünfte Arbeitnehmer innerlich gekündigt hat“, überlegt Bräuning. Aber ihm ist klar geworden: Entscheidungen dürfe man nicht auf die lange Bank schieben. „Entscheide dich, wie du glücklich bist. Nur so kannst du andere glücklich machen.“
Auf dem Weg zur Grabkapelle lädt eine Bank zum Ausruhen ein. Es ist heiß geworden, ein kühler Luftzug tut gut. Wir blicken aufs Neckartal. Seine Familie war nicht begeistert von diesem Experiment, räumt Heiko Bräuning ein. Aber er habe gemerkt: „Ich kann loslassen, ich kann mich versöhnen, wenn ich mich mit Tod auseinander setze.“ Weil seine Frau mit ihm das Thema nicht besprechen wollte, sei ihm zudem klar geworden, dass diese Frage nur ihn selbst angehe. „Es geht um mich und meine Lebenshaltung.“

Und die Todesanzeige? Würde er das als Methode weiterempfehlen? „Ja“, sagt er. „Das ist mir am tiefsten reingegangen. Da kriegt man Gänsehaut.“ Man sehe das Datum vor sich und lese, wer zurückbleibt. Seine Erfahrung hat er in einem Buch zusammengefasst. Eine Krebsselbsthilfegruppe und eine Hospizgruppe hätten das Buch schon durchgearbeitet. „Ich habe noch keinen gesprochen, der nicht sagt: Das hat etwas mit mir gemacht.“ Aber es gebe auch Kritiker, die ihm Profilierung vorwerfen. Oder dass er nur Geld verdienen will. Aber Bräuning winkt ab: „Damit verdient man kein Geld.“
Das letzte Stück Weg zur Grabkapelle gehen wir schweigend. Die Kapelle ist von König Wilhelm I. als ewiger Liebesbeweis für seine jung verstorbene Gemahlin Katharina erbaut worden. Was empfindet Heiko Bräuning bei dem Anblick? „Ich finde es gigantisch schön hier“, sagt er. „Aber sonst macht es nichts mit mir.“ War die Königin wirklich glücklich mit ihrem Leben?  Darauf würde es ankommen. Und erneut sagt er: „Dass ich das noch erleben darf! Einfach bewusst Schönes wahrnehmen!“

Buch-Tipp
Heiko Bräuning: Mein Deadline-
Experiment
. Vom fiktiven Sterben zum glücklicheren Leben. cap-books 2017, 160 Seiten, 13,99 Euro. ISBN 978-3867732833.

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