Christliche Themen für jede Altersgruppe

Der Übergang in die neue Zeit

Das Reformationsjubiläumsjahr geht seinem Höhepunkt entgegen. Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther der Überlieferung nach in Wittenberg seine 95 Thesen veröffentlicht. Bis sich die Reformation durchsetzte, sollte es noch Jahre dauern. Die Ausstellung „Reformation in Württemberg. Freiheit – Wahrheit – Evangelium“ im Stuttgarter Kunstgebäude zeigt die Zeit vor und nach der Reformation. 


Kurz vor der Reformation: Im Stettener Altar (1488) stehen Heilige im Vordergrund. (Foto: Werner Kuhnle)


Ausstellungen zur Reformation hat es in diesem Jahr viele gegeben. Kann also eine Schau wie die Ausstellung „Reformation in Württemberg“ noch etwas Neues präsentieren? Auf jeden Fall, denn sie zeigt den Übergang vom zum Teil finsteren Mittelalter in die Neuzeit, vom alten zum neuen Glauben. Mitte des 16. Jahrhunderts wird deutlich, was Katholiken und Evangelische unterscheidet oder besser gesagt, was sie einst unterschieden hat. Zum Glück, denn die beiden einst verfeindeten Konfessionen nähern sich in vielen Punkten wieder an.

Die Ausstellung besteht eigentlich aus vier Ausstellungen. Sie werden vom Landesarchiv Baden-Württemberg gemeinsam mit den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg verantwortet. Bis 19. Januar sind die Ausstellungen im Stuttgarter Kunstgebäude sowie in den Klöstern Maulbronn, Bebenhausen und Alpirsbach zu sehen. Die Klöster wurden mit eingebunden, weil in ihnen der Übergang in die Neuzeit gut demonstriert werden kann und die alten Gemäuer selbst Ausstellungsstücke sind. Maulbronn ist ein gutes Beispiel für die Zeit vor und nach der Reformation: Aus dem Zisterzienserkloster wurde eine Schule. Heute ist dort das Evangelische Seminar, ein Gymnasium mit Internat.

Wie wurde im ausgehenden Mittelalter gedacht und gefühlt? Davon bekommt der Besucher der Stuttgarter Ausstellung gleich im ersten Raum einen Eindruck. Es gab eine Weltuntergangsstimmung. Die Sommer waren verregnet, es gab immer wieder Unwetterkatastrophen. Kleine Eiszeit nannte man das. Hinzu kam der verstärkte Druck auf das einfache Volk. Es kam zu Aufständen unter den Bauern.
In dieser Zeit fertigte Albrecht Dürer düstere Holzschnitte an. Sein Thema: Die Apokalypse (1498 und 1511). Die Staatsgalerie Stuttgart hat die 16 Blätter für die Ausstellung zu Verfügung gestellt. Gewalttätig geht es bei Dürer zu: Die Reiter, menschliche Wesen und Reiter mit Fratzen, erheben  Schwert sowie Pfeil und Bogen, trampeln mit ihren Pferden die Frauen und Männer tot, die sich aus Angst schützend auf den Boden gelegt haben. Erst später kommt der Engel, der die Wende bringt. Die Apokalypse nach Dürer wird in Stuttgart effektvoll inszeniert.Doch wie gingen die Menschen des ausgehenden Mittelalters mit dieser Krisenstimmung um? Sie erwarteten von der Kirche Hilfe, denn die Fürsten und Herrscher fielen als Heilsbringer praktisch aus. Die Heiligenverehrung war ausgeprägt, Wallfahren war beliebt.

Auch der Adel unterstützte die Kirche.  Herzog Ulrich stiftete etwa um 1511/12 die kunstvolle Gestaltung des Lorcher Antiphonars (auf der Gemeindeblatt-Titelseite zu sehen). Ein Antiphonar ist ein spezielles Gesangbuch. Es enthält Melodien und Texte der Gesänge des Stundengebets.
Dem Zeitgeist entspricht auch eine Kette mit elf Holzperlen. Sie heißt Paternoster und ist ein Vorläufer des Rosenkranzes. Sie gehörte Graf Eberhard im Bart und diente als Zählhilfe für die Gebete. Peter Rückert, Kurator der Ausstellung und Archivdirektor beim Hauptstaatsarchiv, sagt aber auch, dass die Holzperlenkette (und andere Paternoster) ganz profan bei Gerichts- oder Ratssitzungen verwendet wurde – ebenfalls zum Zählen.

Einige Ausstellungsstücke zeigen, dass manches in der Reformation umfunktioniert wurde. In der (heute evangelischen) Stiftskirche St. Cyriakus in Bad Boll stand eine Säule, die oben eine Vertiefung hatte. Vermutlich wurde sie als Weihwasserbecken (13. Jahrhundert) genutzt. In der Reformation bekam das kleine Becken einen metallenen Deckel mit Schlitz und wurde somit ein Opferstock. 100 Kilogramm ist die Säule schwer. Peter Rückert hat sie extra für die Ausstellung zusammen mit zwei Männern nach Stuttgart transportiert.

Der Historiker betont, dass es in der Ausstellung nicht um theologische Debatten gehe, sondern um eine breite kulturhistorische Darstellung. Dazu gehören etwa Schriftzeugnisse, die das Landesarchiv zuhauf in seinem Besitz hat. Sie werden nur selten öffentlich gezeigt. Prunkstück der Ausstellung ist ein Original der Bannandrohungsbulle von 1520, in der Martin Luther aufgefordert wird, seine Thesen zu widerrufen (lesen Sie dazu mehr auf der Seite 6).

Voller Spott und Hohn sind die zahlreichen Titelblätter von Schriften, die sich gegen das Papsttum wandten. So wurden Gebete umgedichtet: „Aller Raben Augen warten auf dich, Papst, dass du werdest ihre Speise.“ Umgekehrt verfasste der katholische Klerus polemische Schriften mit ebenso polemischen Bildern und hetzte auf diese Weise gegen die „Lutherischen Narren“.

Ein Teil der Ausstellung ist Münzen und Medaillen gewidmet. Vor allem die Spottmedaillen auf die katholische Kirche sind interessant (16. Jahrhundert). Sie haben nicht nur eine Vorder- und Rückseite, sondern haben, wenn man sie genau anschaut, auf jeder Seite zwei Bilder. Wenn man sie um 180 Grad dreht, dann wird aus dem Papst mit der Tiara ein Teufel; aus dem Kardinal mit Hut wird ein Narr mit Eselsohren.

In der Stuttgarter Hospitalkirche stand einst das Epitaph von Sebastian Welling. Gemalt wurde es von Martin Schaffner (1535), einem Vertreter der Ulmer Schule. An diesem Bild wird der Übergang zur Neuzeit besonders deutlich. Sebastian Welling war seit 1496 Bürgermeister in Stuttgart und ließ ein Epitaph – ein Bild zum Totengedenken – anfertigen. Auf dem Bild ist unten die Stifterfamilie sehen. Doch in diesem Bild schimmert schon protestantisches Gedankengut durch. Die obere Bildhälfte zeigt Christus in einer Wolke mit den Marterwerkzeugen. Damit wird das Opfer Christi für die Toten bildlich dargestellt. Das entsprach der neuen Lehre. Übrigens: Sowohl Maler als auch Stifter sind zeitlebens katholisch geblieben.



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