Christliche Themen für jede Altersgruppe

Elektro-Blitze im Kirchenraum

STUTTGART-ZUFFENHAUSEN – Music, Sound, Dance, Move: Schon zum fünften Mal hatte die Evangelische Jugend Stuttgart zur „Konspiration X“ eingeladen. Die Party fand in der Pauluskirche statt. 350 Gäste kamen. „Es ist cool und verrückt, mal in der Kirche zu tanzen“, benennt Katharina die Gefühle der Partygäste im Alter zwischen 13 und 27 Jahren. 

Die Lichteffekte haben eine besondere Anziehungskraft. das finden auch Helferin Mara und ihre Freunde. (Foto: Brigitte Jähnigen)

Mit ihren 15 Lebensjahren gehört die junge Stuttgarterin zum Zielpublikum der Veranstalter. „‚Konspiration X‘ ist eine Veranstaltung ohne Alkohol, ohne Gegröle, ohne Übergriffe“, sagt Jugendreferent René Böckle. Als DJ Faith (Glaube) reist er durch Deutschland und weiß genau, was junge Leute wollen: Musik hören, den modernen Sound spüren, tanzen, sich bewegen und bewegt werden.

Jessy, Nina und Noemi sind zum ersten Mal zur „Konfi-Party“ gekommen, wie ehrenamtliche Helfer die „Konspiration X“ intern nennen. Die drei Freundinnen haben ein auffallend ähnliches Äußeres, posten gleich an der Garderobe ein Selfie, antworten wie aus einem Munde auf die Frage, was sie erwarten „Spaß!“ und stürmen das neoromanische Kirchenschiff.

Wilhelm II. und seine Gattin Königin Charlotte waren im Jahr 1903 eigens nach Zuffenhausen geeilt, um das Gotteshaus nach Plänen des Architekten Heinrich Dolmetsch einzuweihen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude stark zerstört, nur der Turm blieb stehen und ist bis heute das Wahrzeichen des Stuttgarter Vorortes. Ein großes dreidimensionales X vor dem Eingang der Kirche signalisiert heute, dass im Innern etwas Außergewöhnliches stattfindet.

Bässe dröhnen, das Farbenspiel der Lichtanlage wechselt, Nebel wabert, Konfetti rieselt aus dem Traverscarré, einer elektronischen Anlage, die die Lichttechnik und Effekte steuert. Bevor DJ Faith die Party offiziell eröffnet, legen die Jungs von „Alectric“ auf. „Es ist das totale Feeling, hier zu feiern“, sagt Melanie (16). Sie weist auf das bunte Chorfenster, das 1956 vom Glaskünstler Christian Oehler in die Kirche eingebracht wurde – elektronisch erzeugte Blitze zucken durch den Raum, streifen immer wieder das Fenster, erzeugen optisch reizvolle Kontraste. Nicht jeder stürzt sich gleich auf die Tanzfläche, nachdem er durch die Sicherheitskontrolle gekommen ist. Manchen genügt es erst einmal, durch Senden von Text- und Bildnachrichten abwesenden Freunden zu signalisieren: Hier ist was los, ich bin dabei.

„Natürlich gibt es immer mal Stimmen, die fragen, Party in der Kirche, muss das sein“, sagt René Böckle. Viermal fand die „Konspiration X“ in der Jugendkirche, der Martinskirche im Stuttgarter Norden statt. Jetzt wird sie renoviert, eine neue Kirche wurde gesucht. „Wir wollen jungen Menschen den Kirchenraum auf besondere und gute Weise nahebringen“, sagt der 31-Jährige. „Wir holen die Jugendlichen dort ab, wo sie sich in ihrem Alter befinden und laden sie zum Feiern ohne Alkohol, ohne Gewalt und ohne Exzesse ein“, meint Böckle alias DJ Faith.

Musik sei einer der größten Berührungspunkte bei Jugendlichen jeglichen Alters. Er selbst sei mit den musikalischen Stilrichtungen Tekkno und House groß geworden, wurde von heute noch berühmten DJs wie Sven Väth und Dr. Motto inspiriert. „Ich nenne mich christlicher DJ“, sagt Böckle. Bei jeder Party baue er ein christliches Gebet ein und müsse sich nun schnell verabschieden, um sich für seinen Auftritt umzuziehen.

Michael Weisbach ist 45 Jahre alt und wie sein jüngerer Kollege Böckle hauptamtlicher Jugendreferent der Evangelischen Kirche Stuttgart. „Als Idee hinter der ‚Konspiration X‘ steht, dass junge Leute sowieso keinen Zutritt zu öffentlichen Tanzveranstaltungen haben“, sagt Weisbach. Also habe die Evangelische Jugend Stuttgart ein eigenes Konzept entwickelt. Dazu gehöre auch eine gezielte Musikauswahl. „Es gibt bei unseren Partys weder derbe noch rassistische Texte zu hören“, sagt Weisbach.

René sagt: „Es geht mir darum, eine Mischung aus christlichen und säkularen Liedern zu schaffen. Und aufzuzeigen, welche Botschaft auch in säkularen Texten wie zum Beispiel in Andreas Bouranis ‚Aus uns‘ steckt.“

Finanziert wird die „Konspiration X“ durch den Eintritt (jeder zahlt 5 Euro), kleinere Sponsorengelder und „einen ordentlichen Batzen aus dem Budget der Jugendarbeit“, sagt Weisbach. Bezahlt werden müssten die Security und die Helfer der Johanniter-Unfallhilfe. „Ohne Ehrenamtliche geht es nicht“, sagt der Jugendreferent. Und dass der gute Ruf der Veranstaltung inzwischen über Stuttgart hinaus geeilt sei. „Es kommen ganze Gruppen aus Herrenberg, Ludwigsburg oder Schorndorf“, sagt Weisbach.
Nicht ganz so weither kommen Lea Basler und Luca Doll mit ihren Jugendlichen. Um hier zu tanzen, haben sie den Weg von Plieningen und Birkach gern gemacht. „Da war ganz viel Vorfreude bei den jungen Leuten, wir kennen alle aus der Konfi-Freizeit in Italien, und die Eltern übertragen uns die Verantwortung gern, man kennt sich halt“, sagt Basler, Begleiterin der jungen Leute. „Das ist schon eine besondere Stimmung, das alte Gebäude und das pulsierende Licht“, sagt sie.

Mara (20) ist heute Ordnerin in der Pauluskirche und gehört damit zum Team der ehrenamtlichen Helfer. „Schon am Mittwoch haben wir begonnen, die Stühle aus dem Kirchenraum zu tragen“, sagt sie. Zuständig sind die Ehrenamtlichen auch für die Küche, die Bar, an der alkoholfreie Getränke und Snacks verkauft werden, die Garderobe, den Einlass, die Kasse und das Wiederaufstellen der Stühle.  „Am Sonntag zum Gottesdienst um 11 Uhr muss alles wieder fertig sein“, sagt Mara.

Tanzen in der Kirche findet auch sie „sehr cool“. Mara gehört zur örtlichen Kirchengemeinde, kennt ihre Kirche „in- und auswendig“ und findet es großartig, sie einmal „in einem anderen Licht zu sehen“. Wenn ihre Ablösung kommt, wird sie selbstverständlich auch tanzen. Eric (24) gehört zum Vorstand des Jugendwerks Zuffenhausen. Zum Kirchengemeinderat gebe es einen guten Kontakt. „Wir haben wegen der Party angefragt und Zustimmung bekommen“, sagt Eric. Die „Konspiration X“ sei in Stuttgart schließlich einmalig. Die allermeisten Eintrittskarten würden über die Pfarrer der jeweiligen Gemeinden verkauft, Eltern oder Betreuer begleiteten die jungen Leute.

Und dann kündigt sich im Kirchenschiff Größeres an: DJ Faith eröffnet mit seinem Intro „Es ist an der Zeit, du und ich, er und du, wir. Lasst uns das Leben feiern. Miteinander. Füreinander“ pünktlich um 20.05 Uhr – und damit offiziell – die Party. Die Arme werden himmelwärts gereckt, es wird gelacht und mitgesungen, losgetanzt. DJ Faith, das ist sofort klar, will sie „alle haben“. Auch die, die immer noch in Grüppchen auf einem Zwischenpodest hocken, gucken und sich mit Handys begnügen. Es sind vor allem die jüngeren Jungs, denen der offizielle Auftritt schwer zu fallen scheint, während die Mädchen sich locker bewegen.

21.55 Uhr endet die „Konspiration X“, ein paar Minuten Zugabe exklusive. Dann kommen sie wieder zusammen: Die jungen Partygäste aus der Pauluskirche und ihre erwachsenen Begleiter, die im „Johanneshof“ gewartet haben. Dorthin lud der Veranstalter in die „Konspiration X-Lounge“ ein. Ganz gepflegt mit sieben Sorten Kuchen und Musik vom Plattenteller. Passend für Ältere – wie in den Achtzigern.

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