Christliche Themen für jede Altersgruppe

Erfrischend anders

MARBACH AM NECKAR – Hohe Bäume statt Kirchenmauern, Bierbänke statt Kirchengestühl, Flussbett statt Taufbecken – und am Ende wird weit mehr nass als nur die Stirn: Flusstaufen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit und bieten ein Erlebnis der besonderen Art. Ein Beispiel aus Marbach. 


Bei der Flusstaufe sind viele Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene dabei. (Foto: Julia Lutzeyer)


Einen idyllischeren Ort als die Marbacher Neckarauen kann man sich für einen Gottesdienst in der Natur kaum vorstellen. Hohe Bäume umkränzen ein Wiesen-Oval, in dem die Sitzreihen aus Bierbänken genügend Platz und zugleich Schutz vor Wind finden. Unter dem bewegten Laub der Pappeln spielt sich der Posaunenchor ein. Schräg gegenüber werden Kaffeekannen und Geschirr angeschleppt. Das Kuchenbuffet füllt sich.

Zum renaturierten Neckarufer sind es nur ein paar Schritte. In die Böschung sind Bänke und Steinquader eingelassen. So erscheint der Holzsteg am Wasser wie eine kleine Bühne, das ansteigende Ufer mit seinen Sitzplätzen als Naturtheater. Auch wenn ein Büchertisch darauf hinweist, dass der Steg an diesem frühen Sonntagnachmittag noch eine Rolle im Programm spielen wird: Noch befindet sich das Zentrum des Geschehens auf der Wiese zwischen den Baumstämmen.

Ein weiß gedeckter Tisch mit Holzkreuz und Sonnenblumen markiert den Altar. 28 Taufkerzen stehen dort bereit. Nicht nur für Täuflinge im Säuglingsalter, sondern auch für ältere. Manche erkennt man an einem weißen Kleid oder an einem Kranz im Haar.

Die Bierbänke füllen sich mit Familienangehörigen und Gästen, die am Ende der baden-württembergischen Schulferien auch von weither angereist sind. „Ich kann dir auch nicht sagen, ob die Paten mit ins Wasser gehen“, sagt die Mutter eines vielleicht achtjährigen Täuflings zu ihrem Nebensitzer. Irgendwo kramt jemand Badelatschen aus seiner Tasche. Ein Grundschulkind legt seine Kleidung ab und schlüpft in einen Neopren-Anzug. Für die Flusstaufe ist es bestens gewappnet.
Die Zeugen dieser Verwandlung bekommen eine Ahnung davon, dass das Element Wasser bei der bevorstehenden Flusstaufe nicht nur symbolisch zum Einsatz kommt, sondern in vollem Umfang. „Johannes der Täufer hat es vor rund 2000 Jahren vorgemacht“, sagt Rüdiger Schard-Joha, Pfarrer in Marbach. „Jetzt folgen wir der Tradition am Neckar.“

Mit zehn bis 15 Kindern haben er und sein Kollege Eberhard Weisser aus Rie-lingshausen gerechnet, als im März die Planungen begannen. Dass sich nun fast doppelt so viele Menschen im Neckar taufen lassen, begeistert die Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinden. Viele Schulkinder, Jugendliche und auch Erwachsene sind darunter. Weisser überrascht das nicht. Er weiß: „Bei vielen Eltern geht die Frage, ob sie ihr Kind taufen lassen oder nicht, in dessen erstem Lebensjahr unter, obwohl sie es sich eigentlich wünschen.“

Andere entscheiden sich ganz bewusst erst als Erwachsene für den Glauben. „Insofern bildet das Tauffest eine gute Gelegenheit, mit kleinen und großen Täuflingen zu feiern und die Tradition der Flusstaufe wieder aufleben zu lassen.“

Graue schwere Wolken ziehen heran, als der Gottesdienst beginnt. Doch der Himmel hat ein Einsehen und behält seine Last bei sich. „Die Natur hilft dabei, uns eine Vorstellung von Gott zu geben“, sagt Pfarrer Schard-Joha am Beginn des Gottesdienstes und verweist auf das biblische Bild vom guten Hirten. Unterstützt vom Posaunenchor singt die Festgemeinde „Lobe den Herren“. Kostümiert und mit verteilten Rollen lesen drei Jugendliche aus der Apostelgeschichte des Lukas. Im Anschluss berichtet eine erwachsene Taufkandidatin, warum sie heute hier ist: „Weil ich an Gott glaube, meine Seele retten will und zur christlichen Gemeinschaft gehören möchte.“ Andere Bekenntnisse lauten: „Um Sicherheit im Glauben zu bekunden“ oder „weil ich meinen Kindern eine Heimat im Glauben geben möchte“.
Als die beiden Pfarrer alle Täuflinge samt Paten und Eltern nach vorne bitten, entsteht ein dichter Kreis. Musikalisch untermalt vom Posaunenchor, werden die Kerzen entzündet. Dann zieht der Pulk ans Neckarufer. Vom Steg steigen die Pfarrer hüfthoch ins Wasser. „Wenn die mal nicht krank werden“, klingt es aus verschiedenen Mündern. Ein junger Pate mit nassen Hosen lacht: „Das Wasser ist gar nicht so kalt, nach dem ersten Schock...“

Am Ufer stehen zwei Zelte zum Umkleiden. Meist stehen sie leer. Wer sich von Kopf bis Fuß untertauchen lässt, strahlt später wie nach einer bestandenen Prüfung. „Welch unvergessliches Erlebnis für die Heranwachsenden“, sagt eine Frau, die der Taufe ihres 14-jährigen Enkels entgegensieht. „Die Taufe wird so zu einer bleibenden Erinnerung. Und vielleicht gibt es auch denen, die aus Neugier zuschauen, den Impuls, sich taufen zu lassen.“ 

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