Christliche Themen für jede Altersgruppe

Für Eltern und ihre Kinder da sein

STUTTGART-BAD CANNSTATT – Vor 100 Jahren wurde die erste Mütter­schule Deutschlands in Stuttgart gegründet. Jahre später wurde sie zum Haus der Familie. Ein Blick in die Kursprogramme damals und heute zeigt, wie sich Familie verändert hat.

Das Herzstück im Haus der Familie ist heute das Café Cännle. Foto: privat

Es ist ruhig an diesem Donnerstagnachmittag im Café Cännle im Haus der Familie in Bad Cannstatt. An einem Tisch sitzen mehrere Frauen und ein Mann. Vor ihnen steht ein Holzbrett aufrecht – es ist mit einem aus dicker Wolle gestrickten Schal und dazu gehörenden Stricknadeln drapiert. Das zeigt an, worum es sich hier handelt: Kein Stammtisch, sondern das so genannte Strickcafé. Der dunkelhäutige Mann in der Gruppe müht sich noch etwas ab mit seiner Strickliesel, aber die Gespräche tun ihm sichtlich gut.

Das Café Cännle ist das „Herzstück“ des Hauses der Familie in Stuttgart. Das sagt Geschäftsführerin Sabine Antesz. Hier treffen sich Freundinnen zum Frühstück, und ihre Kleinkinder spielen in der Spielecke. Familien verabreden sich hier miteinander. Zum Mittagstisch kommen auch alleinstehende ältere Frauen vorbei. Und weil es hier recht fröhlich und locker zugeht, kommen die Besucher auch mit Menschen ins Gespräch, die sie gerade erst kennengelernt haben. So ist beispielsweise auch der internationale Chor entstanden, die Canntinentalsingers. Antesz war mit einer Chorleiterin ins Gespräch gekommen, die noch auf der Suche nach einem Chor war.

Das Café Cännle zeigt eindrücklich, wie sich die Arbeit des Hauses der Familie in den 100 Jahren seines Bestehens verändert hat. 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, in Hungersnot und wirtschaftlichen Wirren, sollten Mütter Hilfe bei der Pflege und Erziehung ihrer Kinder bekommen. Die „Mütterschule“, wie das Haus der Familie damals hieß, verstand sich als Bildungseinrichtung. Das war neu, und die Mütterschule Stuttgart die erste ihrer Art in Deutschland. Zudem wurden die Kinder in der Zeit betreut, in der die Mütter die Kurse besuchten. Nach dem Krieg gab es neue Themen: Kurse für Kindermädchen, Vortragsreihen zu Schulfragen oder Vererbung, Mütterabende und Kurse für Erwerbslose. Die Teilnehmerinnen lernten auch, wie man Kleidung ausbessert oder aus einfachem Material Spielzeug herstellt. Die Mütterschule kam so gut an, dass auch in anderen Städten Mütterschulen gegründet wurden. In der Zeit des Nationalsozialismus nutzte der Reichsmütterdienst die Mütterschulen, um das nationalsozialistische Frauen- und Mütterbild zu verbreiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verein „Mütterschule“ von katholischer und evangelischer Kirche gegründet, die Arbeit konnte damit weitergehen. Allerdings verschoben sich die Schwerpunkte in Richtung Sozialarbeit; Hilfe für die alltäglichen Nöte stand im Vordergrund. Außerdem lernten die Frauen Nähen und Kochen. Erst 1947 gab es wieder Säuglingspflegekurse. „Männer nahmen daran nicht teil. Die Frauen sahen diese Kurse als ihr persönliches Reservat“, heißt es dazu in der Festschrift.
In den 1960er-Jahren kamen Vorträge zu kulturellen und staatsbürgerlichen Fragen hinzu sowie Freizeitgestaltung. Außerdem Eltern-Kind-Gruppen. Auch die Themen Doppelbelastung der Frau in Familie und Beruf sowie Partnerschaft zwischen Mann und Frau gewannen an Bedeutung. 1979 wurde die Mütterschule zum Haus der Familie. Neue Ziele wurden wichtig, wie „Lernen Familie zu leben“, oder „Erziehung zur Familienfähigkeit“. Auch psychologische Kurse wurden aufgenommen.

Dass das Haus der Familie von Anfang an eine Bildungseinrichtung war, darauf ist Sabine Antesz stolz. Auch das Programm heute hat viel mit Wissensvermittlung zu tun. Weil in vielen Familien beide Elternteile berufstätig sind, haben sich allerdings die Zeiten für Kurse und Vorträge geändert. „Früher hatten wir kaum Kurse am Wochenende, das ist inzwischen normal“, so Antesz. Auch der frühe Abend ist nun häufig belegt.

Weil die Väter mehr „in die Familienarbeit einsteigen“, gibt es inzwischen extra Angebote für sie, mal mit, mal ohne Kind. Und der Freizeitfaktor darf auch nicht zu kurz kommen. So stehen im Programm auch Ausflüge zur Kamelfarm, zur Ritterburg oder die Nacht im Reptilienhaus in der Wilhelma.
Das Haus der Familie sucht auch neue Wege zu seiner Klientel. Etwa, indem es mit Kindertagesstätten zusammenarbeitet und dort Vorträge für Eltern anbietet. Auch Unternehmen sollen mit ins Boot. Wie wäre es, wenn Eltern in ihrer Arbeitszeit einen Vortrag besuchen könnten?

Weil die Menschen sich generell nicht mehr so gerne festlegen lassen, sind die so genannten offenen Angebote inzwischen fester Bestandteil. Dafür muss man sich nicht an- oder abmelden, man kommt einfach zur angegebenen Zeit ins Café Cännle. Und wer Lust hat, eine Gruppe anzubieten, kann das tun: So sind eine chinesischsprachige und die serbischsprachige Spielgruppe entstanden. Alleinerziehende treffen sich ungezwungen, es gibt Mathe-Nachhilfe für die Kinder und mehr.
Für die Zukunft hat Sabine Antesz mehrere Ziele. Die Digitalisierung ist eins davon. Zwar wollten sich die Menschen auch gern persönlich treffen, aber wie wäre es, einen Vortrag als Film aufzunehmen und gegen Gebühr online zu stellen? Vernetzung ist ein weiteres Stichwort. Zum Beispiel mit Seniorenheimen: Wenn sich Gruppen mit Kindern dort mit Älteren träfen? Inklusion ist auch so ein Stichwort. „Ziel wäre, dass wir gar nicht mehr erwähnen müssen, dass die Angebote auch für Menschen mit Behinderung geeignet sind“, formuliert es Sabine Antesz. Die Integration von Menschen aus anderen Ländern ist in einem Stadtteil wie Bad Cannstatt schon nichts besonderes mehr. Da treffen sich einfach alle: die Frau mit Kopftuch mit einer aus sichtbar besseren Verhältnissen. Und sie kommen ins Gespräch.

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