Christliche Themen für jede Altersgruppe

Geist moderner Frömmigkeit

BAD URACH – Eine geistliche Gemeinschaft hat das Leben im Stift Urach entscheidend geprägt: Die „Brüder vom gemeinsamen Leben“. Noch immer lassen sich auf der 500 Jahre alten Anlage Spuren der reichen Geschichte zur Reformationszeit entdecken. 


Blick auf das Ensemble von Schloss und Kirche. (Foto: Stift Urach)


Wer durch das Stiftstor tritt, der ist mit einem Schlag ganz weit weg vom pulsierenden Alltagsleben. Hier, auf den Bänken unter der Linde, im Ensemble von Schloss, Amanduskirche und Einkehrhaus, können Besucher Kraft tanken und Ruhe finden. Brunnen, Kräutergarten und Rosenstauden zieren den Innenhof – klösterliche Gestaltungselemente, die zu der meditativen Atmosphäre beitragen.

Dass mit dem Begriff der „Einkehr“ im Stift Urach jedoch nicht nur der innere Rückzug verbunden wird, sondern auch „Einkehr“ im Sinne von Gastfreundschaft und Stärkung, hat hier gute Tradition, weiß Bärbel Hartmann. Die Leiterin des Einkehrhauses führt Besucher durch die geschichtsträchtigen Gemäuer und verbindet dabei auf unterhaltsame Weise Vergangenheit und Gegenwart.

So erzählt sie von der Zeit vor der Reformation, als Urach die zweite Residenz der Grafschaft Württemberg war. Damals, um 1477, lernte Graf Eberhard die „Brüder vom gemeinsamen Leben“, eine Ordensgemeinschaft, kennen und holte sie nach Bad Urach. Er ließ  das Stift an die Amanduskirche anbauen, um eine Wirkstätte für die „Brüder“ zu schaffen.

„Den Brüdern ging es um eine modern gelebte Frömmigkeit, die den Menschen zugewandt ist“, sagt Bärbel Hartmann. So versahen diese nicht nur den Pfarr- und Seelsorgedienst an der Amanduskirche, sondern organisierten auch das Schulwesen und engagierten sich in der Krankenpflege im Spital. Insgesamt 40 Jahre lang waren sie hier – und bereiteten mit ihrem Wirken die Reformation vor.
Beim Spaziergang durch den idyllischen grünen Stiftshof stößt man bald auf die Plastik von Primus Truber: Der Pfarrer, der in seiner Heimat auch der „slowenische Luther“ genannt wird, kam um 1560 nach Urach. Er übersetzt das Neue Testament ins Slowenische und schuf damit die slowenische Schriftsprache. „Der evangelische Glaube und das Wort Gottes sollten in die Welt hinausgetragen werden“, sagt Hartmann. Für Primus Truber wurde daher im Stift eine Druckerei eingerichtet, in der 30?000 Bibeln, Predigten und Katechismen in Slowenisch und Kroatisch gedruckt wurden. Die Verbindungen nach Slowenien seien immer noch eng, berichtet Bärbel Hartmann, so gibt es eine Partnerschaft mit dem Land, und regelmäßig sind slowenische Reisegruppen zu Gast.

Zum Brennpunkt des reformatorischen Geschehens wurde Bad Urach durch den so genannten Götzentag: Die Amanduskirche, die zu dieser Zeit voll mit Altären, Heiligenfiguren und Bildern war, stand im Mittelpunkt der Diskussion. Auch sie sollte, wie alle evangelisch gewordenen Kirchen, von mittelalterlichen Relikten befreit werden. So wollten es vor allem die strengen Anhänger der schweizerischen Reformation. Die liberalen Lutheraner hatten jedoch etwas dagegen. So lud Herzog Ulrich zum Streitgespräch der beiden Anhänger nach Urach ein – auch Johannes Brenz war mit dabei.
Ein wirkliches Ergebnis kam bei dem Bilderstreit nicht zustande. Doch am Ende „hat sich dabei die radikale Linie durchgesetzt“, berichtet Pfarrerin Ute Bögel, stellvertretende Leiterin des Einkehrhauses. So ordnete Herzog Ulrich an, alle Bilder aus dem Gotteshaus zu entfernen. Viele Altäre, Figuren und Gemälde fielen diesem Akt zum Opfer.

Trotzdem ist die Amanduskirche,  die unter dem in Urach geborenen und residierenden württembergischen Grafen Eberhard im Bart erbaut wurde, heute noch reich an Schätzen. Dazu gehört etwa der ehemalige Betstuhl des Landesherrn, der knapp sechs Meter hoch und aus Eichenholz geschnitzt ist. Im Chorgestühl sind die Büsten der „Brüder des gemeinsamen Lebens“ dargestellt. Sie sind mit einer kleinen Mütze versehen – diese trugen die „Kappenbrüder“ immer, wenn sie das Stift verließen.

„Die Brüder wollten keine Mönche sein“, betont Bärbel Hartmann beim Rundgang durch die spätgotische Kirche. Auch deshalb passe beim Stift Urach der Begriff des Einkehrhauses besonders gut. „Einkehr als Rückbesinnung – aber auch als Zuwendung nach außen, zum Leben.“ Am besten fühle sich der Mensch ohnehin, „wenn beides miteinander im Einklang ist“.

Und so bietet auch das Einkehrhaus seinen Besuchern die Möglichkeit, sowohl Spiritualität als auch Gastlichkeit und Geselligkeit auszuleben. In dem Gebäude, das 2012 umfassend renoviert wurde, finden regelmäßig Seminare statt, es gibt Meditationsangebote und Einkehrzeiten, und das Gebäude kann für private Feiern gemietet werden.

 1980 wurde das Stift Urach Einkehrhaus der württembergischen Landeskirche. Auf die Spuren der reichen Geschichte stößt man, trotz vieler, behutsam integrierter neuer Bauelemente, im Inneren des Gebäudes immer wieder. Es gibt eine Vitrine mit Relikten aus alten Zeiten; und vor dem Abgang zum Stiftskeller hängt eingerahmt der Wahlspruch von Graf Eberhard „At­tempto“ („Ich wag’s“).
Ein bis heute gültiges Motto für das Einkehrhaus, das immer noch von seinen Wurzeln bestimmt ist – doch bis heute genug Raum für Neues und Aufbruch bietet.

Information
Bei einer Hausführung im Stift Urach können Besucher mehr über die bewegte Geschichte des Einkehrhauses erfahren. Die Führungen sind samstags von Mai bis 1. Oktober, ab 13.30 Uhr, dauern etwa eine Stunde und beginnen im Innenhof beim Eingang zum Empfang. Anmeldung ist nur bei einer Gruppengröße ab 15 Personen erforderlich. Informationen unter Telefon 07125-94990. Die Amanduskirche hat in den Sommermonaten von 10 bis 18 Uhr und in den Wintermonaten bis 16.15 Uhr geöffnet.

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