Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gott im Rotlichtviertel

Der Name ist Programm: Hoffnungshaus. Mitten in der Altstadt von Stuttgart will es Prostituierten Hoffnung machen. Die Frauen können sich dort aussprechen, um Hilfe bitten oder einfach nur da sein. Ein Besuch im Stuttgarter Leonhardsviertel.


In den oberen Räumen des Hoffnungshauses sind Wohnungen untergebracht. Stefan Kuhn und Wilbirg Rossrucker haben vor dort einen guten Überblick, was auf der Straße los ist. (Foto: Werner Kuhnle)

Auch in der Früh um 9 Uhr merkt der Besucher, wo er gelandet ist. Die Bars und Etablissements in der Leonhardstraße und am Leonhardsplatz heißen Eros No1, Star Casino, Sansibar. Zwei Frauen lugen aus der Tür des Eros No1. In Sichtweise schaut die Leonhardskirche herüber, wo im Winter immer die Vesperkirche für die Armen stattfindet. In der Jakobstraße befindet sich das Café Strichpunkt, das Café La Strada und die Aidshilfe. Das Stutgarter Rotlichtmilieu.

Die Fensterläden am Hoffnungshaus schräg gegenüber sind verrammelt. Ein Zeichen dafür, dass das Haus geschlossen ist. Offene Fensterläden würden signalisieren: das Café hat geöffnet. Stefan Kuhn lässt daher seine Besucher zur Hintertür herein. Im Café ist es schummrig, aber gemütlich schummrig. Auf einem Couchtisch steht eine Veeh-Harfe, mit der man ohne Anleitung Melodien erklingen lassen kann, daneben ein E-Piano. Der 38-jährige Stefan Kuhn ist der Bezirksverantwortliche des Evangelischen Gemeinschaftsverbands, die Apis, und für die Stadtteilarbeit und das Hoffnungshaus zuständig. Die Hausleitung hat Wilbirg Rossrucker. Die 53-jährige Sozialarbeiterin ist eigentlich Hebamme und wohnt im Hoffnungshaus, zusammen mit vier anderen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Das ist das Konzept der Apis, die das Haus tragen: Wohnen und arbeiten.

Liebevoll ist das denkmalgeschützte Haus renoviert worden. Rund 270 Jahre alt sind die zwei ineinander verbauten Häuser in der Stuttgarter Leonhardstraße. Hier hat einst Theodor Heuss Billard gespielt. Inzwischen ist die einstige Kneipe „Zum Schatten“ unter Denkmalschutzauflagen seiner neuen Bestimmung zugeführt worden. Hier finden Frauen, die als Prostituierte arbeiten, einen Ruhe- und Rückzugsraum. Sie finden dort auch Menschen, die für sie da sind und ihnen Wertschätzung vermitteln.

Das Fachwerk ist zum Teil noch sichtbar, die Wände weiß gestrichen, Teppichböden auf den Fliesen bringen Weichheit ins Spiel. Die Möbel sind hochwertig. Eine italienische Kaffeemaschine ist das Willkommenssignal an die Frauen, die das Café aufsuchen. „Die Frauen sollen den Raum hier als Wohnzimmer empfinden und zur Ruhe kommen können“, erklärt Stefan Kuhn. Viele kennen das Haus auch noch von früher als es ein entsprechendes Etablissement war und die Renovierung des Hauses soll auch zeigen: Veränderung ist möglich. „Wir wollen die Sehnsucht anregen, so dass die Frauen denken: Eigentlich möchte ich immer so behandelt werden“, meint Kuhn.

Dass das nicht so einfach ist, wissen die Mitarbeiter des Hoffnungshauses. Deshalb arbeiten sie im Netzwerk mit anderen Anlaufstellen wie dem Café Strichpunkt und la Strada zusammen, halten Kontakt zum Rathaus und zur Diakonie und anderen Vereinen, die Beratung anbieten. Die Aspekte sind dabei vielseitig: Rechtsberatung, Gesundheitsberatung, Ausstiegsmöglichkeiten.

Seit Herbst 2016 wohnen eine Krankenschwester, eine Physiotherapeutin, ein Arbeitserzieher und eine Studentin für soziale Arbeit im oberen Stock des Hauses. Alle bringen sich ehrenamtlich in die Arbeit mit Prostituierten ein. Zudem wohnt dort Wilbirg Rossrucker als hauptamtliche Kraft. Die erfahrene Hebamme aus Österreich, die sich derzeit zur systemischen Beraterin qualifiziert, kümmert sich nicht nur um die betroffenen Frauen, sondern auch um die Vernetzung der Arbeit mit anderen sozialen Trägern und der Stadt Stuttgart und zusätzlich um Aufklärung und Prävention.

Wichtig im Hoffnungshaus ist, dass nur Frauen Zutritt haben. Nur im Brunch-Gottesdienst einmal im Monat dürfen auch Männer kommen. Da gibt es Frühstück. Man singt und betet. Jeder kann aber jederzeit aufstehen und gehen. Selbst der Bäcker, der die Torten bringt, bleibt aus Respekt draußen vor der Tür stehen. Wenn Männer den Kopf zur Tür hereinstrecken werden sie freundlich „hinauskomplimentiert“, erzählt Stefan Kuhn und betont. „Es ist wichtig, dass die Frauen bei uns Respekt erleben.“

Kostenlos bekommen die Frauen zu den Öffnungszeiten des Cafés Kaffee, Cappuchino, Latte macchiato, Kuchen, Brötchen. Mitarbeiterinnen sind da, setzen sich zu ihnen. Es wird gespielt, gebastelt, Musik mit der Harfe oder der Gitarre gemacht, gesungen. Physiotheraputen bieten immer wieder Massage an. Auf einem Tischchen steht Nagellack. „Das ist auch wichtig“, sagt Wilbirg Rossrucker. „Manche wollen, dass wir für sie die Nägel lackieren“, erzählt sie und streckt selbst dabei ihr Finger auf dem Tisch aus. Und dann kommt man auch ins Gespräch: „Glaubst du, dass Gott hilft?“ Im Plauderton steigen die Hoffnungshausmitarbeiterinnen auf diese Fragen ein. Stefan Kuhn berichtet, dass die Frauen wissen, wo sie sind, also in einem Haus der Kirche. Und deshalb würden sie auch solche Fragen stellen. Außer einem kleinen Kreuz an der Bar weist jedoch nichts auf die kirchliche Trägerschaft hin. Das spricht sich einfach rum. Und es wird wahrgenommen. „Ich komme gerne, bei euch ist es so hell, bei uns ist es immer so dunkel, hier ist so eine gute Stimmung“, habe eine Frau bemerkt, wie Wilbirg Rossrucker sich erinnert.

Die Religiosität könne helfen, Traumata aufzuarbeiten, meint Stefan Kuhn: „Wir können dadurch anknüpfen an das, was die Frauen aus ihrer Kindheit kennen.“ Wie Wilbirg Rossrucker ergänzt, kommen auch viele Frauen aus Osteuropa und seien von der Kirche geprägt, meist katholisch oder orthodox. „Das ist für uns ein Anknüpfungspunkt.“ Hilft Gott? „Wenn ich so eine Frage woanders stelle, werde ich für blöd erklärt“, hat eine Frau einmal erzählt, berichtet Wilbirg Rossrucker.

16 Ehrenamtlich kümmern sich seit Januar um die Prosituierten. In der Regel sind sie einmal im Monat da. Sie kommen aus verschiedenen Gemeinden, brauchen ein Führungszeugnis und unterschreiben einen Ehrenkodex. „Das ist keine Arbeit, die man naiv angehen darf“, betont Stefan Kuhn. Man müsse auch erkennen, wann man überfordert sei. Die Ehrenamtlichen sollten daher an eine Gemeinde angebunden sein und Beter im Hintergrund haben, sagt Wilbirg Rossrucker.

Zusätzlich werde professionelle Supervision angeboten. Die Apis bieten zusätzlich an, im Hoffnungshaus mitzuwohnen, was vier Ehrenamtliche in Anspruch genommen haben. Das Gute daran sei, dass man ein Gefühl für das Viertel bekommt, indem man wohnt und auch sonst nach der Arbeit kurz ins Café hereinschauen kann.

Bereits im November 2016 sind sie alle gemeinsam eingezogen, damit niemand alleine im Haus wohnt. „Wir haben uns den Nachbarn vorgestellt, und wir wohnen hier überraschenderweise gut“, sagt Rossrucker. Natürlich sei die Lärmbelästigung groß: Erst um 5 Uhr morgen sei Schluss, wenn die Betrunkenen rausfliegen. Und die Bewohner wissen, wovon die Frauen reden: „Wir sehen den Dealern zu, schauen zu, wie die Mädchen geliefert und geholt werden. Wir sehen das Klientel, das alle Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten umfasst.“ Auch die Polizei sei oft vor Ort und Wilbirg Rossrucker lobt deren Ruhe und Professionalität, während draußen gerade eine Frau heftig zu schreien beginnt.

Es ist wohnlich in der Leonhardssraße Nummer 1: Im Café steht auch ein Aquarium. Die Ledercouch kann man umklappen, um zu schlafen. „Manche Frauen machen das oft, weil es der einzige Ort ist, an dem sie ohne Angst schlafen können“, erzählt Wilbirg Rossrucker. Im Mitarbeiter stehen Bibeln in verschiedenen Sprachen. Toiletten sind im Keller, natürlich nur Damen-Toiletten und eine Dusche. Auch die Massage-Liege steht dort.

Ein Privateingang führt zu den Wohnungen. An der Tür steht der Spruch aus Jesaja 41,10 („Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“). Es ist eine Erinnerung an das jüdische Viertel. Denn der Spruch war auch in der Jakobstraße gegenüber vom Café La Strada angebracht. Oben im ersten Stock steht noch eine Wohnung leer. Es könnte eine Zuflucht für ausstiegswillige Frauen werden, sagt Stefan Kuhn und blickt aus dem Fenster. Von hier aus kriegt man alles mit, was in der Gasse passiert. Gleichzeitig stelle sich die Frage: Wie lange hält man das aus? „Wir müssen es ausprobieren“, sagt er. Oben auf der Dachterrasse wird der Blick schon unbeschwerter und geht gen Himmel.

Stefan Kuhn wird auch genereller: Was wollen wir als Gesellschaft zulassen“, frage er sich. Das Prosituiertengesetz, das gut gemeint war, habe Deutschland zum Bordell Europas gemacht. Er plädiert daher für ein Sex-Kauf-Verbot nach schwedischem Vorbild. Dort habe sich dadurch die Prostitution halbiert. „Man muss an der Nachfrage etwas verändern, damit nicht so viele Frauen auf diesen Weg gebracht werden, um aus der Armut zu kommen“, sagt Kuhn.

Und Wilbirg Rossrucker ergänzt, dass ein Freudenhausbesuch inzwischen zu normal geworden sei. Der Kegelclub gehe abends ins Bordell, und sogar zum Abitur würde ein Bordellbesuch verschenkt. „Da wäre ein Umdenken schon nötig“, sagt sie. Stefan Kuhn meint nachdenklich: „Wenn ich die Busse sehe, die die Frauen bringen, überlege ich, ob es nicht Busse in die andere Richtung geben könnte, die die Frauen mit dem Hoffnungshaus-Logo zurückfahren, wo sie ein neues Leben aufbauen können.“


Information

Im Raum Stuttgart gehen schätzungsweise etwa 4000 Frauen und 300 Männer der Prostitution nach. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind teilweise katastrophal und menschenunwürdig. Gewalt ist an der Tagesordnung. Die meisten Frauen haben keine Perspektive für ihr Leben. Es gilt, ihnen Würde und Anerkennung zu vermitteln, Wege aus der Krise zu zeigen und sie dabei zu begleiten. Der Evangelische Gemeinschaftsverband Württemberg, die Apis hat daher das Hoffnungshaus eröffnet, um diesen Frauen beizustehen. Es werden dabei Gespräche mit den bereits im Stadtteil Aktiven geführt, mit dem Café „La Strada“ und „Strich-Punkt“ mit Initiativen der Stadt, Gemeinden und Kirchen der Evangelischen Allianz, der Caritas und verschiedenen Trägern sozialer Arbeit. Die Öffnungszeiten sind auch dementsprechend abgestimmt.



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