Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hoffnung auf die Hand Gottes

Pfalzgrafenweiler (Dekanat Freudenstadt) – Ameisen so groß wie Schafe, ein Lippenstift wie ein Turm. Dennoch ist Pfalzgrafenweiler nicht das Land der Riesen, vielmehr verfügt der Ort mit Mathias Schweikle über einen Künstler, dessen Arbeiten unübersehbar sind. 

Ein Lippenstift aus einer Linde mitten in der Landschaft. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

Beruflich ist sein Augenmerk auf kleinste Details gerichtet. Schweikle ist Stuckateur und muss in diesem Beruf oft Diffiziles gestalten. Auf rein künstlerischem Gebiet ist er im wahrsten Sinne des Wortes großzügig und gestaltet Kunstwerke in XXL-Format.

Wer auf der Autobahn bei Ehningen/Würmtal-Brücke fährt, der kann das große Nest seitlich auf der Wiese nicht übersehen. Schweikle hat es erschaffen für die „Sculptoura-Kunst in der Natur“ im Landkreis Böblingen. Es lagen auch einmal Eier darin, doch nur im Frühjahr. Schweikle: „Eier im Sommer machen ja keinen Sinn“. Nun ist das Nest leer und viele fragen sich, ob die Eier jetzt wieder hineinkommen. Schweikle verrät es nicht.

Während andernorts Kunstwerke sehr aufwendig restauriert werden, um sie der Nachwelt zu erhalten, überlässt Schweikle seine Kunstwerke dem natürlichen Verfall. Mit voller Absicht, denn die Vergänglichkeit ist in seinen Werken miteinbezogen, ist Teil seiner künstlerischen Aussage. Das führt – vor allem auf dem Land –   durchaus zu Konflikten. „Der könnt‘ seinen Gruscht auch mal aufräumen“, heißt es dann mehr oder weniger offen. Das war auch so bei den überdimensionalen Mikadostäben.

Sie waren nach Sturm Lothar, der am 26. Dezember 1999 besonders heftig in Pfalzgrafenweiler gewütet hatte, Schweikles erstes Kunstwerk. Sie standen an der Straße zwischen Hallwangen und Herzogsweiler und zauberten ein Schmunzeln auf die Lippen des Betrachters, denn diese Mikadostäbe – von Haus aus filigran – waren lange dicke Baumstämme. Für die Kinder Beweis dafür, dass es eben doch Riesen gibt. Für diejenigen, die den Hintergrund kannten – denn der Sturm Lothar hatte die Bäume wie Mikadostäbe umgeworfen – waren sie eine Erinnerung an das einschneidende Ereignis.

Wind und Wetter nagten unaufhörlich an dem Holzkunstwerk, machten es unansehnlich. Schweikle ließ es jedoch stehen: „Das ist der Lauf der Zeit“, sagt der Künstler, „und diese natürliche Entwicklung durchleben meine Kunstwerke genauso wie die Natur und der Mensch selbst.“ Also blieben die langsam verrottenden Mikadostäbe liegen, solange bis sie aus Gründen der Verkehrssicherheit dann doch entfernt werden mussten.

Da sind die Ameisen auf der Kreisverkehrsinsel vor Pfalzgrafenweiler schon haltbarer. Aber sie sind auch aus Metall. Ameisen deshalb, weil die Bewohner des Ortes früher die „Ameisen“ genannt wurden, aber auch zum Nachdenken darüber, welche Bedeutung selbst die kleinsten Wesen für das Ganze dieser Welt haben.

Berühmt wurde der bärtige Künstler aus dem Schwarzwald auch durch ein immer noch dastehendes zweites Kunstwerk nach Lothar: Die vier blauen Bäume. Das sind umgedrehte Stämme, deren Wurzeln in den Himmel ragen. Sie stehen an der B?28 bei Durrweiler und waren schon des Öfteren im Fernsehen. Immer dann, wenn es um die Sturmkatastrophe geht, erinnern sich Journalisten an den Mann aus Pfalzgrafenweiler, der diese Naturkatastrophe in Kunst umsetzte.

Schweikle ist ein naturverbundener Mensch. „Gott hat uns die Natur geschenkt, aber nicht um an ihr Raubbau zu treiben.“ Vor allem das Bienensterben bereitet ihm Sorgen. Um selbst etwas dagegen zu tun, ist er nun auch noch Imker geworden. „Ich glaube die Menschen sind sich gar nicht bewusst, was mit uns passiert, wenn es keine Bienen mehr gibt.“

Wenn Schweikle so etwas sagt, geschieht es nicht zornig, nicht wütend, nicht rebellisch, dazu liebt er die Menschen zu sehr. Wenn er so etwas sagt, klingt es traurig und dennoch voller Hoffnung, dass Gott seine Hand nicht ganz vom Menschen zurückzieht.

Schweikle ist gläubig und möchte seinen Beitrag dazu leisten, die Erde zu retten, zu erhalten. Er tut es praktisch, indem er eben Bienen hält und indem er mit seiner Kunst die Menschen aufrüttelt. Das geschieht ohne erhobenen Zeigefinger, sehr subtil. Nur wer bei Schweikle nachfragt, erhält Erklärungen zu seinen Kunstwerken.

So freuen sich im Sommer zahlreiche Menschen über die bunt bemalten Plastikballen auf den Feldern. Eine Aktion Schweikles, die er jedes Jahr mit Kindern macht, die diese in weißes Plastik eingehüllten Heuballen bemalen.

Dadurch entstehen auf den Feldern rund um Pfalzgrafenweiler bunte Farbtupfer. Einfach schön anzusehen. Und wenn die Menschen sich darüber freuen, freut es Schweikle. Doch er will damit ausdrücken, dass er gerne statt Monokultur bunte Wiesen hätte, auf den Bienen genügend Nahrung finden. Das richtet sich nicht gegen die Bauern. Der Künstler will sie vielmehr dazu animieren, Blumenstreifen an ihren Feldern zu sähen und stehen zu lassen für die Bienen und damit für die Bauern selbst.

Auch die drei Wegkreuze auf dem Staudach, einem christlichen Besinnungsort bei Haiterbach, wurden von Mathias Schweikle angefertigt. Eine Aufgabe, die den Künstler besonders gefreut hat: „Es ist doch schön, wenn wir so etwas in der heutigen schnelllebigen Zeit noch schaffen können“.

Sein neuestes Werk: ein überdimensionaler Lippenstift. Er steht an der B?28, direkt gegenüber dem Gewerbegebiet von Pfalzgrafenweiler. Er ist als solcher sofort erkennbar, erweckt bei den Vorbeifahrenden unweigerlich wieder ein Schmunzeln.

Wenn der Betrachter aber weiß, was der Mann, der diesen Lippenstift so einfach in die Landschaft gestellt hat, damit ausdrücken will, erkennt er darin Kunst mit einer starken Aussage. Schweikle: „Ich habe diese Linde vom alten Friedhof Oberiflingen bekommen. Sie musste gefällt werden und da habe ich die Spannung gespürt, die darin steckt: Friedhof, alter sterbender Baum und ich mache daraus einen Lippenstift, als Symbol der Schönheit und Frische einer Frau.“

Schweikle möchte damit den Blick auf die Schönheit von Gottes Natur lenken und nicht nur das. Der Baumstamm, zum überdimensional großen Lippenstift umgestaltet, wurde von Schweikle ausgehöhlt. Im Korpus hat er einen Bienenstock eingebaut. Das Ganze steht daher auch mitten in den Streuobstwiesen.

„Normal“ ist für Schweikle ein Fremdwort. Er liebt das Unnormale. In seinem Garten steht ein alter Triebwagen der Bahn. „Der rote Schienenbus dient meiner Familie und mir als Gartenhäuschen“, lacht er. Große Raben (im schwäbischen Krabben genannt) hat er vor seiner Werkstatt in einen Käfig gesperrt. Es sind neben den Bienen und Ameisen seine Lieblingstiere. Im Waldachtal begegnen einem die Schweikle Krabben auf einem 2,5 Kilometer langen Krabbenweg, der die Lebensweise von Rabenvögeln thematisiert.

Gehen ihm irgendwann die Ideen aus? Wohl kaum. Schweikle ist eine Künstlernatur, so wie sein Vater und Großvater es auch schon waren. „Mein Vater hat uns Kinder immer viel gestalten lassen“. So wurde in das Kind Mathias sehr viel Fantasie eingepflanzt, die der Schweikle von heute immer wieder neu umsetzt. Ein Leben ohne Kunst wäre für den 54-Jährigen gar nicht denkbar.


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