Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Ich kann nicht anders!“

Luthers Verweigerung des Widerrufs vor dem Kaiser auf dem Reichstag in Worms am 18. April 1521 wird als  großes Ereignis der Weltgeschichte, als mutige Heldentat und als Geburtsstunde der modernen Gewissensfreiheit gefeiert. Doch man kann dieses Ereignis auch anders betrachten. 


Hans Baldung Grien hat Luther als Heiligen dargestellt. (Foto: PD)

„Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Heiligen Schrift oder einen einleuchtenden Vernunftgrund überzeugt werde – denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie häufig geirrt und sich selbst widersprochen haben – so bleibe ich an die von mir angeführten Schriftworte gebunden. Und solange mein Gewissen gefangen ist von den Worten Gottes, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“  Diese Worte sind in „die großen Reden der Weltgeschichte“ eingeordnet, in einer Reihe mit Jesu Bergpredigt.

Der Augenblick kann als eine „Sternstunde der Menschheit“ bezeichnet werden. So sagte etwa der Tübinger Professor Walter Jens: „Ich sehe das protestantische Prinzip sehr deutlich vor mir. Es lautet: Zeige bei allem, was du tust, als ein vor Gott gerechtfertigter Mensch Courage, Courage gegenüber den großen ‚Hansen‘ in der Welt und gegenüber den großen und kleinen ‚Päpsten‘ in der Kirche. Der entscheidende reformatorische Satz lautet: Wir haben den Glauben an die Autorität durch die Autorität des Glaubens ersetzt. Dieser Satz ist nie widerlegbar und darum Dank an Martin Luther.“

Wie konnte es im Jahr 1521 zu diesem dramatischen Höhepunkt kommen? Nachdem der Papst als Oberhaupt der Kirche Martin Luther am 3. Januar 1521 als Ketzer gebrandmarkt und kirchlich gebannt hatte, war klar, dass auch der Kaiser als weltliches Oberhaupt und Hüter des christlichen Abendlandes nicht untätig bleiben durfte.

Er war der mächtigste Mann der Welt, denn er regierte ein Reich, in dem die Sonne niemals unterging, wie er selbstbewusst kommentierte. Einen Ketzer in seinem Reich wollte er nicht dulden.
So lud er den Theologieprofessor aus dem fernen Wittenberg zum ersten Reichstag, den er auf deutschem Boden abhielt, nach Worms. Und er gab ihm die Zusage freien Geleits.

Eigentlich hätte Luther nach Rom ausgeliefert werden sollen, so forderte es jedenfalls der Papst. Doch Luthers Landesherr Kurfürst Friedrich III. von Sachsen, genannt der Weise, weigerte sich, ihn auszuliefern. Als einer der wichtigsten Landesherrn in Deutschland konnte er mit seiner Macht, Umsicht und Klugheit seinen Willen durchsetzen.

Luther wird nach Worms geladen. Die Reise wird zum Triumphzug. Luther ist inzwischen ein Volksheld, auf den die Reformfreudigen alle Hoffnungen setzen. In Worms erwarten Luther am 16. April jubelnde Menschenmengen, ähnlich wie damals bei Jesu Einzug in Jerusalem. 2000 Schaulustige sollen es gewesen sein.

Es kursieren Bilder, die Luther mit einem Heiligenschein zeigen. Entsetzt berichtet Aleander: „So hat man ihn denn auch neuerdings mit dem Sinnbild des Heiligen Geistes über dem Haupte und mit dem Kreuz oder auf einem anderen Blatt mit der Strahlenkrone darstellt; und das kaufen sie, küssen es und tragen es selbst in die kaiserliche Pfalz.“

In einem Schreiben an den Papst warnt Aleander vor einem möglichen Aufstand und Abfall von Rom, vielleicht gar vor einer Kirchenspaltung: „Ganz Deutschland ist in hellem Aufruhr. Für neun Zehntel ist das Feldgeschrei ‚Luther‘, für die übrigen, falls ihnen Luther gleichgültig ist, wenigstens ‚Tod der Römischen Kurie‘, und jedermann verlangt nach einem Konzil.“

Da steht der gefeierte, gestandene, 37-jährige Theologe vor dem jungen, erst 21-jährigen Herrscher Europas, ja der Welt, und vor den großen des Reichs, den Kurfürsten und Kardinälen. In den Darstellungen pflegt dabei Luther den Kaiser mitunter zu überragen: entweder dadurch, dass nur er steht, oder durch seine Dominanz.

Die Wirklichkeit muss anders gewesen sein. Den Anwesenden erscheint Luther bei seinem Auftritt vor dem Reichstag am 17. April eher schüchtern, unsicher, ängstlich. Das politische Parkett ist für den Mönch schließlich fremd. Er wird aufgefordert, seine Schriften zu widerrufen. Luther bittet um Aufschub, den man ihm gewährt.

Am folgenden Tag aber hat er seine Sicherheit wiedergefunden. An diesem 18. April verweigert er den geforderten Widerruf. Das selbstbewusste Schlusswort, das in der protestantischen Tradition bald zum geflügelten Wort aufsteigt, ist in den originalen Reichstagsprotokollen nicht zu finden: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ Doch einen Stoßseufzer hat er wohl gesprochen, wie übrigens auch am Ende seiner Predigten: „Gott helfe mir. Amen.“

Wie ist die Szene zu deuten? Der Kaiser sieht es als Weigerung eines Halsstarrigen, der gegen die Kirche und alle Welt opponiert und verhängt über ihn die Reichsacht. Seine Anhänger feiern ihn als Helden. Sein kluger Landesherr lässt ihn inkognito auf die Wartburg in Sicherheit bringen. Luther ist der Mann der Stunde. Er selbst setzt noch eins drauf. Als er nach einem Dreivierteljahr  wieder nach Wittenberg kommt, sagt er in seiner ersten Predigt: „Wenn ich mit Ungestüm hätte vorgehen wollen, wollte ich das deutsche Land in ein großes Blutvergießen gebracht haben, ja ich wollte wohl zu Worms ein Spiel angerichtet haben, dass der Kaiser nicht sicher gewesen wäre.“

Mit anderen Worten: Luther hat sich – zumindest im Nachhinein – gegenüber dem Kaiser als der Mächtigere gefühlt. Nach seiner Ansicht hätte er gemeinsam mit seinen Anhängern den Kaiser absetzen können.

Noch einmal eine ganz andere Perspektive und Deutung bietet Thomas Müntzer, zuerst Schüler Luthers, bald aber sein entschiedener Gegner und revolutionärer Volkstheologe. Er wirft Luther, dem „sanftlebenden Fleisch zu Wittenberg“ vor, er vertrete die Interessen der aufstrebenden Fürsten, verheiße ihnen die Einverleibung von Kirchengut in ihren Besitz: „Wenn du zu Worms gewankt hättest, wärest du vom Adel eher erstochen als losgegeben worden. Das weiß doch ein jeder. Wer sich auf deine Schalkheit (Durchtriebenheit, die Redaktion) nicht verstünde, der schwöre wohl zu den Heiligen, du wärest ein frommer Martin. Schlaf sanft, liebes Fleisch!“ Neben dem Einzug von Kirchengut durch die reformatorischen Regenten entstand dann ja tatsächlich – zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht absehbar – in den lutherischen Territorien das sogenannte landesherrliche Kirchenregiment, bei dem der Landesherr zugleich als oberster Herr der Kirche fungierte und damit seine Macht ausweitete.
Und was ist mit der – echt reformatorischen – Gewissensfreiheit, die Luther nach einer weit verbreiteten Meinung in Worms begründete? Es fällt auf, dass Luther gar nicht von einem „freien“, sondern von einem „gefangenen“ Gewissen spricht, „gefangen von den Worten Gottes“. Die Bibel setzt er als Maßstab, keineswegs den Einzelnen und sein Gewissen. Wir müssen hinzufügen: die Bibel, wie er sie auslegt und versteht. Alle, die Gottes Wort anders interpretierten, Juden, Altgläubige, aber auch Mitreformatoren, wird er als Feinde des Evangeliums und Jesu Christi, ja Gottes, bekämpfen. Er, der den Widerruf verweigerte, wollte andere zum Widerruf zwingen – oder er übergab sie dem Gericht Gottes. So urteilt er nicht ohne Schadenfreude, ja Sarkasmus nach dem Tod des Zürcher Reformators Ulrich Zwingli, mit dem er sich nicht einigen konnte, wie das Wörtchen „ist“ bei Jesu Abendmahlsworten zu verstehen sei, wörtlich oder sinngemäß: „Zwingli war einmal etwas, aber weder etwas Wahres noch etwas Gutes; so ist‘s auch nicht mehr da. Ich wünschte, dass er selig würde; aber ich fürchte, dass das Gegenteil mit ihm geschah.“

Nein, Luther ist kein Vorkämpfer der Glaubens-, Religions- und Gewissensfreiheit, wie wir sie von den Allgemeinen Menschenrechten und dem Grundgesetz her kennen. Ganz im Gegenteil hätte er die Gewissensfreiheit, wie wir sie heute verstehen, vehement bekämpft.

Und der Kaiser? Er war einerseits der erklärte Todfeind Luthers, der das Wormser Edikt gegen den „offenbaren Ketzer“ erließ und ihn dadurch vogelfrei, also rechtlos, machte. Und den es später reute, dass er die Zusage freien Geleits hielt und „Luther nicht umbrachte“ – denn dadurch „wuchs dieser Irrtum ins Ungeheuerliche“. Andererseits aber wissen wir heute, dass er Luther innerlich weit näher stand, als ihm bewusst war. Die beiden Männer waren durch eine tiefe Frömmigkeit und ähnliche Traditionen geprägt, etwa durch eine Konzentration auf den gekreuzigten Christus. Karl V. war keinesfalls der oberflächliche Konservative, als der er gegenüber dem tiefschürfenden Neuerer Luther häufig typologisch kontrastierend dargestellt wird. Er wollte kirchliche Reformen, aber eben Reformen innerhalb der Kirche.

Vielleicht hat Luther diese Nähe des Kaisers gespürt, wenn auch unbewusst. Denn anders als gegenüber dem Papst, den er aufs Übelste beschimpfte, hat er sich gegenüber „seinem“ Kaiser respektvoll geäußert und verhalten.

 

 

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